— Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Marina stürzte so ungestüm in den Flur, dass die Haustür krachend gegen die Wand schlug. Sie warf ihre Schlüssel schwungvoll auf das Schränkchen und starrte ihre Mutter an.
— Wir rufen dich seit gestern Abend an!
Tamara stand vor dem rahmenbezogenen Spiegel und verstaute seelenruhig einen leichten Mantel in ihrer großen Reisetasche. Sie zuckte nicht einmal bei dem Schrei ihrer Tochter zusammen.
— Und ich will seit gestern Abend nicht mit euch reden.
Sie hob den Blick nicht. Direkt hinter Marina quetschte sich Pascha in die Wohnung. Er atmete schwer, drehte nervös sein Handy in den Händen und blickte sich suchend um.
— Mama, warum machst du das?
Der Sohn trat von einem Fuß auf den anderen und versuchte, versöhnlich zu wirken. — Wir haben uns doch nur Sorgen um deine Gesundheit gemacht. Schließlich bist du keine Jüngere mehr.
Dein Blutdruck spielt verrückt. Was, wenn dich irgendwelche Betrüger einwickeln und dein Geld abgreifen? Die Summe aus dem Verkauf der Datsche ist schließlich gewaltig.
Tamara zog sorgfältig den Reißverschluss der Tasche zu, überprüfte noch einmal die Seitentasche und sah ihren Sohn an.
— Paschenka, es gibt in meinem Leben nur eine Sorte Betrüger. Und die trampeln gerade mit dreckigen Schuhen auf meinem Teppich herum.
Genau eine Woche war seit dem Verkauf des großen Familiengrundstücks vergangen. Die Immobilie war schnell und zu einem sehr anständigen Preis weggegangen, die Käufer hatten sofort bar bezahlt.
Tamara hatte lange gezögert. Nach dem Tod ihres Mannes war die Arbeit auf dem Grundstück zur unerträglichen Last geworden; abends tat ihr der Rücken so weh, dass sie sich kaum noch strecken konnte. Ihre Kinder ließen sich dort ohnehin nur ein einziges Mal im Jahr zum Grillen blicken.
Doch die Nachricht vom Verkauf hatten sie mit ungläubiger Begeisterung aufgenommen und sofort beschlossen, dass ihre Mutter so viel Geld ohnehin nicht brauchte.
— Ich verstehe nicht, wofür du so viel Geld brauchst! Marina zupfte nervös am Kragen ihrer teuren neuen Jacke. — Willst du es Etwa mit ins Grab nehmen? Wir brauchen es jetzt! Meine Kredite erdrücken mich, und Paschka rackert sich auf zwei Jobs ab!
— Mit ins Grab, Marina. Ganz genau.
Tamara machte einen Schritt Richtung Küche. — Kommt rein. Wenn ihr euch schon verabschieden wollt. Ich verlange nicht einmal, dass ihr die Schuhe auszieht, ihr bleibt ja ohnehin nicht lange.
Geschwister folgten ihr schweigend. Die Küche war leer. Keine Töpfe auf dem Herd, keine vertrauten Gewürzdosen im Regal. Nur ein nackter Tisch und zwei einfache Stühle.
— Wohin willst du überhaupt?
Pascha setzte sich auf die Kante eines Stuhls und musterte die leeren Regale misstrauisch.
— In den Süden. In ein ordentliches Sanatorium am Meer. Ich werde mir für die ganze Saison ein Zimmer mieten, ein bisschen für mich selbst leben und frische Luft atmen.
— Wie kannst du nur?!
Marina breitete fassungslos die Arme aus. — Wir sind deine Kinder! Für unser Wohl könntest du doch etwas abgeben. In deinem Alter sollte ich mir Gedanken über Enkelkinder machen und nicht durch Kurorte reisen! Dankka ist aus seinen Turnschuhen herausgewachsen, ich weiß nicht einmal, wovon ich ihm neue für die Schule kaufen soll!
— Dann soll Dankkas Vater ihm welche kaufen.
Tamara lehnte sich an die Fensterbank. — Hast du etwa vergessen, dass du regelmäßig Alimente bekommst? Du gibst sie doch nur für Maniküre und neue Stiefeletten aus.
— Das geht dich gar nichts an! Marinas Gesicht lief rot an. — Du verprasst das Geld aus dem Hausverkauf für deinen Urlaub, während wir hier jeden Cent umdrehen müssen!
— Ich habe immer an euch gedacht. Mein ganzes Leben lang.
Tamaram sprach gleichmäßig, ohne jedes Drama. — Als du, Marina, damals auf die kostenpflichtige Universität kamst, habe ich drei Jahre lang in zwei Schichten Böden geschrubbt. Du hast den Abschluss geschafft? Gut. Und jetzt verstaubt das Diplom in der Schublade.
Sie wandte den Blick ihrem Sohn zu: — Und als du, Pascha, deine erste Firma gegründet hast und pleitegingst, wer hat deine Schulden bezahlt? Ich habe unsere Datsche beliehen und sie danach fünf Jahre lang mühsam freigekauft. Damals hatte dein Vater seinen ersten Herzinfarkt.
— Das ist ewig her!

Der Sohn winkte ab. — Jetzt ist die Situation anders. Wir haben eigene Familien und brauchen Hilfe. Ritka lässt mir wegen der Hypothek keine Ruhe. Sie sagt, wenn die Mutter schon die Datsche verkauft hat, ist sie verpflichtet, uns einen Teil abzugeben. Das ist schließlich auch unser Erbe!
— Erbe gibt es erst nach dem Tod.
Tamara lächelte bitter. — Und ich lebe noch.
— Wenn wir dir geholfen hätten, hättest du die Datsche doppelt so teuer verkauft!
Marina ließ nicht locker und lief in der leeren Küche auf und ab. — Wir haben dort schließlich unsere ganze Kindheit geschuftet!
— Kindheit?
Die Mutter zog eine Augenbraue hoch. — Letztes Jahr habe ich euch gebeten, das Dach der Veranda zu reparieren. Pascha hat versprochen zu kommen, hat sich aber drei Monate Zeit gelassen. Stattdessen ist er mit Freunden in ein Erholungsheim gefahren. Und du, Marinka, wann hast du das letzte Mal dort ein Beet umgegraben? Vor zehn Jahren?
— Ich arbeite, falls du es vergessen hast!
Die Tochter fuhr sie scharf an. — Ich habe keine Zeit, in der Erde zu wühlen! Außerdem sind wir nicht gekommen, um über Kartoffeln zu reden.
Pascha räusperte sich und griff in die Innentasche seiner Jacke.
— Mama, wir wollten uns nicht streiten. Er legte ein gefaltetes Blatt Papier auf den Tisch. — Aber du zwingst uns dazu. In Anbetracht deines Alters und deines sonderbaren Verhaltens… Der heimliche Verkauf der Datsche, diese plötzlichen Reisevorbereitungen wohin auch immer…
Tamara blickte auf das weiße Papier. — Was ist das?
— Ein Antrag.
Marina übernahm sofort das Wort, und in ihrer Stimme lag unverhohlene Erpressung. — An das Sozialamt! Und an einen Arzt. Wir haben sogar Aussagen von Nachbarn, dass du anfängst, wirres Zeug zu reden. Altersbedingte Veränderungen, gestörte Realitätswahrnehmung. Man muss dich behandeln, bevor du dein ganzes Geld irgendwelchen Betrügern in den Rachen wirfst!
Pascha schob das Papier näher an seine Mutter heran.
— Du unterschreibst eine Vollmacht, damit ich deine Konten verwalten kann. Dann tragen wir dieses Dokument nirgendwo hin. Du wirst friedlich in deiner Wohnung leben, und wir bringen dir ab und zu Lebensmittel vorbei.
Vielleicht nehmen wir dich im Sommer mal für ein Wochenende mit zu Bekannten auf die Datsche, damit du etwas frische Luft schnappst.
Tamara musterte ihre Kinder lange. Nachdenklich, ohne Wut, eher mit einer Mischung aus Müdigkeit und Ekel. Sie hatte hysterische Schreie erwartet, Vorwürfe und Gezeter über Ungerechtigkeit. Aber der Versuch, sie für ein paar Scheine für verrückt erklären zu lassen, schlug dem Fass den Boden aus.
— Ihr wollt mir also Lebensmittel bringen?
Ihre Stimme klang trocken. — Graupen aus dem Sonderangebot und Kefir?
— Mama, übertreib nicht!
Pascha zuckte nervös mit den Schultern. — Wir kümmern uns doch nur um dich! Du verstehst gar nicht, wie hoch die Preise im Moment sind. Dein Geld ist in einem Jahr weg, während wir es für etwas Sinnvolles einsetzen können. Ich zahle einen Teil der Hypothek ab, und Marina bekommt auch etwas. Es bleibt ja in der Familie.
— Marina bekommt auch etwas?!
Die Tochter wandte sich sofort wütend ihrem Bruder zu. — Was heißt hier „etwas“?! Wir teilen halbe-halbe! Dir hat die Mutter früher schließlich auch deine Schulden bezahlt!
— Meine Frau ist in Elternzeit!
Der Sohn erhob die Stimme. — Wir brauchen eine größere Wohnung! Du bist doch selbst schuld an deinen ganzen Krediten, feine Stadtdame!
— Halt den Mund!
— Halt du ihn selbst!
Tamara beobachtete schweigend, wie sich ihre Kinder wegen fremden Geldes – Geld, das sie nicht einmal selbst verdient hatten – gleich an die Gurgel gehen wollten.
— Von welcher Familie sprichst du, Pascha?
Die Stimme der Mutter schnitt durch den Streit. Sie richtete sich auf. — Von der Sorte, die bereit ist, mich für unzurechnungsfähig erklären zu lassen, nur um an einen fremden Geldbeutel zu kommen? Ihr fresst euch doch gegenseitig auf.
Sie schrie nicht, sie warf kein Geschirr. Sie ging lediglich um den Tisch herum und blieb vor ihrem Sohn stehen.
— Ich wollte euch diese Wohnung hinterlassen. Ich dachte, sie wäre ein guter Start für die Enkelkinder, während ich selbst in ein kleines Häuschen aufs Land ziehe.
Marina lehnte sich gierig vor, den Streit mit ihrem Bruder augenblicklich vergessend. — Na siehst du! Großartige Idee! Machen wir das so! Nur das Geld vom Datsche-Verkauf brauchen wir jetzt auch. Wir machen hier eine Renovierung, und du wirst selbst gerne zu Besuch kommen!
— Das werde ich nicht.
Tamara ging entschlossen in den Flur und nahm ihre Tasche. — Denn ich werde nie wieder hierher zurückkehren. Ihr Aasgeier seid mit euren Papieren zu spät gekommen. Auf meinen Konten befindet sich kein Cent mehr.
Pascha wurde kreidebleich und sprang von seinem Stuhl auf.
— Wie, da ist nichts mehr?! Was hast du damit gemacht? Mama, hast du es etwa überwiesen?! Hat man dich betrogen?!
— Ich habe ein Haus gekauft. Am Meer.
Tamara warf sich den Mantel über. — Das Geld ist beim Verkäufer. Es gibt keine Millionen mehr. Es gibt nur noch mein Eigentum anderthalbtausend Kilometer von hier.
In der Wohnung trat eine bleierne Stille ein. Von der Straße her drang das Hupen eines Autos.
— Und… und die Wohnung?
Marina blinzelte verwirrt, ihre Zuversicht war wie weggeblasen.
— Ich habe die Wohnung vermietet. Langfristig. An eine anständige Familie mit zwei Kindern. Sie haben das Geld für ein Jahr im Voraus bar bezahlt, und diesen Betrag habe ich ebenfalls mitgenommen.
— Dazu hattest du kein Recht!
Pascha stürzte in den Flur. — Das ist unsere Wohnung! Wir sind hier groß geworden!
— Das ist meine Wohnung, Pascha. Dein Vater und ich haben sie uns gemeinsam erarbeitet. Die Mutter öffnete die Haustür. — Und jetzt werden hier fremde Leute wohnen. Übrigens sind sie vor ein paar Minuten mit dem Taxi vorgefahren, sie kommen gleich mit ihren Sachen nach oben.
Marina lehnte sich an den Türrahmen, als hätte man ihr die Luft abgedrückt.
— Mama, du spinnst doch…
Pascha fiel in sich zusammen. Seine ganze Selbstsicherheit war verflogen; vor ihm stand die reale Aussicht, jede mütterliche Unterstützung zu verlieren und zu seiner wütenden Frau nach Hause zurückzukehren.
— Wir haben das doch nur im Eifer des Gefechts gesagt…
Er versuchte ein schiefes Lächeln. — Es tat uns einfach leid, dass du alles heimlich verkauft hast. Wir sind doch Familie!
— Im Eifer des Gefechts wirft man Geschirr kaputt.
Tamara trat auf den Hausflur hinaus. — Aber gefälschte Gutachten gegen die eigene Mutter bereitet man mit eiskalter Berechnung und Niedertracht vor. Geht. Ihr beide. Ich muss zum Bahnhof.
— Mami, warte!
Marina versuchte, nach ihrem Ärmel zu greifen. — Was soll denn jetzt aus uns werden? Ich habe doch meine Kredite…
— Du wirst dir einen zweiten Job suchen. Genauso wie ich damals.
Tamara löste sanft, aber bestimmt die Hand ihrer Tochter von ihrem Ärmel. Geschwister blieben schweigend auf dem Flur stehen; sie sahen aus, als hätte man sie mit eiskaltem Wasser übergossen.
Tamara schloss die Tür und drehte den Schlüssel im Schloss um.
— Den Schlüssel für unten übergebe ich gleich den Mietern.
Sie drückte auf den Fahrstuhlknopf. — Meine neue Adresse müsst ihr nicht wissen. Morgen werde ich auch meine Telefonnummer ändern.
Sie trat in die Kabine des Aufzugs und ließ die beiden vor verschlossenen Türen zurück.
Einen Monat später saß Tamara auf der offenen Veranda einer kleinen Pension. Ein warmer Wind wehte vom Meer herüber. Sie trank Kräutertee aus einer weißen Tasse und beobachtete Möwen, die über der Mole kreisten.
Das neue Handy lag auf dem Tisch. Es enthielt nur drei Nummern: die der Pensionsbesitzerin, die des örtlichen Taxifahrers und die des Arztes aus der Poliklinik. Sie war vollkommen ruhig.