— Nadja, warum gehst du zu Fuß? — Lena aus der Nachbarabteilung hatte vor dem Werkstor langsamer gemacht. — Steig ein, ich nehme dich mit.
Ich hatte den Kopf geschüttelt und die schwere Tasche auf meiner Schulter zurechtgerückt. Darin befanden sich die Dokumente, mein Laptop und ein Ordner mit Lieferscheinen.
Früher hatte ich einfach alles auf den Rücksitz des Autos geworfen und war in zwölf Minuten im Lager gewesen. Und jetzt? Bus, Umsteigen und noch zwanzig Minuten Fußweg von der Haltestelle.
— Danke, Leni. Ich habe mich schon daran gewöhnt.
Das war nicht wahr. Ich hatte mich nicht daran gewöhnt. Aber ich hatte keine Lust zu erklären, warum ich plötzlich ohne Auto zur Arbeit ging. Denn wenn man diese Geschichte laut aussprach, klang sie so absurd, dass ich sie selbst kaum glauben konnte.
Viktor hatte mein Auto seiner Mutter geschenkt.
Mein Auto. Meinen silbergrauen Kia Rio, für den ich zwei Jahre lang gespart hatte, noch bevor wir geheiratet hatten. Achthundertfünfzigtausend Rubel — das Gehalt einer Logistikerin in einem Baustofflager.
Keine astronomischen Summen. Jeden Monat hatte ich fünfunddreißigtausend Rubel beiseitegelegt, auf den Urlaub verzichtet und dieselben Winterstiefel im dritten Jahr in Folge getragen.
Ich hatte ihn 2020 gekauft, ein Jahr vor unserer Hochzeit. Die Papiere des Autos liefen auf meinen Namen. Die Versicherung auch.
Sechs Jahre lang war dieses Auto mein täglicher Begleiter gewesen. Ich war damit zur Arbeit gefahren, einkaufen, hatte eine Freundin außerhalb der Stadt besucht. Sechs Jahre lang hatte es auf meinem Platz vor dem Wohnblock gestanden.
Und jetzt gab es dort nur noch Leere. Nasser Asphalt. Ein paar Tauben, die in den Pfützen pickten.
Wir hatten 2021 geheiratet, ich war dreiundvierzig und er fünfundvierzig Jahre alt gewesen. Wir beide hatten eine gescheiterte Ehe hinter uns und wussten, dass das Leben kein Märchen ist.
Ich arbeitete in der Logistik, er war Polier. Ein normaler, zuverlässiger Kerl: stark, geschickt, mit großen Händen, die einen Kran reparieren oder ein Regal an die Wand montieren konnten.
Das erste anderthalb Jahre lief alles glatt.
Dann begann die Geschichte mit der Garage. Ich hatte eine kleine Bleigase in einer Genossenschaft hinter unserem Wohnblock. Sechs mal drei Meter — genau richtig für das Auto und ein paar Regale. Ich bezahlte viertausend Rubel im Jahr für Mitgliedsbeiträge und Bewachung.
Dort bewahrte ich die Winterreifen, einen Werkzeugkasten und einen Karton mit den alten Weihnachtsschmucksachen meiner Mutter auf.
Gleich im ersten Monat hatte Viktor mich gebeten, dort seine Werkbank aufzustellen.
— Klar — hatte ich gesagt. — Es ist Platz da.
Aber innerhalb weniger Wochen waren um diese Werkbank herum Werkzeugkoffer, Metallrohre, Holzstücke, Kabel und Säcke mit Baumaterialien gewachsen.
Eines Tages war ich in die Garage gegangen, um den Wagenheber zu holen, und war nicht mehr an die Regale herangekommen. Der Boden war mit Brettern zugestellt, und in einer Ecke stand ein Sack Zement.
Ein paar Wochen später hatte ich durch Zufall entdeckt, dass mein Karton mit dem Weihnachtsschmuck verschwunden war.
Viktor hatte ihn auf den Balkon gebracht, ohne mir etwas zu sagen.
Ich hatte es gemerkt, als ich nach meiner Winterjacke suchte.
— Viktor, warum hast du diesen Karton weggebracht? Auf dem Balkon ist es feucht, es gibt keine Verglasung. Alles wird kaputtgehen.
Er hatte mit den Schultern gezuckt.

— Nadja, wohin soll ich die Bohrmaschine stellen? Wenn ich sie in der Wohnung behalte, bist du die Erste, die sagt, dass sie stört. Und der Schmuck… was soll dem schon passieren? Der ist aus Plastik.
— Er ist aus Glas. Aus den Fünfzigerjahren. Mama hat ihn von ihrer Großmutter bekommen.
— Dann pack ihn eben besser ein. Er geht nicht kaputt. Ich muss arbeiten. Abends übernehme ich Nebenjobs. Für die Familie schließlich.
Für die Familie.
Ja, er nahm Gelegenheitsarbeiten an. Er montierte einem Nachbarn ein Regal für zweitausend Rubel, während er seiner Schwester Gefälligkeiten umsonst tat.
Das Geld aus diesen Jobs landete in seiner Tasche.
Und meine Garage hatte sich schrittweise in seine Werkstatt verwandelt.
Ich hatte nichts gesagt. Ich hatte jede Glaskugel sorgfältig in Papier eingepackt und den Karton im Einbauschrank verstaut.
In der Garage roch es inzwischen ständig nach Öl und Metallspänen. Viktor hatte meine Regale demontiert und an die Wand gelehnt.
Damals hatte ich ein neues Schloss eingebaut.
Mein eigenes Schloss.
Drei Tage später hatte Viktor es gesehen.
— Was soll das bedeuten?
— Meine Garage. Mein Schloss. Der Schlüssel liegt im Flur auf dem Regal. Nimm ihn, wenn du ihn brauchst. Aber rühre meine Sachen nie wieder an.
Sein Gesicht war rot geworden, und an seinem Hals waren Flecken aufgetaucht.
Aber er hatte geschwiegen.
Er hatte den Schlüssel genommen.
Von da an hatte er meine Sachen nicht mehr weggebracht. Aber er hatte mich angesehen, als hätte ich ihm etwas weggenommen.
Als ob ich ihm einen Gefallen getan hätte, ihn in meine Garage zu lassen, und nicht umgekehrt.
Damals hatte ich mir gesagt:
Das ist eine Kleinigkeit. Er ist eben so, er hat gerne alles griffbereit. Das überleben wir auch noch.
Das war das erste Mal gewesen, dass ich diese Worte ausgesprochen hatte.
»Das überleben wir auch noch.«
In fünf Jahren Ehe hatte ich sie noch dreimal wiederholt.
Und jedes Mal hatte es mich mehr Mühe gekostet, sie auszusprechen.
— Nadja, die alte Waschmaschine hat so einen Höllenlärm gemacht, dass die Nachbarn gegen die Wand geklopft haben. Ich habe Mama eine neue gekauft: eine Samsung mit Inverter-Motor.
Ich habe viertausend Rubel aus eigener Tasche dazugelegt. Meine Mutter wäscht seit drei Jahren mit der Hand, ihr tut der Rücken weh, und sie wird bald siebzig. Wir kaufen dir auch eine neue und schöne.
— Witja, das war meine Waschmaschine.
— Unsere, Nadja. Wir sind eine Familie.
Ich hatte ihn angesehen. »Unsere«. Als er dieses Wort sagte, meinte er eigentlich: »Ich habe das Recht zu entscheiden.« Seine Angelruten, die mehr kosteten als mein Monatsgehalt, waren »meine«. Meine Waschmaschine war plötzlich »unsere« geworden. Seine Werkzeugkoffer waren »notwendig für seine Arbeit«. Und meine Garage war »nun ja, wo zum Teufel sollte ich sie sonst hinstellen?«.
Die neue Waschmaschine hatten wir allerdings nicht gekauft. Oder genauer gesagt: Ich hatte sie mir selbst gekauft. Zwei Monate später, allein, von meinem eigenen Geld. Einunddreißigtausend Rubel. In das gemeinsame Budget hatte ich in diesem Monat einunddreißigtausend weniger eingezahlt.
— Was soll das sein? — Witja starrte auf die Überweisung.
— Das ist für die Waschmaschine, Witja. Die, die du ohne Rücksprache mit mir verkauft hast. Ich habe mir mein Geld zurückgeholt.
— Du bist kalt geworden, Nadja. Du bist kleinlich. Du zählst jeden Groschen, als ob ich ein Fremder wäre.
— Witja, du hast mein Eigentum verkauft. Ohne Erlaubnis. Und mit diesem Geld hast du deiner Mutter ein Geschenk gemacht. Hier geht es nicht um Groschen, hier geht es ums Prinzip.
— Prinzip! — hatte er geschnaubt. — Für normale Ehefrauen ist das Prinzip die Familie. Für dich zählt aber nur »meins, meins, meins«.
Ich hatte ihm nicht geantwortet. Ich hatte das Telefon weggelegt, seine Tasse abgewaschen und mit einem Lappen über den Tisch gewischt. Bei der Arbeit überprüfte ich täglich Rechnungen.
Eine Differenz von hundert Rubel war bereits ein ausreichender Grund, mit einem Lieferanten zu sprechen. Ich war es gewohnt, alles im Blick zu behalten. Und ich wusste, dass Witja in fünf Jahren Ehe bereits viermal Entscheidungen über meine Sachen getroffen hatte: die Garage, den Schmuck, die Waschmaschine. Und der vierte Fall stand kurz bevor.
Er selbst sah darin keinerlei Verhaltensmuster. Für ihn war jeder Vorfall isoliert, logisch und leicht zu rechtfertigen. Mama brauchte mehr Platz. Es gab keinen Raum. Die Waschmaschine war sowieso alt gewesen. Er hatte sich eben nur für die Familie angestrengt.
Ich jedoch führte meine eigene Buchhaltung. Nicht in einem Heft, nicht aus Rache. Es war einfach eine berufliche Gewohnheit: mich daran zu erinnern, was von wo verschwunden war und auf wessen Beschluss hin.
Der dritte Fall war das Auto gewesen.
März 2026. Nelly Pawlowna, meine Schwiegermutter, wurde siebzig Jahre alt. Ein rundes Jubiläum. Witja hatte sich anderthalb Monate lang darauf vorbereitet: er hatte die Torte bestellt, die Verwandten eingeladen und einen Saal in einem Café nahe dem Park gemietet. Ich hatte ihm geholfen: die Tischdecken ausgesucht, die Einladungen gedruckt und den Fotografen organisiert. Eine normale Schwiegertochter, normale Pflichten.
Ich war Nelly Pawlowna gegenüber ruhig gegenübergetreten: weder Freundinnen noch Feindinnen. Sie lebte allein in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Weteranow-Straße, bezog eine Rente von zweiundzwanzigtausend Rubel, hatte einen Schrebergarten in Tosno und brauchte eine anderthalb stündige Busfahrt, um dorthin zu gelangen.
Am Samstagmorgen, dem Vorabend des Jubiläums, war ich in den Hof gegangen. Der Platz, auf dem sonst mein Kia stand, war leer.
Ich hatte das Handy genommen. Keine Nachricht, kein verpasster Anruf. Ich hatte Witja angerufen.
— Witja, wo ist das Auto?
— Ich habe es zu Mama gebracht. Das ist ihr Geburtstagsgeschenk.
Ich war mit dem Handy in der Hand im Hof stehen geblieben. Eine Frau mit einem Kinderwagen war an mir vorbeigegangen, eine Taube hatte sich auf dem Bordstein niedergelassen. Ein ganz gewöhnlicher Morgen, ein ganz gewöhnlicher Hof.
— Ein Geschenk? Mein Auto?
— Nadja, Mama braucht anderthalb Stunden mit dem Bus zum Garten. Sie ist siebzig und schleppt mühsam die Taschen. Du bist jung, gesund, um zur Arbeit zu kommen gibt’s Busse. Du wirst schon klarerkommen.
— Witja, das Auto ist auf mich zugelassen. Die Papiere lauten auf meinen Namen. Die Versicherung auch.
— Na und? Dann holen wir es eben und schreiben es um. Verkaufe ich es etwa? Ich schenke es meiner Mutter.
— Du kannst mein Auto nicht verschenken.
— Doch, das kann ich, Nadja. Ich bin dein Ehemann. Und ich habe das so entschieden.
Er hatte aufgelegt.
Ich war dort stehen geblieben und hatte auf den leeren Parkplatz gestarrt. Der Asphalt war an der Stelle etwas dunkler, wo sechs Jahre lang die Reifen gestanden hatten. Auf dem Beton waren Öltropfen zu sehen — ich hatte mir immer vorgenommen, einen Karton darunterzulegen, es aber jedes Mal vergessen.
Da war mir noch etwas aufgefallen. Neben dem Hauseingang, nahe den Müllcontainern, lagen meine Dashcam und der Kindersitz. Ich hatte den Kindersitz Mascha, einer Freundin, geliehen, als sie mit ihrer Tochter zu Besuch gewesen war. Witja hatte ihn abmontiert und dorthin geworfen.
Er hatte ihn nicht in die Wohnung gebracht, nicht in der Garage verstaut. Er hatte ihn einfach beim Müll abgestellt, als wäre er Abfall.
Ich hatte den Kindersitz und die Kamera eingesammelt. War in die Wohnung gegangen. Hatte mich in die Küche gesetzt. Hatte meine Tasche geöffnet. Die Autopapiere lagen darin, in der Mappe wie immer. Die Versicherung war digital auf dem Smartphone. Ich hatte die Versicherungs-App geöffnet und nachgesehen: Die einzige Person, die berechtigt war, dieses Fahrzeug zu steuern, war Nadeschda Sergejewna Wolkowa.
Niemand sonst.
Ich hatte die Dokumente fotografiert. Ich hatte einen Screenshot der Police gemacht. Ich hatte das Handy auf den Tisch gelegt und war regungslos sitzen geblieben.
Nelly Pawlowna hatte angerufen. Ihre Stimme war fröhlich und glücklich gewesen — sie war in ausgezeichneter Stimmung wegen der Feier am nächsten Tag.
— Nadjuschka, vielen, vielen Dank! Witenka hat mir ein wahnsinniges Geschenk gemacht — ein Auto! Ich hätte fast geweint. So muss ein Sohn sein! Nicht wie manche andere, die dir ein Parfüm für tausend Rubel schenken und denken, das reicht. Und hier — ein Auto! Jetzt bin ich in zwanzig Minuten im Garten!
— Nelly Pawlowna, wann sind Sie das letzte Mal Auto gefahren?
— Na ja, vor ungefähr fünf Jahren. Aber Witja sagt, ich werde mich schon wieder erinnern. Ich habe schließlich einen Führerschein. Früher bin ich gefahren.
— Nelly Pawlowna, dieses Auto ist auf mich zugelassen.
Es hatte eine kurze Pause gegeben. Genau drei Sekunden.
Dann hatte sie gelacht.
— Ach was, ihr seid doch eine Familie, Nadjuschka! Witja hat gesagt, ihr schreibt es auf meinen Namen um. Das ist doch nur eine Formalität!
Ich hatte gar nicht erst angefangen zu diskutieren. Ich hatte aufgelegt.
Meine Hände waren ruhig gewesen. Kein Zittern, keine Aufregung. Ich arbeite jeden Tag mit Dokumenten. Rechnungen, Abnahmeprotokolle, Frachtbriefe. Ich weiß genau, dass Papier oft mehr zählt als Worte.
Ich war zur Feier gegangen. Ich hatte gelächelt, bei den Tellern geholfen und Nelly Pawlowna gratuliert. Ich hatte ihr ein schönes Bettwäscheset aus Leinen im Wert von viertausend Rubel geschenkt. Sie hatte es entgegengenommen, genickt und das Paket unter den Tisch gestellt.
Danach hatte Witja sich mit einem Glas in der Hand erhoben.
— Mama, du hast es verdient. Damit du nicht mehr die schweren Taschen im Bus schleppen musst. Das Auto gehört dir.
Der Saal war in Beifall ausgebrochen. Zwölf Personen: Verwandte, eine Nachbarin und eine Freundin von Nelly Pawlowna. Witja hatte da gestanden, stolz und selbstzufrieden. Ich hatte gesehen, wie sehr er diesen Moment genoss.
Ein großzügiger Sohn. Ein echter Mann.
Witjas Cousine Larissa war beim Buffet zu mir hergetreten.
— Nadja, toll, dass du dich nicht so knausrig anstellst. Das Auto ist ein riesiges Geschenk. Nicht jede Ehefrau würde das erlauben.
Ich hatte genickt.
Erlauben.
Ein interessantes Wort. Niemand hatte mich gefragt. Witja hatte das Geschenk vor allen angekündigt, und ich hatte es zusammen mit den Gästen erfahren. Am Tag zuvor hatte er nur gesagt: »Ich habe das Auto zu Mama gebracht«, ohne auch nur zu erwähnen, dass er daraus ein öffentliches Spektakel machen würde.
An diesem Abend zu Hause war Witja in großartiger Stimmung gewesen. Er hatte sich Tee eingegossen und sich in seinem Stuhl zurückgelehnt — seine gewohnte Pose, wenn er mit sich zufrieden war.
— Hast du gesehen, wie sich Mama gefreut hat? Das nenne ich ein Geschenk. Nicht so wie deine Schals und Handcremes.
— Witja, ich habe mein Einverständnis nicht gegeben.
— Nadja, hör auf. Du kannst doch wunderbar mit dem Bus fahren. Die ganze Stadt fährt so. Aber Mama hat das Auto viel nötiger.
— Du kannst nicht über mein Eigentum für mich entscheiden.
Er hatte die Tasse abgestellt. Nicht ruckartig, aber bestimmt: Das Porzellan hatte einen kurzen, trockenen Laut auf dem Tisch erzeugt.
— Weißt du was, Nadja? Du bist unerträglich geworden. Du zählst jeden Groschen, machst ein Schloss an die Garage und hältst mir seit einem ganzen Monat Predigten wegen der Waschmaschine. Sind wir eine Familie oder Mitbewohner in einer WG?
Ich hatte ihn angesehen. Seine großen Hände ruhten auf dem Tisch. Dieselben Hände, die den Weihnachtsschmuck meiner Mutter auf den Balkon geschleppt, meine Regale demontiert, meine Waschmaschine verkauft und mein Auto weggebracht hatten, als wäre es sein eigenes.
— Wir sind eine Familie, Witja. Aber mein Auto gehört nicht dir.
Er hatte sich erhoben und war ins Schlafzimmer gegangen. Hatte er die Tür geknallt? Nein, er hatte sie nur fest und lautlos ins Schloss gedrückt. Er war sich sicher gewesen, dass ich auch diesmal nachgeben würde. Wie bei der Garage. Wie bei der Waschmaschine. Wie bei allem anderen.
Ich war allein in der Küche geblieben. Draußen fing es an zu dämmern. Auf dem Tisch lag mein Handy mit dem Foto der Autopapiere.
Am Montagmorgen, bevor ich zur Arbeit ging, hatte ich bei der Verkehrspolizei angerufen. Meine Stimme war ruhig gewesen: meine professionelle Stimme, die ich benutze, wenn ich mit Lieferanten über Lieferverzögerungen spreche.
»Guten Morgen. Ich möchte melden, dass mein Fahrzeug ohne meine Zustimmung von Dritten genutzt wird. Die Person ist nicht in der Versicherung eingetragen. Die Eigentümerin bin ich.«
Ich hatte das Kennzeichen, die Marke, die Farbe und die Adresse durchgegeben, an der sich das Fahrzeug befand. Der Disponent hatte alles aufgeschrieben, sich bedankt und aufgelegt.
Ich hatte das Handy in die Tasche gesteckt und war zur Bushaltestelle gelaufen.
Bei der Arbeit war der Tag normal verlaufen. Ich hatte Lieferscheine geprüft, Routen organisiert und den Kraftstoffverbrauch für vier Lkw berechnet. Die Hände waren ruhig gewesen, der Puls gleichmäßig.
Ich hatte nichts Illegales getan.
Ich hatte nur mein Recht verteidigt.
Vier Tage später hatte Nelly Pawlowna angerufen.
Ihre Stimme war nicht mehr so fröhlich und selbstbewusst gewesen, wie ich sie kannte. Sie war ängstlich und zittrig.
»Nadja! Sie haben mich angehalten! Auf der Avenue, an der Ampel. Sie haben gesagt, ich sei nicht versichert. Sie haben mir eine Strafe aufgebrummt! Und sie haben gesagt, ich habe kein Recht zu fahren. Sie haben Witja angerufen, aber er ist nicht der Eigentümer, er kann nichts tun!«
»Nelly Pawlowna, ich habe es Ihnen gesagt. Das Auto läuft auf meinen Namen.«
— Aber Witja hat gesagt, ihr würdet es umschreiben!
— Witja ist nicht der Eigentümer. Er hat kein Recht, irgendetwas zu ändern. Das Auto wurde vor unserer Hochzeit von meinem Geld gekauft.
Es war still geworden.
Dann hatte ich das kurze Freizeichen gehört.
Zehn Minuten später hatte Witja angerufen.
Er hatte nicht geschrien. Er hatte durch die Zähne gesprochen, und das war noch schlimmer als Schreien.
— Hast du die Polizei gerufen?
— Ja.
— Wegen meiner Mutter?
— Wegen meines Autos, Witja.
— Sie ist siebzig Jahre alt! Sie haben sie auf der Straße angehalten wie eine Kriminelle! Sie hat geweint! Begreifst du das überhaupt?
— Das begreifst du. Und es tut mir leid, dass sie aufgeregt ist. Aber du hast mein Auto ohne Erlaubnis genommen und es jemandem gegeben, der nicht in der Versicherung eingetragen ist. Wenn es einen Unfall gegeben hätte, hätte ich die Verantwortung getragen. Die Eigentümerin bin ich.
— Du hättest es mir einfach sagen können!
— Das habe ich dir gesagt, Witja. Dreimal. Und du hast mir dreimal geantwortet: »Mama hat es nötiger, du kannst den Bus nehmen«.
Er hatte geschwiegen.
Ich hatte nur sein schweres Atmen gehört.
Schließlich hatte er gesagt:
— Ich erkenne dich nicht mehr wieder, Nadeschda.
— Vielleicht hast du mich nie wirklich gekannt.
Er hatte aufgelegt.
Zwei Tage später hatte Nelly Pawlowna die Schlüssel zurückgebracht.
Nicht persönlich. Sie hatte Larissa geschickt, die Cousine von Viktor.
Larissa hatte die Schlüssel auf der Anrichte im Flur abgelegt und mich angesehen, als hätte ich einem Kind ein Bonbon gestohlen.
— Nadja, was sollte das denn? Sie ist eine ältere Frau. Für sie ist es ohnehin schwer genug.
— Larissa, würdest du jemanden dein Auto fahren lassen, ohne um Erlaubnis zu fragen?
Sie war sprachlos geblieben.
Dann hatte sie nur mit den Schultern gezuckt und war gegangen.
Ich hatte die Schlüssel genommen.
War nach unten gegangen und hatte das Auto in der Nebenstraße geparkt vorgefunden. Larissa hatte es schräg abgestellt.
Ich mich hinters Steuer gesetzt.
Der Sitz war nach vorne verschoben — Nelly Pawlowna ist kleiner als ich. Die Spiegel waren verstellt. Im Innenraum lag ein starker, süßlicher Parfümduft.
Auf dem Rücksitz lag ein Sack Erde. Wahrscheinlich hatte sie Setzlinge aus dem Garten transportiert.
Ich hatte den Sitz und die Spiegel eingestellt.
Meinen Lappen aus dem Handschuhfach geholt — er war da, genau wo ich ihn gelassen hatte.
Das Lenkrad und das Armaturenbrett abgewischt.
Der Kilometerzähler zeigte vierundsiebzig gefahrene Kilometer an.
In vier Tagen war Nelly Pawlowna vierundsiebzig Kilometer gefahren.
Zum Garten und zurück waren es etwa vierzig gewesen.
Sie war also noch woanders hingefahren.
Mit meinem Auto.
Ohne mein Wissen.
Ohne Versicherung.
Ich hatte den Motor gestartet.
Das vertraute Geräusch hatte den Innenraum erfüllt: leise, gleichmäßig.
Sechs Jahre lang hatte ich mich um dieses Auto gekümmert. Ich hatte das Öl rechtzeitig gewechselt, die Inspektionen gemacht und die Bremsbeläge ausgetauscht, wenn es nötig war.
Leider war das mein Auto gewesen.
Und ich war diejenige gewesen, die sich darum gekümmert hatte.
Ich war aus dem Hof gefahren und zur Arbeit gefahren.
Zwölf Minuten.
Nicht vierzig mit Bus und Umsteigen.
Zwölf.
Drei Wochen waren vergangen.
Mein Auto stand wieder an seinem Platz vor dem Wohnblock.
Ich hatte die Kamera wieder montiert und den Kindersitz meiner Freundin Mascha zurückgegeben.
Nelly Pawlowna hatte nicht mehr angerufen.
Witja hatte wieder angefangen, sie mit dem Bus zu besuchen: anderthalb Stunden hin und ebenso lange zurück.
Zu Hause sprachen wir nur noch über praktische Dinge: was einkaufen, wann die Rechnungen bezahlen.
Über alles andere kein Wort.
Witja war der Meinung, ich hätte die Familie verraten.
Er hatte es genau so gesagt: »Du hast uns verraten.«
Larissa zufolge erzählte Nelly Pawlowna den Nachbarn, die Schwiegertochter habe die Polizei auf eine alte Frau gehetzt.
Und ich hatte ruhig geschlafen.
Zum ersten Mal seit fünf Jahren wusste ich mit Sicherheit, dass mein Auto am Morgen dort sein würde, wo ich es abgestellt hatte.
Dass niemand meine Sachen verkaufen würde, während ich bei der Arbeit war.
Dass meine Sachen wieder mir gehörten.
Aber manchmal abends, während Witja schweigend in seinem Zimmer fernsah und ich mit einer Tasse Tee in der Küche saß, stellte ich mir die Frage:
Hätte das Ganze auch anders laufen können?
Hätte ich nicht noch einmal mit ihm reden sollen?
Anstatt die Polizei zu rufen, hätte ich mir die Schlüssel nicht einfach selbst zurückholen sollen?
Vielleicht.
Aber ich hatte dreimal geredet.
Und dreimal hatte ich dieselbe Antwort gehört:
»Mama hat es nötiger.«
Wann sollte ein Mensch aufhören, alles »wie eine Familie« zu regeln? Waren fünf Jahre des Nachgebens meinerseits denn nicht genug gewesen?
Nelly Pawlowna ist siebzig Jahre alt. Sie wurde auf der Straße angehalten und hat geweint.
War das meine Schuld?
Oder war Witja schuld, der fremdes Auto verschenkt hatte, als wäre es sein eigenes?