— Später hörte sie zufällig ein Gespräch zwischen ihm und seiner Frau. Olesja stieg die fünf Stockwerke zu Fuß hinauf, weil der Aufzug des Hauses seit dem Winter nicht repariert worden war. Zwei schwere Taschen schnitten so stark in ihre Hände, dass sie an jedem Treppenabsatz kurz stehen bleiben musste.
In der einen Tasche waren Hüttenkäse, Buchweizen und die Nussplätzchen, die ihr Neffe Mischa so sehr liebte. In der anderen lagen ein Hähnchen, Waschmittel und ein Paar Socken für Roman, weil ihr Bruder wieder einmal mit Löchern in den alten herumgelaufen war und ständig behauptete, er hätte keine Zeit, neue zu kaufen.
Im ersten Stock bemerkte sie, dass bei den Nachbarn ein neuer Kronleuchter hing. Er war wunderschön, aus Kristall, ähnlich wie einer, den sie einmal in einem Katalog gesehen hatte. Doch sie wandte schnell den Blick ab, denn das Geld wurde für wichtigere Dinge gebraucht.
Natürlich nicht für sie.
Mischa brauchte Schwimmunterricht, und ein Kronleuchter war nur eine Kleinigkeit. Im zweiten Stock hielt sie Marina aus Wohnung Nummer sieben auf und fragte, wie es ihr gehe. Olesja antwortete, dass alles in Ordnung sei, dass sie Arbeit habe und viele Verpflichtungen. Danach fragte sie Marina, was es Neues gebe.
Sie wusste bereits, dass Marina wieder über ihren Mann und sein Gehalt sprechen würde, denn sie tat das immer. Und tatsächlich kam es genauso.
Olesja hörte zu und nickte, während sie daran dachte, dass sie ihre Freundin aus Petersburg schon lange nicht mehr angerufen hatte. Diese hatte nie verstanden, warum Olesja nicht zu ihr in den Urlaub gekommen war.
Olesja hatte sich nie getraut zu erzählen, dass das Geld für den Kühlschrank ihres Bruders Roman draufgegangen war. Seit fünf Jahren kannte sie dieses Treppenhaus auswendig, jede Ritze in der Wand.
Sie wusste, dass es im dritten Stock immer nach gebratenem Essen roch, dass im vierten Stock jemand seine Zigarette zu Ende rauchte und die Stummel direkt in den Blumentopf warf. Die Fußmatte vor ihrer Wohnungstür lag immer schief, als würden alle einfach darüberlaufen, ohne sich die Füße abzutreten.
Sie beugte sich hinunter und schob die Matte mit der Schuhspitze zurecht – ganz automatisch, genauso wie sie dort immer alles in Ordnung brachte.
Im dritten Stock blieb sie kurz stehen, um die Taschen besser zu greifen. Ihre Hände taten weh, aber es war ein praktischer Schmerz – der Schmerz eines Menschen, der etwas Wichtiges und Notwendiges trägt.
Sie hatte einen eigenen Schlüssel.
Ihr Bruder hatte ihn ihr irgendwann gegeben, damit sie die Einkäufe abstellen konnte, wenn niemand zu Hause war.
Olesja steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn aber nicht um.
Von der anderen Seite der Tür hörte sie Stimmen. Eine davon – die weibliche – hatte diesen hohen Ton, den Wera sich niemals erlaubte, wenn Olesja dabei war.
— Ich halte das nicht länger aus, Roma — sagte ihre Schwägerin.
— Ich komme in meine eigene Küche und sie hat schon wieder alles umgestellt. Sie hat den Reis in Gläser gefüllt und ein anderes Handtuch aufgehängt.
Als wäre es ihre Wohnung und wir wären nur irgendwelche Mieter!
Olesja erstarrte mit der Hand am Schlüssel.
Die Taschen zogen an ihren Armen, aber sie ließ sie nicht los.
— Sie will doch nur helfen — sagte Romans müde Stimme.
— Warum regst du dich so auf?
— Helfen?
Wera spuckte dieses Wort beinahe aus.
— Hilfe ist nur dann Hilfe, wenn jemand darum bittet.
Das hier ist keine Hilfe, das ist eine Leine.
Sie gibt uns Geld und kontrolliert danach, was wir damit kaufen. Wir haben Mischa neue Schuhe gekauft und sie hat sofort die Lippen zusammengepresst. Ich wollte im Sommer ans Meer fahren, und sie sagte: Wozu braucht ihr Urlaub, wenn ihr noch nicht einmal den Kühlschrank abbezahlt habt?
Wir sind erwachsene Menschen, Roma!
Sie ist dreiundvierzig Jahre alt, hat weder Mann noch Kinder und lebt unser Leben anstatt ihr eigenes.
Olesja spürte, wie sich das Metall des Schlüssels in ihre Handfläche drückte.
Der Kühlschrank.
Dreiundvierzig Jahre alt.
Statt eines eigenen Lebens.
Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und versuchte, keinen Laut von sich zu geben.
Aus der Wohnung kamen ganz gewöhnliche Geräusche: Ein Löffel klirrte gegen eine Tasse, danach seufzte Roman.
— Hör zu, sie ist wirklich wie eine zweite Mutter für uns — sagte er.
Doch etwas in seiner Stimme klang gebrochen und nicht überzeugend, als würde er selbst nicht mehr an seine Worte glauben.
— Das ist ihr Problem, dass sie nichts für sich selbst aufgebaut hat — fuhr Wera fort.
Olesja hörte in ihren Worten nicht nur Verbitterung, sondern auch eine Art Schmerz – den müden Schmerz eines Menschen, der etwas schon lange sagen wollte.
— Sie darf uns da nicht mit hineinziehen.
Ich habe sie nicht darum gebeten, unser Familienleben zu übernehmen.
Ihr Bruder schwieg lange.
Olesja wartete darauf, dass er das sagte, was er ihr immer erzählt hatte: dass sie wunderbar sei, dass sie ohne sie nicht zurechtkommen würden, dass sie für Mischa wie eine zweite Mutter sei.
Sie wartete darauf, dass er sie verteidigte.
— Was soll ich denn tun? — sagte Roman schließlich.
Seine Stimme klang nicht wütend, sondern gleichgültig, wie die eines Menschen, der müde davon ist, ständig etwas erklären zu müssen.
— Soll ich ablehnen?

Sie würde durchdrehen.
Außer uns hat sie niemanden.
Unsere Mutter ist tot, in ein paar Jahren wird sie vielleicht ihren Job verlieren, und echte Freunde hat sie auch nicht.
Deshalb klammert sie sich an uns.
Soll sie eben ihre Einkäufe tragen.
Was interessiert mich ihr Buchweizen?
Für sie ist es einfacher so, also soll sie weiterkommen. Die letzten Worte klangen nicht nur müde, sondern völlig gleichgültig – als würde er nicht über seine eigene Schwester sprechen, sondern über jemanden, der jeden Samstag wie ein Schatten auftaucht.
— Du erträgst sie also aus Mitleid? — fragte Wera leise.
— Was hast du erwartet?
Sie ist schließlich meine Schwester.
Ich kann sie nicht einfach wegwerfen.
Und Mischa ist an sie gewöhnt.
— Mischa wird lernen, ohne sie zu leben — antwortete Wera.
Ihre Stimme war plötzlich noch kälter.
Olesja zog den Schlüssel ganz vorsichtig aus dem Schloss.
Das Metall machte ein leises Geräusch und ihr ganzer Körper spannte sich an, als wäre sie bei etwas Verbotenem erwischt worden.
Doch hinter der Tür ging das Gespräch weiter, als wäre sie nie dort gewesen.
Sie hob die Taschen auf. Ihr Gewicht fühlte sich schwerer an als je zuvor.
Dann begann sie langsam die Treppe hinunterzugehen.
In ihrem Kopf war nur ein einziger Gedanke:
Sie ertragen mich.
Im Hof stellte sie die Taschen auf die Bank neben dem Eingang.
Hähnchen, Waschmittel, Socken, Nussplätzchen.
Fünf Jahre lang hatte sie all das getragen, als Beweis dafür, dass sie gebraucht wurde.
Dass sie die Familie zusammenhielt.
Doch nun erkannte sie, dass dieser Beweis nichts wert war.
Sie setzte sich hin und sah auf die Taschen.
Langsam verstand sie: Der einzige Mensch, den sie all die Jahre gerettet hatte, war sie selbst gewesen – eine Frau, die verzweifelt versucht hatte, ihren Platz im Leben anderer Menschen zu behalten.
Fünf Jahre zuvor, neun Tage nach dem Tod ihrer Mutter, hatte Roman in Olesjas Küche gesessen.
Damals hatte ihr die Wohnung groß und fremd erschienen.
Er hielt ein Glas Wasser in den Händen und sagte, ohne sie anzusehen, dass er nicht mehr weiterwisse.
Sein Geschäft war gescheitert.
Er hatte Schulden.
Wera saß im Zimmer und hielt den zweijährigen Mischa im Arm.
Sie arbeitete nicht, weil sie sich um das Kind kümmern musste.
Miete, Schulden, Kindergarten.
Roman weinte nicht.
Er starrte nur auf den Tisch und sagte mit leerer Stimme, dass er nicht wisse, was er tun solle. Olesja war damals die Einzige mit einem sicheren Einkommen und Ersparnissen.
Ihre Mutter war nur noch eine schmerzhafte Erinnerung.
Doch in diesem Moment hörte sie ihre Stimme im Kopf:
„Du bist die Ältere. Kümmere dich um Roma.“
Sie hatte diesen Satz ihr ganzes Leben lang getragen.
Und sie kümmerte sich.
Am Anfang waren es einzelne Ausgaben.
Den Kindergarten bezahlen.
Winterkleidung für Mischa kaufen.
Bei der Miete helfen.
Doch irgendwann wurde daraus eine monatliche Pflicht.
Jeden Monat überwies sie einen Teil ihres Gehalts an ihren Bruder.
Sie verzichtete auf ein neues Mantel, auf Reisen, auf ihre eigenen Wünsche.
Nicht, weil sie es musste.
Sondern weil sie glauben wollte, dass sie gebraucht wurde.
Jeden Samstag ging sie zu ihnen.
Sie räumte den Kühlschrank auf.
Wusch den Herd.
Ordnete die Kleidung des Kindes.
Sie glaubte ehrlich, dass sie etwas Gutes tat.
Sie merkte nicht, dass alle anderen nur darauf warteten, dass sie wieder ging.
Jetzt saß sie auf der Bank und erinnerte sich an all diese Samstage.
Plötzlich sah alles anders aus.
Vielleicht hatte Wera recht.
Vielleicht hatte sie wirklich versucht, in ein Leben einzudringen, das nicht ihres war.
Vielleicht war ihre Fürsorge nicht nur Liebe gewesen, sondern auch der Versuch, die eigene Leere zu füllen.
Sie stand auf.
Die Taschen lagen noch neben ihr.
Sie hob sie hoch, ging zum Müllcontainer und blieb stehen.
Das Hähnchen.
Die Süßigkeiten.
Die kleinen Dinge, die beweisen sollten, dass sie wichtig war.
Aber wem wollte sie das eigentlich beweisen?
Ihnen?
Oder sich selbst?
Sie öffnete den Container.
Einen Moment lang hielt sie die Taschen noch fest.
Dann ließ sie sie fallen.
Sie schloss den Deckel und ging zurück zum Eingang.
Auf der Treppe begegnete sie Mischa.
Als er sie sah, strahlte sein Gesicht.
— Tante Ossja!
Kommst du zu meinem Hockeyspiel?
Sie blieb stehen.
Mischa war elf Jahre alt.
Vielleicht würde er sich später kaum an diese Samstage erinnern.
Vielleicht würde er sie vergessen.
Vielleicht aber auch nicht.
— Ich komme — sagte Olesja.
Der Junge lächelte und lief die Treppe hinunter.
Am nächsten Samstag ging sie nicht zu ihnen.
Auch nicht in der Woche danach.
Beim dritten Mal kam sie wieder.
Aber ohne Taschen.
Sie blieb nur zwei Stunden.
Sie wusch kein Geschirr.
Sie räumte nichts auf.
Sie spielte mit Mischa und sah ihm beim Zeichnen zu.
Als sie gehen wollte, umarmte er sie.
— Kommst du wieder jeden Samstag?
— Zweimal im Monat — antwortete sie.
— Warum?
Olesja lächelte.
— Weil das mein Leben ist.
Roman begleitete sie zur Tür.
— Ich wollte nicht, dass du denkst…
— Ich weiß genau, was du gedacht hast — unterbrach sie ihn.
— Trotzdem komme ich.
Aber nicht mehr so wie früher.
Und ich werde euch kein Geld mehr überweisen.
Sie ging langsam die Treppe hinunter.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sie sich nicht leer.
Zum ersten Mal begann sie, ihr eigenes Leben zurückzugewinnen.
Und sie ging weiter, ohne sich umzudrehen.