— Dieses Haus habe ich selbst gekauft, und wir werden hier ohne deine Mutter, deine Schwester und deine Nichte leben! — sagte Wika entschlossen und schloss ihnen die Tür vor der Nase.

by zuzustory1303
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Die schwere, mit schwarzem Metall beschlagene Tür knallte so heftig ins Schloss, dass die Fundamente des neuen Hauses zu erbeben schienen. Hinter ihrem Rücken ertönten das empörte Gequietsche ihrer Schwägerin Lera, das weinerliche Schluchzen ihrer Nichte Alisa und das theatralische, jahrelang geübte Jammern ihrer Schwiegermutter Tamara Petrowna:

— Denis! Deniska! Deine Frau wirft uns auf die Straße! Siehst du das, mein Sohn? Siehst du, wen du da in unser Haus gebracht hast?

Wika lehnte sich mit dem Rücken gegen die kalte Tür und schloss die Augen. Ihr Herz hämmerte ihr bis zum Hals, und im Mund schmeckte es metallisch, wie nach einer Chemotherapie. Sie schluckte und atmete langsam aus. Es pulsierte in ihren Schläfen, bunte Kreise tanzten vor ihren Augen, aber sie zwang sich, gerade zu stehen.

Noch vor drei Stunden hatten sie und Denis glücklich dieses Haus bezogen. Zumindest schien es ihr so gewesen zu sein. Sie erinnerte sich daran, wie sie den Schlüssel im Schloss gedreht und sich zum ersten Mal seit Jahren wie die echte Besitzerin eines Zuhauses gefühlt hatte. Die zweigestöckige Stadtvilla roch nach frischer Farbe und Holz.

Im Wohnzimmer stand ein riesiges Sofa, das sie ganz allein ausgesucht hatte, ohne die Schwiegermutter um Rat zu fragen. In der Küche glänzten die neuen Geräte. Im Schlafzimmer im ersten Stock wartete ein breites Bett mit schneeweißer Bettwäsche, und Wika sehnte sich nur nach einem: sich hinzulegen und zu schlafen – ohne Schmerzen, ohne Angst, ohne endlose Untersuchungen und Ärzte.

Denis war geschäftig umhergelaufen und hatte Kartons aus dem Auto geholt. Er war ein gutaussehender Mann gewesen: groß, mit sanften Gesichtszügen und einem stets schuldbewussten Blick. Früher hatte sie das rührend gefunden. Mittlerweile wusste sie, dass sich dahinter nur pure Schwäche verbarg.

— Wikul, warum stehst du denn so da? — lächelte er, als er die letzte Tasche eintrug. — Da ist er, unser Haus. Du bist einfach unglaublich. Du bist eine echte Zauberin, dass du das alles organisiert hast.

„Organisiert habe ich es“, dachte Wika. „Ich. Ganz allein. Ohne deine Mutter, ohne deine Schwester, ohne deren Ratschläge und Einmischung. Ich habe dieses Haus von meinem eigenen Geld gekauft. Von dem Geld, das ich verdient habe, während du dich selbst in der Musik, in der Geschäftswelt und in den nächsten gescheiterten Projekten gesucht hast.“

Doch laut sagte sie das nicht. Sie nickte nur und überschritt die Schwelle.

Das Haus hieß sie mit Stille willkommen. Doch diese Stille trog. Im Wohnzimmer, genau auf jenem Sofa, das Wika mit so viel Liebe ausgesucht hatte, saß bereits jemand. Es roch nach fremdem Parfüm, billigem Kaffee und etwas Moderndem – wie in alten Wohnungen, in denen jahrelang kein Fenster geöffnet wurde.

Die erste, die Wika erblickte, war Tamara Petrowna. Die Schwiegermutter saß mitten auf dem Sofa wie eine Königin auf ihrem Thron. Ihre speckigen Hände ruhten auf den Knien, und auf ihrem Gesicht lag der Ausdruck gekränkter Würde.

Neben ihr saß Lera, Deniss jüngere Schwester – eine schmale, nervöse Frau mit spitzer Nase und fest aufeinandergepressten Lippen. In der Ecke, ins Handy starrend, saß die Nichte Alisa. Das Mädchen war vierzehn, wirkte aber älter, was an ihrem schweren, müden Blick und den sackartigen Kleidern lag, die ihre Statur verbergen sollten.

Zu Leras Füßen stand ein großer Käfig. Darin lief, raschelnd durch Streu, eine weiße Ratte mit roten Augen umher, die fleißig an einem Kartonstück nagte und sich um die Menschen nicht scherte. Neben dem Sofa türmte sich ein Berg von Koffern. Alt, abgewetzt, mit Schnüren und Klebeband umwickelt, sahen sie aus wie das Hab und Gut von Flüchtlingen aus einem anderen Leben. Und von ihnen, das begriff Wika jetzt, ging dieser modrige Geruch aus.

— Ach, Deniska! — sang Tamara Petrowna und stand auf, um ihrem Sohn entgegenzugehen. — Endlich! Wir haben schon gewartet. Lerochka, sag schon, wir haben gewartet, oder?

— Und wie — presste Lera hervor. — Ich dachte schon, ihr wärt im Stau stecken geblieben. Obwohl, welcher Stau schon hier draußen? Das ist ja das komplette Abseits. Ich verstehe ohnehin nicht, warum man ein Haus so weit weg kaufen muss. Weder anständige Geschäfte noch Leute. Aber Frau Viktoria weiß es ja besser, nicht wahr? Sie weiß immer alles am besten.

Wika stand in der Tür, unfähig sich zu rühren. Sie blickte auf die Koffer, auf den Rattankäfig, auf die zufriedenen Gesichter der Verwandten und spürte, wie eine dunkle, erstickende Wut in ihr hochstieg. Eine Wut, die sie längst gelernt hatte zu unterdrücken und tief nach unten zu drängen, weil man mit Schreien und Streit ohnehin nichts löste.

Aber an diesem Tag riss etwas in ihr.

— Was soll das heißen? — fragte sie leise und sah ihren Mann an.

Denis erbleichte. Es war offensichtlich, dass er von alledem nichts gewusst hatte. Sein ratloser Blick huschte zwischen seiner Mutter und seiner Frau hin und her.

— Mama? — stammelte er. — Ihr… warum seid ihr denn hier? Ich habe doch gar nicht…

— Nicht was? — fiel Tamara Petrowna ihm ins Wort. — Sind wir etwa Fremde für dich? Das ist dein Haus, Deniska. Du bist hier der Herr im Haus. Und wir sind deine Familie. Dein eigenes Fleisch und Blut. Wir haben unsere Wohnung vermietet, Deniska. Wir mussten sie vermietet, weil wir kein Geld zum Leben haben.

Du weißt doch, dass uns nach dem Tod deines Vaters nur Schulden geblieben sind. Lerochka arbeitet auf zwei Stellen und hält Alisa über Wasser, ich lebe von meiner Rente, habe Diabetes und Bluthochdruck. Wo sollen wir denn hin? Natürlich zu dir.

— Aber… — fing Denis an und brach ab.

— Aber was? — schaltete sich Lera ein. — Denis, begreifst du eigentlich, was hier passiert? Du baust dir hier Paläste, während deine Mutter in einer Mietwohnung zusammenpfercht. Wir kommen kaum über die Runde. Schämst du dich eigentlich gar nicht?

Wika hörte, wie Denis schluckte. Sie sah, wie dieser vertraute Ausdruck von Schuldgefühl auf seinem Gesicht aufstieg. Tamara Petrowna verstand es zeitlebens meisterhaft, ihren Sohn über Pflichtbewusstsein zu manipulieren.

— Mama, aber man hätte Bescheid sagen müssen — stammelte er mitleiderregend. — Wir hätten darüber reden können…

— Worüber sollen wir denn reden? — ereiferte sich die Schwiegermutter. — Bist du ein Mann oder ein Waschlappen? Willst du dir in deinem eigenen Haus von anderen vorschreiben lassen, wer hier leben darf und wer nicht? Ich sehe schon, Viktoria hat hier wohl alles im Griff: wer wohnen darf und wer rausfliegt. Und du bist nur ihr Anhängsel, was?

Wika lächelte bitter. Dieses Lächeln war nicht fröhlich, aber es brachte ihr die Klarheit zurück. Sie sah ihren Mann an.

— Denis — sagte sie ruhig —, geh bitte zur Seite.

— Wika, ich…

— Geh zur Seite.

Sie ging auf das Sofa zu, musterte die plötzlich verstummten Verwandten, bückte sich dann und nahm den Käfig mit der Ratte. Lera zuckte zusammen, aber Wika ging bereits auf die Haustür zu, öffnete sie und stellte den Käfig vorsichtig auf die Veranda.

— He! — zischte Lera auf. — Was machst du da? Das ist meine Busia! Eine Rasse-Ratte!

— Dann nimm deine Busia — erwiderte Wika, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte — und nimm deine Koffer. Und deine Mutter nimmst du auch gleich mit. Ihr wohnt hier nicht und ihr werdet hier auch nicht wohnen.

Es trat Stille ein. Tamara Petrowna wurde purpurrot. Lera öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut hervor. Alisa riss den Blick vom Handy los und musterte Wika mit plötzlicher Neugier.

— Wie, wir werden hier nicht wohnen?! — zischte die Schwiegermutter schließlich. — Denis! Hörst du das? Deine Frau wirft deine eigene Mutter auf die Straße!

Denis machte einen Schritt nach vorn, doch Wika hob die Hand.

— Schweig — sagte sie zu ihm. — Einfach schweigen.

Dann wandte sie sich an die Verwandten und sprach ohne zu schreien, aber mit einer solchen stählernen Intonation, dass selbst Alisa zusammenzuckte:

— Dieses Haus habe ich allein gekauft. Und wir werden hier ohne deine Mutter, deine Schwester und deine Nichte leben.

Nach diesen Worten packte sie Tamara Petrowna am Ellenbogen und führte sie bestimmt, aber ohne Gewalt zum Ausgang. Lera, die nach Luft schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen, folgte ihr und zog Alisa an der Hand mit sich. Das Mädchen ging schweigend mit und blickte sich nicht einmal um.

An der Schwelle versuchte Tamara Petrowna noch etwas zu sagen, doch Wika schloss bereits die Tür. Dieselbe schwere, mit schwarzem Metall beschlagene Tür. Und nun stand sie da, lehnte mit dem Rücken daran und lauschte den Schreien, die von draußen nach drinnen drangen.

Denis lief im Wohnzimmer auf und ab und griff sich an den Kopf.

— Was hast du getan?! — schrie er, und seine Stimme überschlug sich fast. — Du hast meine Familie hinausgeworfen! Meine Mutter! Begreifst du eigentlich, was du tust?

— Ich begreife es — antwortete Wika leise. — Vollkommen. Besser als je zuvor.

Sie blickte ihren Mann an, während in ihrem Gedächtnis Bilder aus der Vergangenheit vorbeizogen. Wie sie sich auf einer Feier kennengelernt hatten: Denis, charmant, lachend, zur Gitarre singend und ihr die Sterne vom Himmel versprechend. Das erste Treffen mit der Schwiegermutter:

Tamara Petrowna beäugte Wika wie Ware im Schaufenster und fällte ihr Urteil: „Dünn, karrierefixiert, will wahrscheinlich nicht mal Kinder.“ Die Hochzeit: bescheiden, weil die Familie des Bräutigams kein Geld hatte, und Tamara Petrowna, die den ganzen Abend nörgelte, das Restaurant tauge nichts und das Kleid der Braut sei viel zu freizügig.

Die ersten Jahre: Denis versuchte sich in der Musik, dann im Geschäft, dann wieder in der Musik, während Wika alles allein schulterte. Ihre kleine Werbeagentur, von Null aufgebaut, wuchs und warf Gewinne ab, während ihr Mann noch immer „sich selbst suchte“.

Die Schwiegermutter bat um Geld, und Wika gab es ihr, ohne es je zurückzufordern. Lera fing in ihrer Agentur als Sekretärin an, setzte nach einem Monat einen wichtigen Vertrag in den Sand, und Wika entließ sie ruhig.

Tamara Petrowna tauchte daraufhin in der Kanzlei auf und tobte am Empfang: „Du hast Deniss Schwester um ihr tägliches Brot gebracht!“ Und Denis, unfähig den Blick zu heben, flüsterte: „Wik, gib ihr vielleicht noch eine Chance? Mama macht sich Sorgen…“

Wika schloss die Augen. Vor ihrem inneren Auge tauchte eine andere Erinnerung auf, die schrecklichste. Das Arztzimmer, weiße Wände, der Geruch nach Medikamenten. Ein erschöpfter Arzt nahm die Brille ab und sagte: „Viktoria, die Ergebnisse sind schlecht. Sehr schlecht. Eine Operation ist notwendig, und das so schnell wie möglich. Danach eine lange Reha. Aber Garantien kann ihnen natürlich niemand geben.“

Sie hatte es Denis nicht gesagt. Anfangs wollte sie es tun, aber am Ende ließ sie es bleiben. Denn sie wusste, er würde zu seiner Mutter rennen. Und die würde anfangen Ratschläge zu erteilen, sich einzumischen und Druck auszuüben. Schon damals spürte Wika, dass sie zum Überleben eines brauchte: Ruhe. Absolute, sterile Ruhe. Das Haus war ihr Zufluchtsort geworden, ihre Festung. Sie hatte es von ihrem eigenen Ersparten gekauft, es auf ihren Namen umschreiben lassen und niemandem erlaubt, sich einzumischen.

Denis schrie noch immer. Er lief im Wohnzimmer herum und brüllte, sie sei herzlos, habe ihn vor seiner Familie gedemütigt, habe kein Recht, seine Mutter so zu behandeln. Und dann schlug er mit der Fistel gegen die Wand, direkt neben ihrem Kopf. Wika zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sie sah ihren Mann nur lange und aufmerksam an.

— Deine Mutter — sagte sie langsam — hat in ihrem ganzen Leben noch nie etwas Gutes für uns getan. Sie hat nur genommen. Und deine Schwester auch. Und du erwartest immer noch, dass ich das alles ertrage?

— Das ist meine Familie! — schrie er.

— Und wer bin ich für dich?

Denis erstarrte. Sein Gesicht verzerrte sich, er suchte nach Worten, doch Wika hatte sich bereits umgedreht. Plötzlich wurde ihr unerträglich übel. Der Schmerz in ihrer rechten Flanke, dumpf und vertraut, kehrte mit doppelter Härte zurück. Sie schob die Hand in die Tasche und ertastete die Ampulle mit dem Schmerzmittel. Sie zwang sich durchzuhalten. Noch nicht. Nicht vor ihm.

— Das ist meine Verantwortung — sagte Denis tonlos und ließ den Kopf hängen.

— Deine Verantwortung — wiederholte Wika wie ein Echo — besteht doch nur darin, mein Geld auszugeben. Und du… du bist einfach ein Waschlappen.

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Doch er kam nicht mehr dazu, zu antworten. Jemand begann laut und beharrlich gegen die Haustür zu hämmern.

— Polizei! Aufmachen! Wir haben einen Notruf erhalten!

Wika lächelte bitter. Natürlich. Ihre Schwiegermutter wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht jede erdenkliche Methode ausgeschöpft hätte.

Sie öffnete die Tür. Auf der Schwelle stand der Dorfpolizist, ein Mann Mitte fünfzig, mit müdem Gesicht und aufmerksamen Augen. Hinter ihm zeichneten sich die Silhouetten von Tamara Petrowna ab, die ein Taschentuch an die Brust drückte, sowie Lera, die den Rattenkäfig hielt und über die Schulter ihrer Mutter spähte. Alisa stand etwas abseits, wieder ins Handy vertieft.

— Guten Abend — sagte der Polizist mit erschöpfter Stimme. — Wir haben eine Meldung erhalten, dass Sie eine ältere Frau mit einem Kind auf die Straße gesetzt haben. Was geht hier vor?

— Sie sind unbefugt in mein Haus eingedrungen — antwortete Wika ruhig. — Das Haus gehört mir und ist ausschließlich auf meinen Namen eingetragen. Hier sind die Dokumente. Diese Personen sind Verwandte meines Mannes, sie sind ungebeten gekommen und weigern sich, das Grundstück zu verlassen.

Der Polizist zog die Augenbrauen zusammen und musterte Tamara Petrowna.

— Das stimmt nicht! — kreischte die Schwiegermutter. — Das ist das Haus meines Sohnes! Wir sind seine Familie! Wir haben ein Recht darauf, hier zu leben! Und sie… sie ist einfach psychisch krank! Unfruchtbar! Sie kann keine Kinder bekommen und lässt das jetzt an anderen aus!

Die letzten Worte trafen Wika wie ein Faustschlag. Unfruchtbar. Wie oft hatte sie das von der Schwiegermutter hinter ihrem Rücken gehört. Jetzt sagte sie es ihr direkt ins Gesicht. Vor Zeugen.

— Beruhigen Sie sich bitte — sagte der Polizist streng. — Wenn das Haus weder Ihnen noch Ihrem Sohn gehört, haben Sie keinerlei Grundlage, sich hier aufzuhalten. Verlassen Sie das Grundstück bitte freiwillig. Andernfalls wird ein Protokoll wegen Hausfriedensbruchs aufgenommen.

Tamara Petrowna lief tomatenrot an. Lera ballte die Fäuste.

— Aber wir haben doch nirgendwo anders hin! — schrie Lera plötzlich auf. — Wir haben unsere Wohnung vermietet! Wir haben kein Dach über dem Kopf! Wir landen wirklich auf der Straße!

Der Polizist seufzte und rieb sich den Nasenrücken. Man sah ihm an, dass er die Nase voll hatte. Er blickte zu Wika.

— Können Sie sie nicht bis zum Morgen bleiben lassen? — fragte er leise. — Aus menschlicher Sicht. Und morgen klären Sie das in Ruhe. Man kann sie schließlich nicht einfach nachts auf die Straße setzen.

Wika schwieg. Sie sah Alisa an. Das Mädchen hatte endlich den Blick vom Handy gelöst, und in ihren Augen lag eine solche Sehnsucht und ein solches trostloses Verstehen der Situation, dass in Wika etwas nachgab. Sie erinnerte sich an sich selbst mit vierzehn: die nörgelnde Mutter, das Geldfehlen, die Scham für die eigene Familie.

— Gut — sagte Wika hart. — Sie können bleiben. Aber nur bis zum Morgen. Im Gästezimmer im Erdgeschoss. Um neun Uhr morgens hat sich keine Spur mehr von ihnen zu befinden. Andernfalls lasse ich den Sicherheitsdienst rufen und sie entfernen.

Sie warf den Schlüssel für das Gästezimmer vor Leras Füße auf den Boden, drehte sich um und ging nach oben.

Im Gästezimmer war es kalt. Tamara Petrowna saß auf der Bettkante und presste die Lippen aufeinander. Lera lief in dem engem Raum unruhig auf und ab, während Alisa sich auf die Fensterbank setzte und schweigend in die Dunkelheit draußen starrte.

— Hast du das gesehen? — zischte Lera. — Sie wirft den Schlüssel hin wie einem Hund! Eine unfruchtbare Puppe! Deniska steht völlig unter ihrer Fantoffel. Mama, wir müssen etwas tun. Wir können hier nicht weg! Wir haben wirklich kein Geld! Die Wohnung haben wir zwar vermietet, ja, aber die paar Groschen reichen kaum fürs Essen!

— Panik nicht — antwortete Tamara Petrowna kühl. — Denis ist mein Sohn. Er wird nicht zulassen, dass man uns vor die Tür setzt. Morgen rede ich mit ihm. Er hat immer auf mich gehört und wird es weiter tun.

— Und sie? Was machen wir mit ihr? — Lera nickte in Richtung Treppe, die in den ersten Stock führte.

— Was schon? — Die Schwiegermutter zuckte mit den Schultern. — Ich habe ihr Arbeitszimmer durchwühlt, während ihr da unten Lärm gemacht habt. Weißt du, was ich gefunden habe? Einen Tresor. Ich kam nicht dazu, ihn zu öffnen, sie kam zu schnell zurück. Aber ich habe im Winkel gesehen: Da war nicht nur Bargeld, da waren Dokumente. Medizinische. Ich konnte das Wort „Onkologie“ lesen.

Lera erstarrte. Alisa zuckte fast unmerklich zusammen, starrte aber weiter aus dem Fenster.

— Onkologie? — wiederholte Lera. — Ganz sicher?

— Ganz sicher — nickte Tamara Petrowna. — Ich wollte Deniska noch danach fragen, aber du musstest ja dazwischenschreien. Jetzt ist auch klar, warum sie so nervös ist. Sie hat Angst zu sterben, und das Haus wird an uns fallen.

— Und das tut es?

— Was denkst du? — Die Schwiegermutter senkte die Stimme. — Wenn sie stirbt, geht das gesamte Vermögen an Denis über. Und Denis ist mein Sohn. Also gehört uns das Haus auch. Man muss nur warten.

— Und wie lange muss man warten? — fragte Lera sachlich.

— Weiß ich nicht. Aber nach den Pillen zu urteilen, die sie nimmt, dauert es wohl nicht mehr lange.

Alisa sprang von der Fensterbank und ging wortlos auf den Flur hinaus. Mutter und Großmutter schenkten ihr keine Beachtung. Sie hatten Wichtigeres zu besprechen.

In diesem Moment stand Wika vor dem geöffneten Tresor in ihrem Arbeitszimmer. Ihre Hände zitterten, während sie die Dokumente durchblätterte. Alles war an seinem Platz:

Arztbriefe, Untersuchungsergebnisse, Rechnungen für die teure Operation in der Schweizer Klinik. Und das Geld. Fünf Millionen bar. Sie wusste, dass es dumm war, so eine Summe zu Hause aufzubewahren, aber sie hatte Angst, dass Denis im Falle eines plötzlichen Krankenhausaufenthalts nicht den Mut hätte, das Geld von ihrem Privatkonto abzuheben. Sie würde sterben, während er seine Mutter nach dem Passwort fragte.

Alles war da. Nichts fehlte. Aber sie wusste, dass hier jemand gewühlt hatte. Die Dokumente lagen etwas anders, als sie sie zurückgelassen hatte. Der Umschlag mit dem Bargeld war verschoben worden.

Sie ließ sich in den Sessel sinken und schlug das Gesicht in die Hände. Der Schmerz in ihrer Seite wurde schier unerträglich. Wika zog eine Ampulle hervor, setzte sich die Spritze durch den Jeansstoff und verharrte, bis die Wirkung einsetzte.

Draußen rauschten die Kiefern. Im Haus war es still. Viel zu still für ein Gebäude voller Menschen.

Gegen zwei Uhr nachts ging sie nach unten, weil sie Durst hatte. Als sie am Gästezimmer vorbeikam, hörte sie gedämpfte Stimmen und blieb stehen.

— …sie stirbt bald — drang die Stimme der Schwiegermutter an ihr Ohr. — Und dann werden wir endlich wie Menschen leben. Deniska wird sie schnell vergessen. Wir finden ihm eine normale Frau. Eine, die ihm Kinder schenkt. Und diese… die war schlicht ein Fehler. Ich wusste von Anfang an, dass sie nicht zu uns passt.

— Und hat sie Geld? — fragte Lera. — Außer dem Haus?

— Ja. Im Tresor. Ich habe die Geldbündel gesehen. Eine Menge. Wir müssen uns hier nur irgendwie halten. Lass sie nur versuchen, uns rauszuwerfen.

Wir machen sie fertig. Ein kranker Mensch braucht nicht viel: Tag für Tag, ein Streit nach dem anderen, und am Ende bricht sie zusammen. Und dann ist es bis zum Ende nicht mehr weit. Das Wichtigste ist, dass Deniska sich nicht einmischt.

Wika stand da, klammerte sich krampfhaft an den Treppenhandlauf. Sie zitterte. Sie wusste, dass die Schwiegermutter sie nicht mochte. Sie wusste, dass Lera sie beneidete. Aber dass sie so eiskalt ihren Tod und die Aufteilung ihres Vermögens besprachen… damit hatte sie nicht gerechnet.

Sie wollte in das Zimmer stürzen, schreien, sie sofort in die kalte Nacht hinauswerfen, doch etwas hielt sie zurück. Alisa. Das Mädchen stand am Ende des Flurs und blickte Wika an. In ihrem Blick lag keine Schadenfreude oder Hass. Nur tiefes Verstehen.

Wika drehte sich wortlos um und ging in die Küche. Eine Minute später trat Alisa ein.

— Setz dich — sagte Wika leise. — Willst du Tee?

Alisa nickte und setzte sich an den Tisch. Sie tranken schweigend Tee, ohne einander anzusehen.

— Du wolltest gar nicht hierher kommen, oder? — fragte Wika schließlich.

— Nein — antwortete Alisa. — In der alten Wohnung war es gut. Die Schule war nah, meine Freunde auch. Aber Mama hat gesagt, jetzt würden wir im Haus von Onkel Denis und seiner reichen Frau wohnen. Dass das jetzt unser Haus ist. Aber ich habe sofort gemerkt, dass das nicht stimmt. Sie sind nicht so, wie die anderen sagen.

— Und was sagen sie? — Wika lächelte bitter.

— Dass Sie eine Hexe und eine Geizkragen sind. Aber ich glaube, Sie sind einfach nur müde. Und Sie haben Schmerzen. Ich habe gesehen, wie Sie sich an die Seite gefasst haben.

Wika stellte ihre Tasse ab.

— Alisa — sagte sie ernst —, deine Mutter und deine Großmutter planen etwas Böses. Etwas sehr Schlimmes. Kannst du mir helfen? Ich muss in den Sachen deiner Mutter etwas finden.

Alisa schwieg eine Minute lang. Dann nickte sie.

— Mama nimmt alles auf — sagte sie. — Auf einem Diktiergerät. Sie sagt, das sei für den Gericht. Falls sie mal beweisen muss, dass sich jemand schlecht zu ihr benommen hat. Ich weiß, wo sie es versteckt. Im Futter ihrer Kosmetiktasche.

— Bring es mir — bat Wika. — Bitte.

Alisa stand auf und verschwand lautlos aus der Küche. Zehn Minuten später kam sie mit einem kleinen schwarzen Diktiergerät zurück.

— Hier — sagte das Mädchen und reichte es Wika. — Aber ich weiß nicht, was drauf ist. Vielleicht gar nichts.

Wika schaltete das Gerät ein und fand die letzte Aufnahme. Alisa blieb an der Tür stehen, ging aber nicht weg. Wika drückte auf Wiedergabe, und die Stimme von Tamara Petrowna drang aus dem Lautsprecher. Es war genau jenes Gespräch, das sie kurz zuvor auf dem Flur belauscht hatte. Nur dass die Aufnahme diesmal früher begann:

„…Denis hat gesagt, es steht wirklich schlecht um sie. Die Ärzte geben ihr noch ein halbes Jahr. Ler, das Wichtigste ist, dass wir es hier drei Monate aushalten, uns einleben, und dann haut sie von selbst ab… für immer…“

Die Aufnahme lief weiter. Wika hörte zu, wie die Schwiegermutter und die Schwägerin ihren Tod, die Aufteilung des Vermögens und ihre Zukunftspläne besprachen. Alisa stand mit gesenktem Kopf da.

— Es tut mir leid — flüsterte sie. — Ich wusste nicht, dass sie so sind.

— Das ist nicht deine Schuld — erwiderte Wika. — Du bist ein gutes Mädchen. Geh schlafen. Morgen wird ein schwerer Tag. Sie ging hinauf ins Schlafzimmer. Denis schlief breit auf dem Bett ausgestreckt, und selbst im Schlaf wirkte sein Gesicht schuldbewusst. Wika legte sich daneben, tat aber bis zum Morgen kein Auge zu.

Am nächsten Morgen kam sie in einem strengen Hosenanzug ins Wohnzimmer. Ihr Haar war zu einem festen Knoten gebunden. Die Lippen waren zu einem Strich zusammengepresst. Sie stellte eine tragbare Musikbox auf den Tisch, schloss das Diktiergerät an und sagte laut:

— Alle ins Wohnzimmer. Sofort.

Tamara Petrowna kam als Erste, in einen Morgenmantel gehüllt. Lera folgte ihr, und Alisa schleppte sich hintenherum ein. Denis kam die Treppe herunter und rieb sich die Augen.

— Was für ein Lärm am frühen Morgen? — begann die Schwiegermutter ungehalten. — Du, Viktoria, überschreitest allmählich wirklich jede Grenze…

— Schweigen Sie bitte — unterbrach Wika sie. — Hinsetzen und zuhören.

Sie drückte die Play-Taste. Die Stimme von Tamara Petrowna erfüllte das Wohnzimmer.

„Sie stirbt bald… dann werden wir endlich wie Menschen leben… das Wichtigste ist, es hier drei Monate auszuhalten… dann haut sie von selbst ab… für immer…“

Deniss Gesicht erbleichte. Er erstarrte, unfähig sich zu rühren. Lera klammerte sich krampfhaft an die Sofalehne. Tamara Petrowna öffnete den Mund, doch es kam kein Ton heraus. Nur Alisa saß mit gesenktem Kopf da und schwieg.

Als die Aufnahme endete, trat eine ohrenbetäubende Stille in den Raum.

— Mama… — Deniss Stimme zitterte. — Stimmt das? Hast du… hast du das wirklich gesagt?

— Das ist ein Schnitt! — schrie die Schwiegermutter auf. — Sie hat das selbst zusammengeschnitten! Eine Fälschung!

— Das ist Leras Diktiergerät — sagte Wika ruhig. — Sie nimmt immer alles auf. Für das Gericht. Stimmt’s, Lera? Nur hat sie diesmal zufällig etwas aufgenommen, was man besser nicht hätte aufnehmen sollen.

Lera erbleichte und fand keine Antwort.

— Und weißt du, Denis — fuhr Wika fort und blickte ihren Mann an —, warum ich dir von der Diagnose nichts erzählt habe? Weil deine Mutter vor einem halben Jahr, als ich im Krankenhaus lag, bereits versucht hat, dich dazu zu bringen, dich von mir scheiden zu lassen und die Tochter ihrer Freundin zu heiraten. Bevor ich „wieder gesund werde und dir auf der Tasche liege“. Erinnerst du dich an diesen Nachrichtenverlauf? Du hast damals geantwortet: „Mama hat recht.“

Denis schloss die Augen. Er sah aus, als wollte er im Boden versinken.

— Ich… ich habe das nicht so gemeint…

— Du sagst immer etwas anderes als das, was du wirklich willst — unterbrach Wika ihn. — Du hörst immer nur auf deine Mutter. Und deine Mutter sehnt sich nach meinem Tod. Und sie wartet nicht nur darauf – sie plant ihn.

Sie wandte den Blick Tamara Petrowna und Lera zu.

— Das Haus gehört vollständig mir. Ich habe es von meinem eigenen Geld gekauft, und es ist auf meinen Namen eingetragen. Aber es gibt da ein Detail. Ich habe mein Testament geändert. Im Falle meines Todes geht das Haus nicht an Denis über, sondern an eine wohltätige Stiftung für Waisenkinder. Ihr habt also auf nichts zu warten.

Lera sprang auf, doch Wika hob die Hand.

— Hinsetzen. Ich bin noch nicht fertig.

Lera setzte sich.

— Alisa — rief Wika.

Das Mädchen hob den Kopf. Ihre Augen waren gerötet, aber trocken.

— Alisa erhält einen kleinen Ausbildungsfonds. Wenn sie will, kann sie an jeder beliebigen Universität studieren und muss nicht von ihrer Mutter abhängen. Ich habe bereits alles geregelt. Du, Lera, bekommst keinen Cent. Und Sie, Tamara Petrowna, ebenfalls nicht.

Im Wohnzimmer kehrte erneut Stille ein. Man konnte sogar hören, wie Busia draußen auf der Veranda am Käfig kratzte.

— Und jetzt — Wika stand auf —, haben Sie eine Stunde Zeit, um Ihre Sachen zu packen und zu verschwinden. Ich habe die Aufnahmen Ihrer Pläne.

Wenn Sie versuchen sollten, Ansprüche auf mein Vermögen zu erheben oder Druck auf mich auszuüben, werde ich Ihre Drohungen und die Belästigung einer schwer kranken Person der Polizei melden. Beweise habe ich nach dieser Aufnahme mehr als genug. Haben Sie das verstanden?

Tamara Petrowna erhob sich langsam. Zum ersten Mal zeigte ihr Gesicht keine Arroganz, sondern pure Verwirrung und Angst.

— Du… du wirst das noch bereuen — zischte sie. — Du wirst noch an uns denken.

— Bezweifle ich — erwiderte Wika. — Sehr zu bezweifeln.

Lera schnappte nach Luft und rannte los, um ihre Koffer zu packen. Alisa ging wortlos auf den Flur und nahm den Käfig mit Busia. Tamara Petrowna stand mitten im Wohnzimmer, ballte das Taschentuch in den Händen und blickte ihren Sohn an.

— Denis! — schrie sie plötzlich auf. — Warum stehst du nur so da? Sag ihr doch etwas! Bist du ein Mann oder was? Das ist dein Haus! Deine Familie! Entscheide dich: Entweder sie oder wir!

Denis stand mit hängenden Schultern da und starrte auf den Boden. Wika sah, wie in ihm Angst, Scham, die jahrelange Gewohnheit, der Mutter zu gehorchen, und ein neues, ihm noch unbekanntes Gefühl miteinander rangen. Er hob den Blick zu seiner Frau, dann zu seiner Mutter.

— Mama — sagte er leise. — Geht. Bitte.

— Was?!

— Geht. Ihr… ihr hattet nicht recht. Ihr habt auf ihren Tod gewartet. Und sie ist meine Frau.

Tamara Petrowna wankte. Sie hatte offensichtlich mit dieser Wendung nicht gerechnet. Denis, der ihr noch nie widersprochen hatte, sagte plötzlich „Nein“.

— Du wirst noch an mich denken — zischte sie. — Du wirst noch zu mir gekrochen kommen und mich um Vergebung anflehen!

Sie wirbelte herum und stürmte zum Ausgang. Lera folgte ihr und zog die Koffer hinter sich her. Alisa hielt kurz an der Tür inne und drehte sich zu Wika um.

„Danke“, sagte sie lautlos, nur die Lippen bewegend. „Für die Ausbildung und… für alles.“

Wika nickte. Die Tür schloss sich. Stille kehrte im Haus ein. Sie saßen zu zweit im leeren Wohnzimmer. Denis auf dem Sofa, Wika im Sessel gegenüber. Zwischen ihnen standen der kalt gewordene Tee und unausgesprochene Worte.

— Warum hast du mir nichts gesagt? — fragte er leise. — Von der Diagnose.

— Weil ich Angst hatte, dass du zu deiner Mutter rennst. Und sie würde so tun, als ob sie mitfühlt, und darauf warten, dass ich sterbe. Wie du siehst, hatte ich recht.

Denis senkte den Kopf.

— Ich bin ein Idiot. Ein kompletter Idiot. Ich wussten nicht, dass sie zu so etwas fähig sind.

— Du wolltest es einfach nicht wissen.

Er antwortete nicht. Er streckte die Hand aus und legte sie über ihre. Wika zog die Hand nicht weg, aber sie erwiderte die Berührung auch nicht.

— Ich bleibe — sagte er. — Ich möchte bei dir sein. Dir helfen. Ich werde mich ändern. Ich schwöre es.

Wika betrachtete ihren Mann lange. Sie wollte es nicht glauben. Zu oft hatte sie sich verbrannt. Aber irgendwo tief in ihrem Inneren flackerte noch ein winziger Funke Hoffnung.

— Wir werden sehen — sagte sie. — Die Zeit wird es zeigen.

Dann stand sie auf und ging in ihr Arbeitszimmer. Sie musste den Tresor überprüfen. Dort, inmitten der Dokumente, lag der Umschlag, den sie am Tag zuvor erhalten hatte, den sie aber vor lauter Aufregung noch nicht hatte öffnen können.

Sie riss ihn auf und überflog rasch die Zeilen:

„…Im Zuge einer erneuten Analyse der Untersuchungsergebnisse teilen wir Ihnen mit, dass die vorherige Diagnose fehlerhaft war. Der Befund hat sich als gutartig erwiesen. Ihr Zustand ist stabil, eine Operation ist nicht erforderlich. Es wird lediglich eine Beobachtung sowie eine unterstützende Nachsorge empfohlen…“

Wika sank auf den Stuhl. Die Tränen strömten ihr zum ersten Mal seit vielen Monaten über das Gesicht. Sie starrte auf das Papier, las es Zeile für Zeile und konnte es kaum fassen. Ein ärztlicher Irrtum. Es war kein Krebs. Es war kein halbes Jahr. Es war Leben.

Sie lächelte durch ihre Tränen. Das Haus draußen füllte sich mit Sonnenlicht. Die Stille erdrückte sie nicht länger. Sie beruhigte sie. Wika faltete den Brief zusammen, steckte ihn zurück in den Umschlag und schloss ihn im Tresor ein.

Draußen am Tor stand ein Taxi. Drei Gestalten luden Koffer hinein. Tamara Petrowna, Lera und Alisa. Die Schwiegermutter schien laut zu rufen und gestikulierte wild, doch ihre Worte waren nicht mehr zu verstehen. Das Taxi fuhr an und verschwand hinter der Kurve.

Wika trat ans Fenster und blickte lange auf die leere Straße. Dann nahm sie ihr Handy und schrieb eine Nachricht an Alisa:

„Wenn du Hilfe beim Lernen brauchst, melde dich. Ich bin für dich da.“

Die Antwort kam fast sofort:

„Danke. Ich möchte so werden wie Sie. Stark. Ich schaffe das. Versprochen.“

Wika lächelte und legte das Telefon aus der Hand. Jemand klopfte an die Zimmertür. Denis stand auf der Schwelle und hielt eine Tasse frischen Tee in den Händen.

— Darf ich?

— Du darfst.

Er trat ein und setzte sich neben sie. Die Stille zwischen ihnen war nicht mehr so schwer wie zuvor.

— Ich möchte es versuchen — sagte er leise. — Wenn du mir eine Chance gibst.

Wika sah ihren Mann an. Sie hatte ihm nicht vergeben. Und sie würde es wahrscheinlich auch so schnell nicht tun. Aber sie brauchte ihn. Nicht als die einzige Stütze, sondern als Hilfe. Einfache menschliche Hilfe auf dem langen Weg zurück zu sich selbst.

— Eine Chance — sagte sie. — Nur eine, Denis. Enttäusche mich nicht.Er nickte. Wika wandte sich wieder dem Fenster zu. Draußen wiegten die Kiefern ihre Wipfel, und im Haus war das Schlagen ihres Herzens zu hören. Gleichmäßig. Ruhig. Stark.

Die Stille war ohrenbetäubend. Und sie war ihre Stille. In ihrem Haus. In ihrem Leben.

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