– Oksana, nimm es mir nicht übel, aber Mama hat beschlossen, das Sommerhaus auf Roma überschreiben zu lassen. Svetlana sagte das noch im Flur, während Oksana versuchte, ihre Schuhe auszuziehen, ohne mit den Strümpfen auf den nassen Läufer zu treten.
Sie sprach mit gedämpfter Stimme und jenem speziellen Lächeln, mit dem sie gewöhnlich etwas Unangenehmes ankündigte. Sofort danach drehte sie sich zum Spiegel um und begann, ihre Haare zu richten. – Soll ich es etwa übel nehmen? – fragte Oksana.
– Man weiß ja nie! Alle sind heutzutage so empfindlich geworden. Aus dem Zimmer drang die Stimme von Tamara Iwanowna: – Wie lange braucht ihr da noch? Die Ente wird kalt!
Svetlana schnappte sich ihre Handtasche und ging als Erste zum Tisch. Oksana blieb noch ein paar Sekunden im Flur stehen und hielt den zweiten Schuh in der Hand.
Roman saß bereits neben seiner Mutter im Nebenzimmer und erzählte laut, wie er morgens drei Geschäfte abgeklappert hatte, bevor er eine vernünftige Torte gefunden hatte.
Von dem Sommerhaus hatte er kein Wort erwähnt. – Mama, ich habe dir doch gesagt, dass ich eine gute besorge – sagte Roman und schnitt die Schachtel mit einem Messer auf. – Du hattest wohl Angst, dass ich irgendeinen Schrott kaufe. – Überhaupt keine Angst, ich kenne dich doch – antwortete Tamara Iwanowna. – Wenn du dir etwas vornimmst, machst du es immer richtig.
Svetlana nickte, als gelte diese Feststellung sowohl für die Torte als auch für das gesamte Leben ihres Bruders. Oksana setzte sich neben Roman. Er schob ihr einen Teller hin, berührte mit dem Ellenbogen ihren Arm und fragte leise: – Warum bist du so lange drinnen geblieben? – Der Schuh wollte nicht ausgehen. – Hättest du mich rufen müssen.
Sie sah ihn an, aber er hatte sich bereits wieder seiner Mutter zugewandt und vorgeschlagen, den Champagner zu öffnen. Über das Sommerhaus sprachen sie nicht sofort.
Zuerst ging es um Tamara Iwanownas Gesundheit, die neue Leiterin ihrer Poliklinik und darum, dass der Nachbar von oben schon wieder im Treppenhaus rauchte. Svetlana redete am lautesten von allen, fiel ihrer Mutter ins Wort und suchte wiederholt auf ihrem Smartphone nach Fotos von der Renovierung, die sie für den Frühling plante.
Roman aß mit Appetit und schob Oksana immer wieder Ente nach, obwohl sie zweimal gesagt hatte, dass sie keinen Hunger mehr hatte. – Warum bist du heute so still? – fragte er. – Ich bin ganz normal. – Na gut. Er sagte es mit einer Erleichterung, als hätte er eine defekte Glühbirne überprüft und sich vergewissert, dass sie vorerst noch brennt.
Nach dem Hauptgang schob Tamara Iwanowna die Salatschüsseln an den Rand des Tisches und holte eine blaue Mappe aus dem Schrank. Sie legte sie vor sich hin, strich mit der Hand über den Einband und rückte ohne ersichtlichen Grund das Tischtuch zurecht. – Ich habe euch heute nicht nur wegen des Geburtstags zusammengeholt – sagte sie. – Geburtstag hin oder her, manche Dinge muss man rechtzeitig klären.
Roman hörte auf zu kauen. Svetlana richtete sich sofort auf und warf Oksana einen Blick zu. – Mama, können wir das nicht später besprechen? – fragte Roman.
– Später, wann denn? Ihr seid beide hier, Sveta ist auch da. Ich habe nicht vor, morgen zu sterben, guckt mich also nicht so an. Ich möchte einfach, dass sich später niemand streitet.
Tamara Iwanowna öffnete die Mappe. Oksana sah eine Kopie des Sommerhausdokuments, einen alten Grundstücksplan und mehrere Blätter, die mit der Handschrift ihrer Schwiegermutter beschrieben waren. – Ich habe beschlossen, das Sommerhaus auf Roma überschreiben zu lassen – sagte sie.
– Sveta hat die Wohnung ihres Vaters bekommen und hat damit bereits etwas Eigenes. Roma ist ein Mann, er wirtschaftet gerne und hält alles in Ordnung.
Mama, warum redest du jetzt darüber? – Roman streckte die Hand nach der Mappe aus, aber seine Mutter drückte sie mit der Hand nieder. – Weil ich mich so entschieden habe. Du bist zuverlässig, Roma. Du hast dir selbst eine Wohnung gekauft, das Auto gewechselt und ernährst deine Frau. Ich werde beruhigt sein, wenn ich weiß, dass das Sommerhaus nicht verkommt.
Oksana drehte den Kopf zu ihrem Mann. Er starrte in seinen Teller und kratzte mit der Gabel an der krossen Kruste herum. Svetlana bemerkte ihren Blick.
– Was denn? – fragte sie. – Meiner Meinung nach ist alles völlig gerecht. Roma konnte schon immer vernünftig mit Geld umgehen. Ihr habt die Wohnung doch schließlich dank ihm gekauft, und was für eine gute! – Dank ihm? – wiederholte Oksana und verschluckte sich beinahe.
Roman schob ihr schnell den Brotkorb hin. – Oksana, nimm dir etwas Brot. Sie rührte den Korb nicht an. – Sveta, wieso dank ihm? – Weil er das Geld für die Anzahlung zusammengekratzt hat. Du hast damals gerade erst deinen neuen Job angefangen. Oder irre ich mich da etwa? Svetlana sah ihren Bruder an und erwartete Bestätigung.
Roman nahm das Wasserglas, trank einen Schluck und stellte es zu nah an den Tischrand zurück. – Sveta, lass uns das mit der Buchhaltung lieber sein lassen – sagte er
. – Schließlich haben wir Mamas Geburtstag! – Was habe ich denn schon gesagt? Ich lobe meinen Bruder doch nur! – Wer hat dir das mit der Anzahlung überhaupt erzählt? – fragte Oksana mit fester Stimme. Svetlana zuckte mit den Schultern. – Roma. Vor langer Zeit.
Roman schob seinen Teller ruckartig weg. – So habe ich das nicht gesagt. – Sondern wie? – fragte Oksana. – Ich weiß es nicht mehr. Das ist eine Ewigkeit her. – Fünf Jahre. – Siehst du? Du erinnerst dich, ich eben nicht. Er versuchte zu lächeln, aber niemand lachte mit.
Tamara Iwanowna hielt ihre Finger auf die geöffnete Mappe gedrückt und sah erst ihren Sohn, dann Oksana an. – Was stimmt denn nicht mit der Anzahlung? – fragte sie. – Alles ist in Ordnung, Mama – warf Roman schnell ein.
– Fang jetzt bloß nicht an! – Ich fange gar nichts an. Ich habe nur gefragt. Svetlana verdrehte die Augen und griff nach ihrem Glas. – Herrgott, die machen aus einer ganz normalen Bemerkung sofort ein Drama. Was spielt es für eine Rolle, wer wie viel eingezahlt hat? Ihr seid schließlich eine Familie.
– Warum hast du dann gerade behauptet, Roma hätte die Wohnung gekauft? – fragte Oksana. – Weil er sich um den Hypothekenkredit gekümmert, die Banken abgeklappert, verhandelt und die Papiere besorgt hat. – Ich habe mich um den Kredit gekümmert! – Vielleicht habt ihr es ja zusammen gemacht. – Sveta, woher weißt du das eigentlich alles? – Was genau? – Dass ich damals gerade erst angefangen hatte zu arbeiten, dass angeblich Roman die Anzahlung zusammengebracht hat und dass er es war, der zu den Banken gerannt ist?
Svetlana warf ihrem Bruder einen Blick zu, und diese kurze Geste reichte Oksana völlig aus. Roman griff nach der Flasche, verschätzte sich jedoch bei der Bewegung und stieß ein Glas um.
Das Wasser ergoss sich über das Tischtuch und floss direkt auf die Mappe zu. Tamara Iwanowna rief auf, schnappte sich die Dokumente, und Svetlana fing an, das Wasser mit Papierservietten aufzusaugen.
– Na toll, jetzt geht das los – sagte Roman genervt. – Konnten wir nicht einfach in Ruhe essen? – Hast du ihr das etwa alles erzählt? – fragte Oksana. – Was soll ich ihr denn erzählt haben? – Dass du die Wohnung gekauft hast? – So etwas habe ich nie gesagt! – Doch, hast du – mischte sich Svetlana ein. – Du hast selbst gesagt, dass du alles alleine stemmen musstest und Oksana damals im Grunde noch gar nichts verdient hat.
Roman sah seine Schwester an, als wäre sie plötzlich ins feindliche Lager übergewechselt. – Ich habe nicht gesagt, dass sie nichts verdient hat. – Roma, du hast gesagt, du musstest dich mit allem allein herumschlagen. Ich erinnere mich, dass Mama sich damals Sorgen gemacht hat, weil ihr so einen riesigen Kredit aufgenommen hattet. – Das war nie und nimmer so. – Doch, es war so – sagte Tamara Iwanowna leise. – Du hast mir erzählt, dass Oksana sich erst im Job einarbeiten muss und du deshalb alles allein abbezahlen wirst.
Oksana fuhr mit dem Finger über die Tischkante, wo noch ein Rest Wasser stand. Roman ergriff eine Serviette und begann, eine Stelle abzuwischen, die längst trocken war.
– Ich habe mich wohl unglücklich ausgedrückt – sagte er. – Mir ging es damals gesundheitlich mies und ich hatte keinen festen Job. – Du warst vier Monate lang arbeitslos – entgegnete Oksana. – Und die Wohnung haben wir ein Jahr später gekauft. – Na und? Willst du jetzt anfangen, Daten zu überprüfen? – Ich versuche nur herauszufinden, wie lange du diese Geschichte schon auftischst! – Ich habe gar nichts aufgetischt. Ich habe das einmal Mama gegenüber erwähnt, und sie hat es eben falsch verstanden.
Tamara Iwanowna legte die geretteten Blätter auf das Fensterbrett. – Ich habe das ganz genau verstanden, Roma. Du hast gesagt, dass du die Wohnung alleine kaufst und Oksana dir im Moment eben nach Kräften zur Seite steht. – Mama, du jetzt auch noch… – Was denn? – Ihre Stimme wurde leiser. – Ich habe all meinen Freundinnen erzählt, was für einen wunderbaren Sohn ich habe.
Svetlana warf die nassen Servietten in einen leeren Teller. – Warum stürzen sich jetzt eigentlich alle auf ihn? Ein Mann hat seiner Mutter eben gesagt, dass er alles im Griff hat. Was hätte er denn sagen sollen? Dass seine Frau für ihn bezahlt? – Für ihn? – Oksana drehte sich zu ihr um.
– Warum denn unbedingt für ihn? – Weil es nun mal normal ist, wenn ein Mann die Familie ernährt, und nicht, wenn die Frau hinterher den Taschenrechner herausholt. – Ich habe noch gar nichts herausgeholt! – Eben – sagte Roman. – Deswegen lassen wir das jetzt. Er griff nach der Mappe und fing an, die Papiere zusammenzusuchen, so als ob die Entscheidung seiner Mutter nun doch seine sofortige Mitwirkung erforderte.
Oksana legte eine Hand flach auf eines der Blätter. – Warte. – Was denn noch? – Das Auto hast du dir auch allein gekauft? Roman zog die Hand ruckartig zurück. – Was hat denn das Auto jetzt damit zu tun? – Im Sommer am Sommerhaus hast du gesagt, du hättest dir endlich ein anständiges Auto geleistet.
Da dachte ich noch, du hättest dich einfach unglücklich ausgedrückt. Jetzt verstehe ich alles! – Ja, ich habe es mir geleistet, na und? – sagte Svetlana. – Ihr lebt schließlich zusammen! – Es war mein Geld! – Schon wieder das Gleiche – Roman lehnte sich im Stuhl zurück.
– Mein, dein. Du hast selbst immer gesagt, dass wir alles gemeinsam haben. – Gemeinsam. – Wo ist also der Unterschied? – Ein riesiger Unterschied, wenn du deiner Familie erzählst, du hättest alles ganz allein geschafft. Das ist schlichtweg gelogen! – Ich habe so etwas nie erzählt! – Roma – schaltete sich die Mutter ein. – Du hast mir erzählt, du hättest deinen alten Wagen gut verkauft, deine eigenen Ersparnisse dazugelegt und dir den neuen gekauft.
Er schloss die Augen und rieb sich den Nasenrücken. – Mama, ich hatte nicht vor, dir Rechenschaft darüber abzulegen, woher das Geld kam. – Aber du hast es doch getan – sagte Oksana leise.
– Nur dass du gelogen hast. – Warum habe ich denn gelogen? Das Auto ist für die Familie. Ich fahre damit. Welchen Unterschied macht es, wer die Überweisung getätigt hat? – Warum hast du dann nicht gesagt, dass das mein Geld war? Roman öffnete den Mund, aber Svetlana antwortete für ihn: – Weil das erniedrigend ist…
Tamara Iwanowna drehte sich zu ihrer Tochter um. – Was ist daran erniedrigend? – Wenn ein Mann keine Kohle hat und die Frau für alles aufkommt. Warum tun hier eigentlich alle so, als würden sie das nicht verstehen?
Oksana sah Roman an. Er widersprach seiner Schwester nicht und griff erneut nach dem Glas, obwohl sich darin kaum noch Wasser befand. – Es war also erniedrigend – sagte Oksana.
– Aber die Geschichte zu erzählen, ich würde auf deine Kosten leben, war nicht erniedrigend? – Niemand hat behauptet, dass du auf meine Kosten gelebt hast! – Deine Mutter hat gerade wortwörtlich gesagt, du hättest mich ernährt! – Das hat Mama so gesagt. – Weil du es ihr so erzählt hast! – Oksana, hör auf, dich im Kreis zu drehen. Ich habe doch schon gesagt, dass ich mich vielleicht unglücklich ausgedrückt habe. – Wie oft denn noch? Sag es mir!
Er sprang jäh auf. Das Stuhlbein schlug gegen die Wand, und Tamara Iwanowna zuckte zusammen. – Woher soll ich wissen, wie oft? – rief Roman. – Was willst du jetzt hören? Dass ich ein Monster bin? Dass ich dir deine Wohnung gestohlen habe? – Ich möchte hören, warum du das getan hast. Warum?
– Ich habe nichts davon absichtlich gemacht! – Dann stell jetzt alles richtig. Roman erstarrte, eine Hand auf die Stuhllehne gestützt. – Was soll ich richtigstellen? – Alles. Sag deiner Mutter, wer die Anzahlung geleistet hat, wer deinen Kredit abbezahlt hat und wer das Auto gekauft hat. – Willst du jetzt ernsthaft hier sitzen und das auf Mamas Geburtstag alles durchrechnen? – Nicht ich habe angefangen, deine Verdienste aufzuzählen!
Svetlana richtete sich kerzengerade auf. – Jetzt wird ein Schuh draus! Du hast doch nur auf den richtigen Moment gewartet, um ihn zu blamieren. – Sveta, misch dich nicht ein – sagte Roman. – Nein, ich sage es jetzt! Mama will ihm das Sommerhaus überlassen, und sofort geht das Theater los. Die Wohnung gehört mir, das Auto gehört mir, das Geld gehört mir. Perfekter Zeitpunkt!
Oksana sah sie einige Sekunden lang an, unfähig, den Sinn dieser Worte zu begreifen. – Glaubst du etwa, ich mache das wegen des Sommerhauses? – Aus welchem anderen Grund solltest du so eine Szene veranstalten? Du hast fünf Jahre lang geschwiegen und machst den Mund erst auf, als du die Papiere gesehen hast. – Welche Papiere? – Oksana lachte kurz auf. – Ich brauche euer Sommerhaus nicht.
– Am Anfang sagt das immer jeder. – Svetlana, halt jetzt endlich den Mund! – rief Tamara Iwanowna. Ihre Tochter drehte sich mit gekränktem Blick um. – Mama, ich nehme ihn doch nur in Schutz. Du überschreibst ihm das Vermögen, und am Ende stellt sich heraus, dass Oksana es am Ende auch noch haben will, weil sie hier das Sagen hat und alle durchfüttert. – Ich erheben keinerlei Anspruch auf irgendetwas – sagte Oksana. – Ihr könnt das Sommerhaus meinetwegen morgen überschreiben, ganz ohne mich. – Wie edelmütig.
– Sveta, ich habe gesagt, Schluss jetzt! – Roman erhob die Stimme und schlug mit der flachen Hand auf die Stuhllehne. – Warum ziehst du das überhaupt mit hinein? – Ich ziehe das hinein? Sie sitzt hier und wirft ihn in den Dreck! – Ich stelle ihm nur Fragen – entgegnete Oksana. – Vor seiner Mutter. An ihrem Geburtstag. – Weil er sie vor seiner Mutter belogen hat!
Svetlana sprang auf. – Eine normale Frau würde ihren Mann nicht so erniedrigen! Oksana sah Roman an. Er stand zwischen dem Tisch und dem Fenster, das Gesicht gerötet, den obersten Hemdknopf aufgerissen.
– Und ein normaler Ehemann erzählt jahrelang herum, seine Frau würde ihm auf der Tasche liegen? Findet ihr das etwa normal? – Ich habe das nie gesagt! – schrie er erneut. – Beweis es – sagte Tamara Iwanowna. Alle blickten zu ihr. – Was soll ich beweisen? – fragte Roman. – Wer gezahlt hat. Wenn ihr euch selbst nicht mehr zuhört, dann belegt es schwarz auf weiß und beendet dieses Gespräch. – Mama, bist du verrückt geworden? Wir sind hier doch vor Gericht. – Ich habe nicht mit dir gesprochen, Roma.
Tamara Iwanowna blickte Oksana an. In ihrer Stimme lag kein Vorwurf, nur die pure Ratlosigkeit eines Menschen, der einen einfachen Irrtum aufklären und das Gespräch zu dem Punkt zurückbringen möchte, an dem der Sohn noch unfehlbar und alles tadellos war. Oksana zog ihr Handy hervor.
– Na bitte – sagte Roman mit einem bitteren Lächeln. – Großartig. Gleich gibt es den Kassensturz. Sie antwortete nicht. Sie öffnete die Banking-App, scrollte durch die gespeicherten Kontoauszüge und fand in der Historie die Überweisungen im Zusammenhang mit dem Wohnungskauf. Die Summe der Anzahlung nahm fast die ganze Zeile ein.
Sie reichte Tamara Iwanowna das Smartphone. – Das ist die Anzahlung. Das Datum steht hier. Die Schwiegermutter setzte ihre Brille auf und zog den Bildschirm dicht an ihr Gesicht. – Hier steht dein Name. – Weil ich die Überweisung getätigt habe. – Vielleicht war es vom gemeinsamen Konto – warf Svetlana schnell ein. – Von meinem Privatkonto. Damals hatten wir noch kein gemeinsames Konto.
Oksana nahm das Handy zurück, öffnete den Fotoordner und fand das Bild eines elektronischen Belegs, den sie damals für die Versicherung gemacht hatte. Auf dem Bildschirm leuchteten die Wohnungsadresse, das Registrierungsdatum und die Namen der Eigentümer auf. – Die Wohnung läuft auf uns beide – sagte Oksana. – So waren wir verblieben. Das habe ich nie angezweifelt. Sie öffnete erneut die App und zeigte die Überweisung, mit der sie Romans Kredit getilgt hatte. Danach suchte sie den Beleg für das Auto heraus, den die Bank als separate Transaktion verbucht hatte.
Das Telefon lag vor der Mutter. Svetlana reckte den Hals und versuchte, das Bild mit den Fingern zu vergrößern, aber Tamara Iwanowna zog den Bildschirm weg. – Roma – sagte sie. – Warum hast du uns belogen? Er setzte sich wieder, traf dabei jedoch nicht die Stuhlmitte und musste den Stuhl mit der Hand zurechtrücken. – Ich habe nicht gelogen… Ich habe eben keine Details erzählt.
– Du hast gesagt, du hast die Wohnung allein gekauft. Das hast du jahrelang erzählt. – Weil wir eine Familie sind! Was macht das für einen Unterschied, wer die Überweisung getätigt hat? – Warum hast du dann nicht gesagt, dass das Oksanas Geld war? – fragte die Mutter. – Weil ich nicht wollte, dass du dir Sorgen machst. – Worüber denn? Roman sah seine Schwester an, dann Oksana und seufzte tief.
– Damals lief es beruflich schlecht bei mir. Dein Blutdruck ist nach jedem Telefonat in die Höhe geschossen, hast du das vergessen? – Mein Blutdruck steigt nicht von der Wahrheit! – Mama, bitte, fang jetzt nicht auch noch an. – Ich fange gar nichts an. Ich habe fünf Jahre lang allen erzählt, du hättest die Wohnung allein gekauft. Dann habe ich also auch gelogen. – Habe ich dich etwa darum gebeten, das allen zu erzählen?
Svetlana beugte sich zum Tisch vor. – Gut, er hat einmal gelogen. Was ist jetzt, wollen wir ihn erschießen? Er hat sich eben geschämt. Ein Mann verliert seinen Job, und die Frau verdient mehr. Das kann man doch wohl verstehen. – Kann man – sagte Oksana. – Damals habe ich es ja auch verstanden. – Na also, dann hättest du es eben weiter verstehen sollen! Wo liegt jetzt das Problem? – Später hatte er längst wieder Arbeit, hat aber trotzdem weiter erzählt, er hätte alles allein gekauft. – Weil du es ihm erlaubt hast! Roman riss den Kopf hoch. – Sveta! – Was denn, Sveta? Sie hat fünf Jahre lang geschwiegen. Es war für sie offenbar in Ordnung, bis ihr beschlossen habt, ihm das Sommerhaus zu überschreiben.
Oksana steckte das Telefon in ihre Handtasche. – In einer Sache hast du recht. Ich habe geschwiegen. – Na also. – Weil ich dachte, ihr hättet euch diese Geschichte selbst ausgedacht. Ich dachte, ihr seid es einfach gewohnt, Roma für erfolgreicher zu halten, als er tatsächlich ist. Mir war nicht klar, dass er euch die fertigen Details direkt liefert. – Was für Details? – fragte Roman.
– Über den alten Wagen, den du angeblich verkauft hast. Über die Anzahlung, die du angeblich angespart hast. Über meinen Job, in den ich mich angeblich erst einarbeiten musste. – Ich habe das vielleicht ein einziges Mal gesagt! – Gleich drei verschiedene Geschichten auf einmal? – Meine Güte, Oksana, wie lange willst du darauf rumreiten? – Mich interessiert ehrlich gesagt auch, wie lange man darauf rumreiten kann.
Er sah sie an und blickte sofort wieder weg. Tamara Iwanowna schloss die Mappe mit den Dokumenten für das Sommerhaus. – Ich werde vorerst niemandem etwas überschreiben. – Mama, das Sommerhaus hat damit überhaupt nichts zu tun – sagte Roman. – Ich weiß. Deswegen tue ich es auch nicht. Sie nahm die Mappe und stellte sie zurück in den Schrank, wo die alten Alben und die Schachtel mit dem Christbaumschmuck standen.
Svetlana sah ihrer Mutter hinterher und wandte sich dann an Oksana. – Du hast bekommen, was du wolltest. Bist du jetzt zufrieden? – Sveta, halt jetzt endlich den Mund! – rief Roman. – Nein, sie soll antworten! Sie kommt her, ruiniert den Geburtstag, macht Mama fertig und stellt dich als Idioten hin. Bist du jetzt glücklich?
Oksana erhob sich vom Tisch. – Mir war nicht bewusst, dass es hier ausreicht, die Wahrheit über ein paar Überweisungen zu sagen, um alles zu zerstören. – Du spielst dich schon wieder unheimlich auf. – Sveta, es reicht jetzt – sagte Tamara Iwanowna aus dem Nebenzimmer. – Komm und hilf mir abräumen. – Ich werde gar nichts abräumen. – Dann geh nach Hause. Svetlana erblasste. – Willst du mich etwa rauswerfen? – Ich werfe niemanden raus. Hört einfach auf, euch hier weiter anzuschreien. – Ich nehme deinen Sohn doch nur in Schutz! – Vor wem denn?
Svetlana warf ihrem Bruder einen Blick zu. Roman saß da, die Schultern hängen gelassen, und zupfte an der Kante des Tischtuchs. – Verstehe – sagte sie.
– Ihr seid also alle gegen mich. Sie schnappte sich ihre Handtasche, stieß im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen gegen ein leeres Glas und fing es gerade noch am Tischrand auf. Sie stellte es ab, fluchte leise vor sich hin und ging in den Flur. Roman lief ihr nicht hinterher. Nach wenigen Sekunden schlug die Wohnungstür zu.

Tamara Iwanowna fing an, die Teller einzusammeln. Sie tat es hastig, stapelte einen auf den anderen, ohne darauf zu achten, ob noch Reste darauf lagen. – Ich mache das – sagte Oksana. – Nicht nötig. – Tamara Iwanowna… – Schon gut, Oksana. Geht nach Hause und sprecht euch aus.
Roman stand schließlich auf. – Mama, ich rufe morgen an. – Geh nur. Sie nahm den Stapel Teller und trug ihn in die Küche. Eine Gabel rutschte herunter und fiel auf den Boden, aber Tamara Iwanowna drehte sich nicht einmal um.
Im Flur brauchte Roman ewig, um mit dem Arm in den Jackenärmel zu finden. Oksana stand an der Tür, während er an dem Futter riss und sich über den Stoff ärgerte. – Du hättest das mit dem Handy nicht zeigen müssen – sagte er. – Hätte ich wohl. – Mama wäre ruhiger geblieben. – Ganz bestimmt. – Ist dir eigentlich klar, dass sie mir jetzt überhaupt nicht mehr vertraut? Oksana öffnete die Haustür. Er ging als Erster ins Treppenhaus hinaus und drückte mehrmals hintereinander auf den Fahrstuhlknopf.
Im Auto ließ Roman den Motor an, damit er warm wurde. – Ich muss jetzt einfach wissen, was du von mir willst! – Im Moment gar nichts, Roma. – Du ziehst das vor allen Leuten ab und willst jetzt nichts? – Ich habe eine Frage gestellt. – Und hast deine Kontoauszüge hervorgekramt. – Weil du ununterbrochen gelogen hast! – Ich habe den Überblick verloren! – Fünf Jahre lang den Überblick verloren?
Er schlug mit der Hand aufs Lenkrad. – Ich konnte meiner Mutter doch nicht sagen, dass ich auf deine Kosten lebe! Oksana schnallte sich ab, obwohl das Auto sich noch keinen Millimeter bewegt hatte. – Jetzt sprichst du endlich mal die Wahrheit. – Ich habe mich nun mal geschämt. – Deshalb hast du mich vor ihrer aller Augen als hilflose Person hingestellt und erzählt, du würdest mich durchfüttern. – Weil es für sie so verdammt viel einfacher zu verdauen war!
Er setzte ruckartig aus der Parklücke zurück und bremste sofort scharf vor einem Müllfahrzeug ab. Die Fahrt nach Hause verlief in völligem Schweigen. Roman setzte den Blinker viel zu früh, verpasste einmal die richtige Einfahrt zum Hof und musste über eine Nebenstraße zurückfahren. Vor dem Block stieg Oksana als Erste aus, und ihr Mann holte sie direkt an der Haustür ein. – Willst du das jetzt etwa allen erzählen? – Wem denn? – Freunden. Arbeitskollegen. Weiß der Teufel wem… – Du glaubst also immer noch, dass es in diesem Gespräch um Geld geht, Roma? – Worum denn sonst?
Die Tür ging auf. Oksana hielt sie mit der Hand fest. – Darum, dass du mich unbedingt zur Frau machen musstest, die von dir ausgehalten wird, nur damit du selbst in deren Augen das Bild eines ‚normalen Mannes‘ wahren konntest.
In der Wohnung nahm sie ihre Ohrringe ab und legte sie auf die Ablage im Flur. An der Wand hing das Foto von der Einweihungsparty. Roman hielt die Schlüssel für die Wohnung in der Hand, Tamara Iwanowna legte ihm die Arme um die Schultern, und Svetlana stand mit einer Flasche Champagner daneben. Oksana stand etwas abseits am Bildrand, mit einer großen Plastiktüte in den Händen. Auf diesem Foto sahen alle verdammt glücklich aus.
Oksana ging ins Schlafzimmer, zog eine kleine Reisetasche aus dem Schrank und legte sie aufs Bett. Roman blieb im Türrahmen stehen. – Wo willst du hin? – Ich fahre für ein paar Tage zu Lena. – Wegen dieser Geschichte? Sie öffnete die Schublade und begann, Kleidung hineinzupacken.
– Wegen der letzten fünf Jahre, Roma. – Wollen wir uns jetzt etwa scheiden lassen, nur weil ich Mama irgendwas Falsches erzählt habe? Meinst du das ernst? – Ich habe kein Wort von Scheidung gesagt. Ich möchte heute Nacht einfach nicht neben dir schlafen.
– Tu das nicht. Ich habe mich doch entschuldigt. – Nein. – Gut. Es tut mir leid. Sie schloss den Reißverschluss der Tasche. – Wofür? Roman erstarrte, die Hand noch am Schrankgriff. – Dafür, dass es für dich verletzend war. – Es war nicht einfach nur verletzend. – Dann sag mir verdammt noch mal, wie ich es ausdrücken soll. – Denk dir gefälligst selbst etwas aus. Du bist doch sonst so gut darin, dir Versionen zurechtzulegen.
Er ließ den Schrankgriff los. – Willst du mir jetzt jedes verflixte Wort vorhalten? – Heute ja.
Oksana nahm die Tasche und ging in den Flur. Roman folgte ihr auf dem Fuß. – Ich wollte dich nicht erniedrigen. – Das macht die Sache für mich jetzt auch nicht leichter. Sie zog ihre Jacke an. Ihr Telefon vibrierte in der Tasche, auf dem Display leuchtete der Name von Tamara Iwanowna auf, aber Oksana lehnte den Anruf ab. – Mama ruft an – sagte Roman. – Ruf sie gefälligst selbst zurück. – Sie ruft aber auf deinem Handy an. – Dann soll sie jetzt eben dich anrufen. – Kommst du zurück?
Oksana öffnete die Wohnungstür. – Wenn du gelernt hast, all das zu erklären, ohne ein einziges Mal das Wort „zufällig“ zu benutzen, Roma.
Er erwiderte nichts. Oksana trat ins Treppenhaus hinaus und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Die Türen öffneten sich fast auf der Stelle. Bevor sie einstieg, zog sie den zweiten Schlüsselsatz aus der Tasche, nahm den kleinen Schlüssel für Tamara Iwanownas Wohnung vom Ring und legte ihn auf die Flurkommode. – Gib das deiner Mutter zurück – sagte sie und trat in den Fahrstuhl.