„Ich werde euch von diesem ganzen Gerümpel befreien“, sagte die Schwiegermutter wütend und warf die Porzellantasse sowie Lillas Gesichtsserum einfach in den Müll.

by zuzustory1303
86 views

Ein lauter Knall riss durch die Küche. Die Scherben landeten im Mülleimer, mitten zwischen den Kartoffelschalen. Einen Augenblick später folgte die dazugehörige Untertasse. Lilla blieb wie erstarrt an der Schwelle stehen. Die Einkaufstüten, die sie nach ihrer nächtlichen Schicht in der Apotheke von der Haltestelle herbeigeschleppt hatte, zerrten schmerzhaft an ihren Armen.

– Was zur Hölle machst du da?

– Ich mache eure neue Wohnung wohnlicher.

Ihre Schwiegermutter klopfte sich die Handflächen ab und strich sich dann über die große, auffällige Brosche an ihrer Brust. – Dieses Service ist der Inbegriff von Geschmacklosigkeit. Es tut regelrecht weh, diesen kleinbürgerlichen Albtraum anzusehen. Gábor wird bald anständiges, modernes Geschirr besorgen. Solche Sachen, auf denen keine Blümchen drauf sind.

Lilla stellte die Taschen auf den kleinen Hocker. Ihr Rücken schmerzte vor Erschöpfung. Ihr Blick glitt vom Mülleimer hinüber zum Küchenschrank. Dort herrschte makellose, fast schon sterile Ordnung. Nur dass ihre kleinen Tiegel spurlos verschwunden waren.

– Wo ist mein Gesichtsserum?

Sie machte einen Schritt auf die Spüle zu.

– Und meine Vitamine? Die standen hier, direkt neben dem Wasserfilter.

– Genau dort, wo diese scheußlichen Tassen waren. Mária winkte ab und zog dabei das verrutschte Spitzentuch auf dem Esstisch wieder gerade.

– Kindchen, wozu brauchst du all diese Chemie? In deinem Alter sollte man das Gesicht mit saurer Sahne einreiben, statt mit sündhaft teuren Präparaten. I

ch habe mir die Inhaltsstoffe durchgelesen, das ist purer Giftmüll. Ich habe euch von diesem Plunder befreit. Eine Wohnung hat gefälligst sauber zu sein.

Lilla blickte in den Mülleimer. Die Glasampulle, auf die sie zwei volle Monate gespart hatte, lag ganz unten, beschmiert von der Suppe von gestern daneben lag die Plastikdose mit den Vitaminen, umgeben von den Splittern des Porzellans, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.

– Mutter, sag mal, warum musst du eigentlich immer an die Sachen anderer Leute gehen?

Gábor stand im Flur und schob die Hände tief in die Taschen seiner Jogginghose. Sein verängstigter Blick huschte zwischen seiner Mutter und seiner Frau hin und her; man sah ihm an, dass er sich aus dem sich anbahnenden Streit am liebsten unsichtbar gemacht hätte.

– Gábor, du hast einfach keinen Sinn für Wohnästhetik!

Mária begann mit einem feuchten Schwamm die leergefegte Arbeitsfläche abzuwischen.

– Von diesem visuellen Lärm kriege ich sofort Migräne. Ihr seid in eine anständige Zweizimmerwohnung gezogen. Dazu sollte man langsam mal erwachsen werden und nicht die Gewohnheiten aus dem Studentenwohnheim mitschleppen.

Lilla nahm wortlos eine Packung Nudeln, eine Dose Fleischkonserven und zehn Eier aus der Tasche. Diese Wohnung hatte sie übermenschliche Anstrengungen gekostet. Den Hypothekarkredit hatte man ausschließlich auf ihren Namen bewilligt. Auf die erste Rate hatte sie drei ganze Jahre lang gespart und dabei auf fast jede kleine Freude verzichtet.

Gábor hatte vor vier Monaten ganz gemütlich seinen Job verloren. Seitdem war er mit vollem Einsatz dabei, „sich selbst zu finden“: Er verbrachte Tage auf dem Sofa, den Controller in der Hand. Die gesamte Last von Haushalt, Kreditrückzahlung, Nebenkosten und Lebensmitteln ruhte allein auf Lillas Schultern.

– Schon wieder diese billige Milch gekauft?

Mária spähte in die Tasche, die Lilla noch gar nicht ausgepackt hatte.

– Ich habe Gábor gesagt, dass ich davon Sodbrennen bekomme. Du hätte richtige Bio-Milch in Glasflaschen besorgen können. Ich bleibe bis heute Abend bei euch, für meinen Kaffee brauche ich ordentliche Milch.

– Bio-Milch kostet dreimal so viel.

Lilla stellte die Nudeln auf den Tisch, einen Tick fester als nötig.

– Und ich schufte in anderthalb Jobs, damit wir die Wohnung abbezahlen können.

– Ach bitte, stell dich doch nicht als leidende Heilige hin, Kindchen!

Ihre Schwiegermutter breitete empört die Arme aus.

– Gábor befindet sich momentan in einer Übergangsphase der Orientierung. Mein Sohn ist in eine Schaffenskrise geraten, seine Vorgesetzten haben ihn einfach nicht zu schätzen gewusst. Er ist jetzt sozusagen ein pausierender Ernährer. Eine Ehefrau muss ihren Mann in schwierigen Zeiten unterstützen und ihm nicht jeden Bissen unter die Nase reiben.

– Ein pausierender Ernährer?

Lilla sah ihren Mann an. In diesem Bruchteil der Sekunde tat Gábor so, als gäbe es auf seinem Handy etwas Unaufschiebbares zu überprüfen.

– Dieser Ernährer hat in vier Monaten nicht ein einziges Mal etwas zu den Nebenkosten beigesteuert. Ich mache Nachtschichten, Mária. Damit dein Sohn in aller Ruhe sich selbst suchen kann und dabei nicht verhungert.

– Übertreib mal nicht!

Mária hob stolz das Kinn.

– Ihr seid eine Familie. Heute ziehst du den Karren, morgen tut er es. Außerdem hat Gábor gestern erwähnt, dass ein sehr vielversprechendes Projekt in Aussicht steht.

Gábor zog schuldbewusst den Kopf ein. Lilla wusste genau, was für ein „Projekt“ das wieder war: eine weitere geniale Geschäftsidee ohne Startkapital, ein Online-Schuhshop, der sich wahrscheinlich nach einer Woche genauso in Luft auflösen würde wie alle vorherigen.

Zudem hatten sie am Vortag Marias runden Geburtstag gefeiert. Gábor hatte die ganze Woche lang herumgejammert, dass seine Mutter unbedingt ein ganz besonderes Geschenk brauche. Lilla hatte gerade ihre Quartalsprämie erhalten; mit zusammengebissenen Zähnen hatte sie einen stattlichen Betrag davon für einen Aufenthalt in einem guten Wellnesshotel zur Seite gelegt. Sie war ins Reisebüro gegangen, hatte die Termine abgestimmt und den Papierkram erledigt.

Der Geschenkumschlag mit dem Emblem des Wellnesshotels lag nun auf dem Esstisch und lehnte an der Zuckerdose. Mária hatte sich den ganzen Vormittag daran geweidet.

– Das Service meiner Großmutter war eine Erinnerungsstück für mich.

Lillas Stimme blieb gleichmäßig, sie erhob sie nicht einmal.

– Eben deshalb!

Mária schnaubte nur verächtlich.

– Das war Schrott. Alter Plumbach. Von unnötigem Zeug muss man sich ohne Bedauern trennen. Sonst bleibt im Leben kein Platz für neue Dinge. Das sage ich dir als Ältere. Merk dir diese Regel, Kindchen: Was überflüssig ist, muss weg. Man muss Platz schaffen.

Lilla betrachtete die Frau stumm. Die Müdigkeit, die bis eben wie Blei auf ihr lastet hatte, wich mit einem Mal zurück, und an ihrer Stelle blieb eine kalte, glasklare Ruhe.

Sie ging zum Esstisch.

Streckte die Hand aus.

Hob den dicken Geschenkumschlag hoch.

– He, wo nimmst du das hin?

Gábor trat misstrauisch näher an die Küche heran.

– Lilla, was hast du vor?

Lilla antwortete nicht. Sie ging direkt auf den Mülleimer zu, in dem die Gemüseschalen lagen.

– Lilla!

Marias Stimme überschlug sich, als sie begriff, wohin der Weg ihrer Schwiegertochter führte.

– Sofort zurück! Das ist mein Geschenk!

– Alte, überflüssige Dinge soll man ohne Bedauern wegwerfen.

Lilla sprach jedes Wort einzeln und hart aus.

Im nächsten Moment riss sie den festen Karton in zwei Hälften. Der Gutschein mit den amtlichen Stempeln, der Beleg für die vierzehntägige Kur, bezahlt von ihren schlaflosen Nächten, gab mit einem trockenen Knacken unter ihren Fingern nach.

Dann riss sie ihn noch einmal durch. Und warf die Fetzen direkt in den Eimer, mitten hinein in die Tassensplitter und die saure Brühe.

– Was hast du getan?!

Mária kreischte auf und stürzte sich sofort auf den Mülleimer.

– Gábor! Hast du das gesehen?! Diese Frau ist völlig verrückt geworden! Meine Fahrt nach Hévíz!

– Lilla, also das war jetzt wirklich zu viel des Guten.

Gábor trat von einem Fuß auf den anderen und starrte auf die Reste des zerstörten Gutscheins.

– Das hat ein Vermögen gekostet! Wie soll Mama denn jetzt hinfahren?

– Wie bitte?

Lilla wandte sich langsam zu ihrem Mann um.

– Haben wir das etwa bezahlt?

Gábor wich zurück und senkte den Blick.

– Die Reise habe ich bezahlt, sagte Lilla betont langsam. – Von meiner Prämie. Aus purem Wohlwollen. Aber Mária hat recht. Man sollte sich nicht mit überflüssigem Zeug belasten. Ich habe unsere monatlichen Ausgaben überprüft und bin zu dem Schluss gekommen, dass es purer Luxus ist, den Urlaub von jemand anderem zu finanzieren, während gleichzeitig meine eigenen Sachen zerstört und mein Geschirr zerschlagen wird.

– Undankbare Person!

Unter wehklagenden Lauten versuchte Mária, die verunreinigten Papierfetzen aus dem Müll zu fischen. Ihre Finger verschmierten sich mit fettiger Suppenbrühe.

– Ich bin in bester Absicht hierhergekommen! Ich wollte helfen! Und du… Gábor! Sag doch etwas zu deiner Frau! Sie soll dort anrufen und verlangen, dass sie das ersetzen!

Gábor kratzte sich nervös am Hinterkopf.

– Lilla, vielleicht kann man… kann man sich ja eine Zweitschrift ausstellen lassen, oder? Die Nummer ist doch bestimmt im System gespeichert. Die drucken einen neuen aus, und gut ist. Du hast wohl den Verstand verloren, kann ja mal vorkommen. Mama wird sich schon entschuldigen. Nicht wahr, Mama?

Trotz ihrer verschmierten Hände reckte Mária stolz das Kinn nach oben.

– Noch was! Von diesem ungezogenen Weib? Niemals! Sie soll das schön leise selbst regeln! Das ist mein rechtmäßiges Geburtstagsgeschenk!

Lilla zog ein feuchtes Tuch aus der Packung auf dem Tisch und wischte sich mit ruhigen Bewegungen die Hände ab.

– Eine Zweitschrift kann man beim Kundenservice des Reisebüros anfordern.

Sie sah ihren Mann an.

– Das Ganze kostet nicht mehr als ein paar tausend Forint.

Mária wandte sich daraufhin mit einem triumphierenden Lächeln an ihren Sohn.

– Hörst du? Siehst du, dass es gar keine Tragödie gab? Morgen geht sie hin, regelt das, und bringt den neuen Gutschein.

– Gábor geht morgen dorthin – sagte Lilla und warf das benutzte Tuch in den Mülleimer. – Und er bezahlt auch den noch ausstehenden Betrag.

Gábor starrte sie an, als spräche sie eine fremde Sprache.

– Was für einen ausstehenden Betrag? Das ist doch längst bezahlt!

– Ich hatte nur die Anzahlung überwiesen. Dreißig Prozent.

Lilla setzte sich auf den kleinen Hocker. Ihre Beine schmerzten vor Erschöpfung, aber ihre Stimme klang erstaunlich gefasst.

– Laut Vertrag muss der Restbetrag bis morgen Mittag beglichen sein. Ich hatte vor, morgen nach der Schicht hinzugehen und zu bezahlen. Aber da wir heute ohnehin schon so wunderbar überflüssiges Zeug aussortiert haben, werde ich dieses Geld stattdessen in die Sondertilgung unseres Wohnungsbaudarlehens stecken. Also, Gábor, die Beschaffung der Zweitschrift und die volle Bezahlung der Reise sind ab sofort deine Aufgabe.

In der Küche breitete sich tiefe Stille aus. Einzig das gedämpfte, monotone Summen des Fahrstuhls aus dem Treppenhaus war zu hören.

– Du… du hast nicht den ganzen Betrag bezahlt? – stieß Gábor schließlich hervor.

– Nein.

– Aber wovon soll ich Mama dann die Reise kaufen? Ich habe keinen einzigen Heller!

– Das ist ab sofort dein Problem. Du bist ihr Sohn, also regel das. Du könntest dir zum Beispiel einen Job suchen. Oder einen Schnellkredit auf deinen eigenen Namen aufnehmen.

Auf Mairas Gesicht traten rote Flecken hervor. Mal blickte sie auf die im Müll liegenden Fetzen, mal auf ihre Schwiegertochter, und allmählich dämmerte es ihr: Der Urlaub, mit dem sie die ganze Woche lang vor ihren Freundinnen angegeben hatte, hatte sich in diesem Moment in Luft aufgelöst.

– Ich setze in dieser Wohnung nie wieder einen Fuß! – zischte sie und warf die beschmierten Papierfetzen angewidert zurück in den Eimer. – Leb du nur weiter mit diesem geizigen kleinen Nichtsnutz, mein Sohn! Aber komm bloß nicht an und heul dich bei mir aus!

Wütend marschierte sie in den Flur hinaus. Ihre Jacke raschelte, dann fiel die Tür leise hinter ihr ins Schloss; der Schließmechanismus tat unauffällig seine Arbeit.

Gábor stand noch immer in der Mitte der Küche.

– Na großartig – murmelte er und starrte auf die geleerte Arbeitsfläche. – Und was mache ich jetzt? Ich stehe vor Mama komplett blamiert da.

Lilla zog ihre Einkaufstüte zu sich heran.

– Geh und spiel an deiner Konsole, Gábor. Und wenn du schon gehst, bring gleich den Müll runter. Der Eimer ist voll.

Zwei Monate später zog Gábor schließlich aus. Er machte keine Szene, veranstaltete kein Abschiedsdrama; er packte seine Sachen einfach in eine Sporttasche und ein paar Plastiktüten und ging zurück zu seiner Mutter in die alte Plattenbauwohnung.

Er war es leid, dass im Kühlschrank der neuen Zweizimmerwohnung immer exakt eine Portion Essen auf ihn wartete und das Internet wegen Nichtzahlungsverzugs mal wieder genau auf seinen Geräten gesperrt wurde.

Lilla brach nach seinem Auszug keineswegs zusammen. Den Kredit ganz allein zu bezahlen erwies sich als weitaus unkomplizierter, als einen erwachsenen Mann durchzufüttern, der seit Jahren auf der Suche nach sich selbst war.

Das alte Geschirr ihrer Großmutter hatte sie übrigens wieder zusammengeklebt. Natürlich nicht, um daraus Kaffee zu trinken. Sie hatte es einfach ganz nach oben auf das oberste Regal des Küchenschranks gestellt.

Damit es ein bisschen wohnlicher aussieht.

Related Posts

This website uses cookies to improve your experience. We'll assume you're ok with this, but you can opt-out if you wish. Accept Read More

Privacy & Cookies Policy