— Hol sofort die Schlüssel von deiner Mutter zurück!
Sie ist einfach in unser Schlafzimmer gekommen, ohne anzuklopfen, während wir geschlafen haben! Ich werde nicht in einem Haus leben, in das jeder hineinspazieren kann, wann immer er will!
„Entweder du lässt noch heute die Schlösser austauschen, oder ich werfe sie samt ihren Sachen vor die Tür – und dich gleich mit!“, schrie Ksenia, nachdem sie ihre Schwiegermutter über ihrem Bett stehen sah, einen Staublappen in der Hand.
Ksenia fuhr auf der Matratze hoch und zog die Decke hektisch bis an ihre Brust.
Die Müdigkeit war augenblicklich verschwunden. Erst wich sie einer lähmenden Schockstarre, dann einer brennenden, unkontrollierbaren Wut.
Direkt über ihr stand Nina Wassiljewna.
Ihre Schwiegermutter trug noch immer ihren gewöhnlichen beigen Mantel, den sie nicht einmal im Flur ausgezogen hatte. An den Füßen hatte sie schmutzige Straßenschuhe.
In der rechten Hand hielt sie einen feuchten gelben Lappen und wischte damit systematisch über die Glastür des Kleiderschranks. Das widerliche Quietschen hallte durch die morgendliche Stille.
— Was ist denn das für ein Geschrei am frühen Morgen? — murmelte der verschlafene Igor und öffnete mühsam die Augen. Er richtete sich auf die Ellbogen auf und blinzelte gegen das Licht.
— Ksyusha, was ist denn los … Mama?
Wie bist du überhaupt hierhergekommen?
Du wolltest doch aufs Land fahren.
— Ich bin zu Fuß gekommen, Igorjok.
Ich habe den ersten Bus genommen und bin dann zu Fuß weitergelaufen, — antwortete Nina Wassiljewna völlig ungerührt und wischte weiter über die Schranktür.
— Schlaft ruhig weiter. Beachtet mich einfach nicht.
Ich muss nur noch ein paar obere Regale sauber machen.
Ihr liegt am Wochenende bis mittags im Bett, und hier bekommt man kaum Luft.
Der Staub steht überall. Schon im Flur hat es mir im Hals gekratzt.
— Sind Sie eigentlich noch ganz normal?! — Ksenia stieß ihren Mann unter der Decke mit dem Fuß an.
— Igor, mach sofort etwas!
Was macht deine Mutter um acht Uhr morgens an einem Samstag in unserem Schlafzimmer – in ihrem Mantel und mit Straßenschuhen?!
Und wie ist sie überhaupt in die Wohnung gekommen?
— Mit ihrem eigenen Schlüssel natürlich, — erwiderte die Schwiegermutter ruhig und wandte sich endlich ihrer Schwiegertochter zu.
Ihr prüfender Blick glitt über Kseniас zerzaustes Haar, ihre nackten Schultern und ihre weiß gewordenen Finger, die sich in die Bettdecke krallten.
— Igorjok hat mir persönlich einen Zweitschlüssel gegeben.
Man weiß ja nie, was passieren kann, und ihr seid ständig bei der Arbeit.
Und jetzt ist es passiert.
Ihr versinkt hier im Schmutz, und es tut mir weh, meinen Sohn so leben zu sehen.
Er ist seit seiner Kindheit allergisch und sollte auf keinen Fall in solchem Dreck schlafen.
— Mama, also … wir hätten später selbst sauber gemacht, vielleicht heute Abend, — murmelte Igor und setzte sich auf die Bettkante.
— Du hättest wenigstens klingeln oder anrufen können.
Wir waren schließlich nicht angezogen.
— Ach, Igorjok, was sollte ich bei euch noch nicht gesehen haben? — winkte Nina Wassiljewna ab und schüttelte die grauen Staubflusen direkt auf den Teppich neben dem Bett.
— Schlaft ruhig weiter. Das ganze Wochenende liegt noch vor euch.
Deine Gesundheit ist mir wichtiger als eure morgendlichen Zärtlichkeiten.
Als ich gestern Abend noch einmal hereinkam, um etwas Wasser zu trinken, hätte ich von dieser stickigen Luft beinahe einen Asthmaanfall bekommen.
— Gestern Abend?! — Kseniас Stimme wurde zu einem heiseren Schrei.
Sie sprang aus dem Bett, griff nach der ersten Decke, die sie finden konnte, und legte sie sich um die Schultern.
— Du warst also gestern auch hier, während wir nicht da waren?!
Igor, hörst du das?!
Sie kommt hierher, als wäre es ihr eigenes Zuhause!
— Ksyusha, beruhige dich bitte, — murmelte ihr Mann.
— Mama wollte nur etwas Wasser trinken. Sie kam von der Arbeit und ist eben kurz vorbeigekommen.
Was ist denn daran so schlimm?
— Was daran schlimm ist?!
Ksenia machte einen Schritt auf ihren Mann zu.
— Sie stand mit einem Lappen über unserem Bett, während wir geschlafen haben!
Mit ihren Straßenschuhen!
In unserem Schlafzimmer!
Igor, ich sage es dir zum letzten Mal: Hol dir die Schlüssel von ihr zurück.
Sofort.
Steh auf, geh zu deiner Mutter und hol dir den Schlüsselbund.
Nina Wassiljewna lächelte nur spöttisch und polierte weiter die ohnehin saubere Schranktür.
Ihre Bewegungen waren demonstrativ ruhig, was Ksenia beinahe zur Weißglut trieb.
Offensichtlich genoss die Schwiegermutter die Wirkung, die sie erzielt hatte, und das völlige Unvermögen ihres Sohnes, die Situation unter Kontrolle zu bringen.
— Niemand wird mir irgendetwas wegnehmen, — erklärte Nina Wassiljewna selbstsicher, ohne sich umzudrehen.
— Die Hälfte dieser Wohnung gehört meinem Sohn. Also habe ich jedes Recht, hier zu sein.
Vor allem, wenn ihr selbst nicht in der Lage seid, für ein Mindestmaß an Ordnung zu sorgen.
Sieh dir diesen Boden an, Ksenia.
In den Ecken liegen ganze Staubknäuel.
Wann habt ihr zum letzten Mal gesaugt?
Letztes Jahr?
— Es geht Sie überhaupt nichts an, wann ich staubsauge! — schrie Ksenia.
— Legen Sie den Lappen weg und verlassen Sie mein Schlafzimmer! Und legen Sie die Schlüssel sofort auf den Nachttisch!
— Du schreist mich nicht an, Mädchen! — Nina Wassiljewna drehte sich abrupt zu ihr um.
— Ich habe so viel in dieses Zuhause investiert, als ich euch beim Renovieren geholfen habe.
Du kannst bei der Arbeit herumkommandieren. Hier bestimme ich selbst, wo ich stehe und was ich tue.
Igorjok, warum schweigst du?
Deine Frau fällt über deine Mutter her, nur weil ich sauber mache, und du sitzt da wie ein stummer Fisch!
Igor seufzte schwer und rieb sich den Nasenrücken.
Die Situation war längst außer Kontrolle geraten – obwohl er sie von Anfang an nicht wirklich kontrolliert hatte.
Sein Blick wanderte zwischen seiner wütenden Frau und seiner Mutter hin und her.
— Mama, wirklich, du solltest lieber nach Hause gehen, — sagte Igor schließlich kraftlos.
— Wir kümmern uns selbst um die Reinigung.
Warum bist du überhaupt so früh gekommen?
— Ich bin gekommen, um zu helfen! — fuhr Nina Wassiljewna ihn an.
Sie drückte den nassen Lappen so fest zusammen, dass schmutziges Wasser auf den Parkettboden tropfte.
— Denn wenn ich nicht komme, wächst euch hier noch Moos aus den Wänden!
Schau sie dir an! Sie steht da und widerspricht mir!
Anstatt mir zu danken, dass ich an meinem freien Tag hergekommen bin, um eure Ecken zu putzen!
— Ich habe Sie nicht darum gebeten! — erwiderte Ksenia scharf.
— Igor, ich warte!
Wenn die Schlüssel nicht sofort bei mir liegen, rufe ich einen Schlüsseldienst und innerhalb einer Stunde ist ein neues Schloss eingebaut!
Und du bezahlst die Rechnung!
— Ksyusha, hör auf, — sagte Igor genervt.
— Was sollen diese Schlösser am Samstagmorgen?

Mama wollte doch nur helfen. Sie hat es vielleicht ein bisschen übertrieben.
Mama, gib ihr die Schlüssel, damit sie sich beruhigt.
Später bekommst du sie zurück.
— Kommt überhaupt nicht infrage! — empörte sich Nina Wassiljewna.
Sie steckte den nassen Lappen in die Tasche ihres beigen Mantels und verschränkte die Arme vor der Brust.
— Ich gebe euch keine Schlüssel.
In diesem Chaos würdet ihr sie am nächsten Tag verlieren.
Außerdem gehe ich jetzt in die Küche.
Euer Spülbecken ist voller Fett. Es ist widerlich.
Nina Wassiljewna drehte sich auf ihren schmutzigen Absätzen um und ging selbstbewusst aus dem Schlafzimmer.
Auf dem hellen Boden hinterließ sie feuchte Schuhabdrücke.
Ksenia starrte ihr hinterher.
Dann wandte sie sich langsam ihrem Mann zu.
— Du bist ein erbärmlicher Feigling, Igor, — presste sie zwischen den Zähnen hervor.
— Sie ist gerade in unser eigenes Schlafzimmer eingedrungen, und du hast nicht einmal versucht, sie aufzuhalten.
— Was hätte ich denn tun sollen?! — explodierte Igor.
— Mich mit ihr prügeln?!
Sie ist eine ältere Frau!
Sie ist gekommen, um zu putzen. Das passiert eben!
Du machst aus jeder Kleinigkeit ein Drama!
— Aus jeder Kleinigkeit?!
Sie stand über unserem Bett, während wir geschlafen haben! — Ksenia nahm ein Kissen und schleuderte es mit voller Kraft gegen die Wand.
— Zieh dich an.
Wir gehen in die Küche.
Und dort wird sie entweder ohne Schlüssel hinausgehen oder du gehst gemeinsam mit ihr.
Ich meine das ernst, Igor.
Mit zitternden Händen band Ksenia den Gürtel ihres Bademantels so fest, dass sie kaum noch Luft bekam. Sie zitterte nicht wegen der morgendlichen Kälte.
Sie zitterte vor Demütigung.
Aus der Küche hörte sie Wasser laufen und Geschirr klappern.
Ihre Schwiegermutter hatte bereits mit ihrer „Hausarbeit“ begonnen.
Igor zog sich schweigend seine Hausanzughose an und vermied es, seiner Frau in die Augen zu sehen.
— Du kommst mit, — befahl Ksenia.
— Und wenn du wieder schweigst, während sie in unseren Töpfen herumwühlt, weiß ich nicht, was ich tue.
Sie verließ das Schlafzimmer und wäre beinahe auf einem feuchten Schuhabdruck ausgerutscht.
In der Küche herrschte Chaos.
Nina Wassiljewna stand noch immer in ihrem beigen Mantel am Waschbecken.
Sie hatte das gesamte schmutzige Geschirr auf die Arbeitsplatte gestellt und schrubbte nun wütend die Teller.
Der gleiche gelbe Lappen, mit dem sie gerade den Staub im Schlafzimmer entfernt hatte, lag neben dem Brotkasten.
— Na endlich seid ihr da, — sagte Nina Wassiljewna über die Schulter.
— Ich habe mir eure Vorräte angesehen.
Die Hälfte der Lebensmittel im Kühlschrank ist abgelaufen.
Die Mayonnaise und die Wurst habe ich weggeworfen. Die waren schon schleimig.
— Igor, bist du eigentlich noch bei Verstand?!
Ksenia riss ihren Bademantel enger um sich.
— Deine Mutter ist gerade mit ihren Straßenschuhen neben unserem Bett herumgelaufen!
Sie hat uns beim Schlafen beobachtet!
— Ksyusha, übertreib nicht, — sagte Igor widerwillig.
— Niemand hat dich beobachtet.
Sie hat Staub gewischt.
Sie ist eben besessen von Sauberkeit. Du kennst sie doch.
Sie ist leise hereingekommen und dachte wahrscheinlich, wir würden es nicht merken.
— Leise?!
Ksenia zog den Gürtel ihres Bademantels noch fester.
— Sie hat unsere Tür mit dem Schlüssel geöffnet, den du ihr heimlich gegeben hast!
Sie ist mit ihren dreckigen Schuhen durch den Flur gelaufen, in unser Schlafzimmer gegangen und hat einen nassen Lappen über unseren Köpfen geschwungen!
Und du nennst das „Besessenheit von Sauberkeit“?
Das ist eine dreiste Kontrolle unseres Lebens!
— Ich habe ihr die Schlüssel für Notfälle gegeben, — erwiderte Igor.
— Falls eine Leitung platzt oder wir unsere Schlüssel verlieren.
Niemand hat damit gerechnet, dass sie am frühen Morgen zum Putzen auftaucht.
Ich rede jetzt vernünftig mit ihr.
Ohne deine Hysterie.
— Vernünftig?
Na schön. Dann sehen wir mal, wie du „vernünftig“ mit ihr redest, — spottete Ksenia.
Sie deutete auf den Boden.
Die schmutzigen Schuhabdrücke von Nina Wassiljewna führten direkt durch den Flur bis in die Küche.
Dort hörte man bereits wieder Wasser laufen und Geschirr klappern.
Ksenia ging entschlossen in die Küche.
— Lassen Sie den Schwamm liegen und drehen Sie das Wasser ab, Nina Wassiljewna, — sagte sie kalt.
Ihre Schwiegermutter drehte sich nicht einmal um.
— Igorjok, euer Spülmittel riecht nach Chemie, — sagte Nina Wassiljewna laut.
— Ich habe dir doch gesagt, du sollst natürliche Seife kaufen.
Die ist viel gesünder.
Das hier ist pures Gift, und anschließend esst ihr von diesen Tellern.
— Mama, bitte mach das Wasser aus, — bat Igor leise. Nina Wassiljewna drehte widerwillig den Hahn zu.
Dann wandte sie sich den beiden zu und musterte Ksenia von Kopf bis Fuß.
— Worüber sollen wir noch reden, mein Sohn?
Ich bin in eine Wohnung gekommen, von der die Hälfte meinem Sohn gehört.
Ich bin gekommen, weil ihr hier eine unglaubliche Unordnung habt.
Die Suppe im Kühlschrank war sauer. Ich habe den ganzen Topf in die Toilette geschüttet!
— Sie haben in meinem Kühlschrank herumgewühlt?!
Sie haben meine Suppe weggeworfen?! — Ksenia trat einen Schritt nach vorne.
— Igor, wie lange willst du noch zusehen, wie deine Mutter sich in meiner Wohnung aufführt?!
Hol ihr die Schlüssel ab!
Sofort!
— Ksyusha, die Suppe hätte tatsächlich schlecht werden können. Es war warm, — murmelte Igor.
— Mama, warum hast du überhaupt im Kühlschrank herumgesucht?
Wir hätten uns selbst darum gekümmert.
— Ihr hättet euch darum gekümmert? — Nina Wassiljewna schnaubte.
— Ihr hättet diese saure Brühe gegessen und euch vergiftet!
Ich bewahre euch vor einer schweren Lebensmittelvergiftung, und ihr fallt über mich her.
Keine Spur von Dankbarkeit.
— Ich brauche weder Ihre Hilfe noch Ihre Fürsorge! — sagte Ksenia entschlossen.
— Sie sind hier nicht die Hausherrin.
Nehmen Sie die Schlüssel aus Ihrer Tasche und legen Sie sie auf den Tisch.
Sofort.
Sie betreten diese Wohnung nie wieder ohne meine ausdrückliche Einladung.
— Hör sie dir an! — spottete Nina Wassiljewna.
— Die Wohnung gehört beiden. Igorjok hat die Hälfte bezahlt.
Also bleiben die Schlüssel bei mir.
Ich bin seine Mutter und habe das Recht zu wissen, unter welchen Bedingungen mein Sohn lebt.
— Igor!
Ksenia wandte sich ihrem Mann zu.
— Geh zu ihr.
Greif in diese lächerliche Manteltasche und hol die Schlüssel heraus.
Wenn du das jetzt nicht machst, werde ich selbst handeln.
Igor wurde blass.
Er blickte zwischen seiner entschlossenen Frau und seiner sturen Mutter hin und her.
Dann machte er einen unsicheren Schritt nach vorne.
— Mama … gib mir bitte die Schlüssel.
Warum müssen wir schon am frühen Morgen so einen Streit haben?
Ksyusha regt sich auf.
Gib sie mir, ich nehme sie und bringe sie dir später zurück.
— Ich gebe dir gar nichts, — erwiderte Nina Wassiljewna.
Sie klopfte demonstrativ auf die ausgebeulte Manteltasche, aus der die Schlüssel klirrten.
— In diesem Chaos würdet ihr sie doch nur verlieren.
Bei mir sind sie sicher.
Und du, Igorjok, nimm lieber einen Lappen und hilf mir, die Fenster zu putzen.
Man kann kaum noch Tageslicht sehen.
Ksenia sah ihren Mann an und konnte kaum glauben, was sie da sah.
Ein erwachsener Mann stand mitten in seiner eigenen Küche und traute sich nicht, seiner Mutter zu widersprechen. Er war nicht einmal bereit, sich das zurückzuholen, was auch ihm gehörte.
Ksenia empfand nur noch Ekel.
— Alles klar, — sagte sie eiskalt.
— Du entscheidest dich also dafür, hier herumzustehen und zuzusehen, wie sie ihre Regeln aufstellt.
Du bist völlig rückgratlos, Igor.
— Ksyusha, warum redest du so? — versuchte er sich zu rechtfertigen.
— Lass die Schlüssel doch bei ihr.
Sie kommt doch nicht jeden Tag.
Wenn sie einmal im Monat zum Putzen kommt, warum müssen wir deshalb einen Streit anfangen, den das ganze Haus hört?
— Einmal im Monat?! — Ksenia lachte bitter.
— Sie ist ständig hier!
Gestern war sie hier, während wir weg waren, und heute ist sie aufgetaucht, während wir geschlafen haben.
Morgen legt sie sich vielleicht in unser Bett, um zu überprüfen, ob wir richtig schlafen!
Und du wirst wieder alles hinnehmen!
— Wage es nicht, so mit meinem Sohn zu reden! — mischte sich Nina Wassiljewna ein.
— Er ist in seinem eigenen Zuhause!
Du hast ihm überhaupt nichts zu sagen!
Ksenia hörte auf zu lachen.
Ihr Gesicht wurde hart.
Sie wusste, dass weitere Diskussionen nichts bringen würden.
— Gut, — sagte sie leise.
— Wenn du, Igor, dieses Problem nicht lösen kannst, werde ich es lösen.
Sie ging langsam in die Küche.
— Sie glauben also wirklich, dass Sie das Recht haben, sich hier so aufzuführen? Sie sind ohne Einladung gekommen.
Sie haben mit Ihrem eigenen Schlüssel die Tür geöffnet.
Sie haben meine Lebensmittel weggeworfen.
Merken Sie überhaupt nicht, dass Sie längst jede Grenze überschritten haben?
Nina Wassiljewna blieb vollkommen ruhig.
— Dein Geld, Ksenia, ist Familiengeld, — erklärte sie selbstgefällig.
— Und Familie bedeutet vor allem mein Sohn.
Wenn mein Sohn gezwungen ist, in einem Dreckloch zu leben und verdorbene Lebensmittel zu essen, weil seine Frau zu beschäftigt mit ihrer Karriere oder mit sich selbst ist, dann muss ich als Mutter eingreifen.
Schau dir nur diesen Herd an!
Darauf ist so viel Fett, dass man es bald mit einer Axt abschlagen muss.
Wie kannst du überhaupt darin kochen?
Oder ernährt ihr euch nur von Fertiggerichten?
— Mama, der Herd ist völlig in Ordnung, — mischte Igor sich ein.
— Ksyusha hatte gestern einen langen Arbeitstag.
Sie wollte heute alles sauber machen.
Warum musst du sofort so anfangen?
— „Wir wollten sauber machen“! — wiederholte seine Mutter spöttisch.
— Ich kenne euer „wir“.
Du hättest auf dem Sofa gelegen und sie hätte sich die Nägel lackiert.
Und der Schmutz hätte sich weiter angesammelt.
Igorjok, schau dich an!
Du hast dunkle Ringe unter den Augen.
Alles wegen des Staubs und der falschen Ernährung.
Gestern wollte ich dir selbstgemachte Frikadellen bringen, aber diese Frau hat mich am Telefon angefahren und gesagt, ihr hättet euren eigenen „Ernährungsplan“.
Da ist euer Plan!
Ksenia spürte, wie ihr Blut in den Schläfen pochte.
Jedes Wort ihrer Schwiegermutter, jede ihrer Bewegungen verursachte in ihr beinahe körperlichen Schmerz. Sie sah auf die schmutzigen Schuhe, die graue Spuren auf den Fliesen hinterließen.
Entweder würde das jetzt enden – oder sie würde selbst daran zerbrechen.
— Igor, ich sage es dir zum letzten Mal, — sagte Ksenia.
— Hol sofort die Schlüssel von deiner Mutter!
Sie ist ohne anzuklopfen in unser Schlafzimmer gekommen, während wir geschlafen haben.
Ich werde nicht in einem Haus leben, in dem jeder einfach hereinkommen kann, wann er will!
Entweder du lässt noch heute die Schlösser austauschen, oder ich werfe sie samt ihren Sachen hinaus – und dich gleich mit!
Du hast genau eine Minute, damit diese Schlüssel auf dem Tisch liegen.
— Ksyusha, fang nicht schon wieder mit den Schlüsseln an, — sagte Igor genervt.
— Wo soll sie die jetzt herholen?
Die sind in ihrer Tasche, und die Tasche liegt im Flur …
Lasst uns einfach in Ruhe frühstücken.
Mama macht Tee, und wir reden wie Erwachsene.
Warum benimmst du dich wie ein kleines Kind?
Warum diese ganzen Ultimaten?
— Wie Erwachsene?
Ksenia trat dicht an ihn heran.
— Erwachsene Menschen brechen nicht bei Sonnenaufgang in fremde Wohnungen ein.
Erwachsene lassen ihre Mütter nicht in fremden Kühlschränken und persönlichen Sachen herumwühlen.
Erwachsene schützen ihre Familie vor Einmischung.
Aber du bist offenbar noch nicht erwachsen genug, deiner Mutter einmal „Nein“ zu sagen.
— Wer kommandiert ihn denn herum?! — schrie Nina Wassiljewna.
Sie warf den Lappen ins Waschbecken.
— Ich?!
Ich habe mein ganzes Leben dafür geopfert, dass er ein anständiger Mensch wird! Und du kommst einfach daher und willst mich von meinem Sohn trennen?
Das wird nicht passieren!
Diese Schlüssel sind meine Garantie dafür, dass ich jederzeit nachsehen kann, ob mein Sohn noch lebt oder ob du ihn mit deinem „Designerleben“ endgültig zugrunde gerichtet hast.
Du willst die Schlösser austauschen?
Versuch es nur!
Dann wirst du etwas erleben!
— Mama, bitte sei leiser, — sagte Igor und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Sie schüttelte sie sofort ab.
— Fass mich nicht an!
Siehst du, was aus dir geworden ist?
Sie kommandiert dich herum und droht sogar damit, dich aus deinem eigenen Zuhause zu werfen!
Ist das etwa ihre Wohnung?
Das ist dein Zuhause, Igor!
Und sie ist hier nur eine Gastin, die es in drei Jahren nicht einmal geschafft hat, selbst den Staub von ihrem Kleiderschrank zu wischen!
Ksenia beobachtete das Ganze schweigend.
In ihr zerbrach etwas endgültig.
Sie hatte keine Angst mehr.
Auch keinen Wunsch nach Versöhnung. Nur noch eine kalte, glasklare Entschlossenheit.
Sie ging zum Küchentisch, nahm den gelben Lappen zwischen zwei Fingern und warf ihn ihrer Schwiegermutter ins Gesicht.
— Raus, — sagte Ksenia ruhig.
Nina Wassiljewna erstarrte.
Der Lappen rutschte von ihrem Gesicht auf den schmutzigen Boden.
— Du … du hast mir einen dreckigen Lappen ins Gesicht geworfen?!
Igorjok, hast du das gesehen?!
— Ksenia, bist du völlig verrückt geworden?! — fuhr Igor seine Frau an.
— Das ist meine Mutter!
Wie kannst du dich vor meinen Augen so aufführen?!
— Das hier ist nicht mehr dein Zuhause, Igor, — sagte Ksenia mit eisiger Stimme.
— Wenn deine Mutter in zehn Sekunden nicht aus dieser Wohnung ist, werfe ich ihre Sachen hinaus.
Und ich fange mit diesem beigen Mantel an.
Nina Wassiljewna, die Zeit läuft.
Die Schlüssel.
Auf.
Den.
Tisch.
— Du undankbares …! — Nina Wassiljewna rang nach Luft.
— Ich werde …
Igorjok, was stehst du noch herum?!
Wirf sie hinaus!
Sie ist hier überflüssig!
Sie zerstört unsere Familie!
Sie respektiert dich überhaupt nicht!
— Mama, geh in den Flur, — sagte Igor schließlich.
Er versuchte, seine Mutter Richtung Ausgang zu bewegen.
Doch sie hielt sich am Rand der Arbeitsplatte fest.
— Ich gehe nirgendwohin!
Sie soll gehen!
Sie soll ihre Sachen nehmen und zu ihrer Mutter verschwinden!
Ich bleibe hier und werde Ordnung schaffen! Igor, wenn du sie jetzt nicht in ihre Schranken weist, bist du nicht mehr mein Sohn!
Hast du mich verstanden?!
Entscheide dich: Ich oder diese Verrückte!
Ksenia bekam eine Gänsehaut.
Das Ausmaß dieses Wahnsinns hatte längst jede Grenze überschritten.
Sie wusste plötzlich, dass Igor niemals eine Entscheidung treffen würde.
Er würde weiterhin zwischen den beiden Frauen hin- und hergerissen sein und versuchen, es allen recht zu machen.
Und am Ende würde er sie immer wieder verraten.
— Die Zeit ist abgelaufen, — sagte Ksenia trocken.
Sie ging zur Wohnungstür und öffnete sie weit.
Kühle Luft drang aus dem Treppenhaus in die stickige Wohnung.
— Entweder ihr geht beide freiwillig hinaus, — sagte Ksenia und deutete auf die offene Tür, — oder ich werde andere Maßnahmen ergreifen.
Und glauben Sie mir, Nina Wassiljewna, Ihre Schlüssel werden Ihnen dann nichts mehr nützen.
Die Schlüssel.
Auf.
Den.
Tisch.
Die Schwiegermutter verstummte plötzlich.
Langsam griff sie in die Tasche ihres Mantels und holte den Schlüsselbund heraus.
Sie betrachtete ihn lange.Dann schleuderte sie ihn mit voller Kraft nicht auf den Tisch, sondern in Richtung Fenster.
Die Schlüssel prallten gegen die Fensterbank und fielen hinter den Heizkörper.
— Erstick daran, — zischte Nina Wassiljewna.
— Aber merk dir meine Worte: Du wirst noch auf Knien zu mir zurückkommen, wenn mein Sohn dich verlässt.
Und er wird dich verlassen.
Denn du bist nichts.
Komm, Igor.
Wir haben hier nichts mehr zu suchen.
In diesem Dreckloch kann man ja nicht einmal atmen.
Igor stand da und blickte zwischen seiner Frau und seiner Mutter hin und her.
Sein Gesicht war eine Mischung aus Verzweiflung und Wut.
Er wusste, dass es kein Zurück mehr gab.
Doch anstatt zu Ksenia zu gehen, machte er einen Schritt auf seine Mutter zu.
— Ksyusha, du machst einen riesigen Fehler, — sagte er leise.
— Mama hat recht.
Du bist völlig außer Kontrolle.
Wir gehen.
Aber glaub nicht, dass ich einfach zurückkomme.
Du hast alles selbst zerstört.
Mit deinen eigenen Händen.
— Verschwindet, — sagte Ksenia nur.
— Ihr beide.
Aus meinem Leben.
Sie wartete, bis die Tür hinter ihnen zufiel.
Dann nahm sie ihr Handy.
— Guten Tag. Ich brauche dringend einen Schlüsseldienst.
Die Adresse ist die Sadovaya-Straße 12, Wohnung 48.
Der Schließzylinder muss ausgetauscht werden, am besten sofort, innerhalb der nächsten Stunde.
Ja, ich bezahle den Expresszuschlag.
Ich warte auf Sie.
Sie legte auf und ließ den Arm mit dem Telefon sinken. Die Stille, die nach dem Weggang von Igor und seiner Mutter in der Wohnung herrschte, war beinahe körperlich spürbar.
Ksenia stand im Flur und lehnte sich gegen die Eingangstür.
Sie hatte sie sofort mehrfach abgeschlossen, sobald die beiden gegangen waren.
Vor ihrem inneren Auge sah sie noch immer das vor Wut verzerrte Gesicht ihrer Schwiegermutter und Igors gleichzeitig schuldbewussten und vorwurfsvollen Blick.
Seltsamerweise fühlte sie keine Traurigkeit.
Nur Leere.
Sie blickte auf den Boden.
Die schmutzigen Schuhabdrücke von Nina Wassiljewna auf dem hellen Laminat wirkten wie ein sichtbares Zeichen dafür, wie leicht jemand in dein Leben eindringen konnte, wenn du es zuließest.
Ksenia ging langsam in die Küche.
Neben dem Heizkörper blitzte etwas Metallisches auf.
Sie kniete sich hin.
Dort, zwischen dem Staub, den Nina Wassiljewna so leidenschaftlich bekämpft hatte, lag der Schlüsselbund.
Ksenia hob ihn zwischen zwei Fingern auf.
Diese kleinen Metallstücke waren jahrelang ein Symbol ihrer Angst gewesen.
Sie hatte immer gewusst, dass ihre Schwiegermutter Zugang zu ihrem Leben hatte.
Nun war es vorbei.
— Das war’s, — flüsterte sie.
— Mit diesen Schlüsseln werden Sie nie wieder eine Tür öffnen.
Sie stand auf, ging zum Mülleimer und warf den Schlüsselbund ohne zu zögern in die Reste jener Suppe, die Nina Wassiljewna so großzügig „entsorgt“ hatte.
Dann nahm Ksenia einen sauberen Lappen und begann, den Boden zu wischen.
Sie schrubbte die Fliesen mit einer Wut, die tief aus ihrem Inneren kam.
Sie wollte die Spuren fremder Schuhe, den Geruch billigen Waschmittels und die Erinnerung an diesen Morgen aus ihrem Zuhause entfernen.
Plötzlich vibrierte ihr Handy.
Auf dem Display stand: „Igor“.
Ksenia erstarrte.
Sie wusste genau, was jetzt kommen würde.
Er würde ihr Grausamkeit vorwerfen. Er würde erzählen, dass seine Mutter einen hohen Blutdruck bekommen habe, dass sie im Auto weine und dass er enttäuscht von seiner Frau sei, die „keine Vernunft gezeigt“ habe.
Ksenia stellte sich seine Stimme vor – diesen ewigen entschuldigenden Ton eines Mannes, der nie gelernt hatte, in seinem eigenen Zuhause erwachsen zu sein.
Sie lehnte den Anruf ab und blockierte seine Nummer.
Direkt danach landete auch Nina Wassiljewnas Nummer auf der Sperrliste.
Zum ersten Mal seit fünf Jahren Ehe hatte Ksenia das Gefühl, dass die Luft in ihrer Wohnung wirklich sauber war.
Nicht weil ihre Schwiegermutter Staub gewischt hatte.
Sondern weil die Heuchelei das Haus verlassen hatte.
Da klingelte es an der Tür.
Kurz und sachlich.
Ksenia zuckte zusammen, trocknete ihre Hände an ihrer Schürze und ging zur Tür.
Draußen stand ein Mann in einem blauen Arbeitsanzug mit einem Werkzeugkoffer.
— Haben Sie mich wegen des Schlosswechsels gerufen? — fragte er.
— Ja, — antwortete Ksenia und ließ ihn herein.
— Setzen Sie das sicherste Schloss ein.
Keiner der alten Schlüssel darf danach noch funktionieren.
Unter keinen Umständen.
— Machen wir, — sagte der Handwerker.
Er kniete sich vor die Tür und begann geschickt, den alten Mechanismus auszubauen.
— Manchmal muss man das komplette Schloss wechseln, damit man wieder ruhig schlafen kann.
Ksenia ging in die Küche und setzte Wasser auf.
Sie hörte das Klappern der Werkzeuge und das metallische Geräusch des neuen Schlosses.
Jeder einzelne Ton fühlte sich an wie ein Nagel im Sarg ihres alten Lebens.
Ein Leben, in dem ihr persönlicher Raum als Gemeinschaftseigentum betrachtet worden war.
Ein Leben, in dem die Wünsche ihrer Schwiegermutter wichtiger gewesen waren als ihre Grenzen.
Als der Handwerker fertig war und ihr einen neuen, glänzenden Schlüsselbund überreichte, spürte Ksenia plötzlich neue Kraft.
Sie bezahlte ihn, schloss die Tür und drehte den neuen Schlüssel dreimal um.
Das leise Klicken des Schlosses fühlte sich wie Befreiung an.
Ksenia ging ans Fenster.
Unten auf dem Parkplatz stand noch immer Igors Auto. Er saß hinter dem Lenkrad und hatte den Kopf darauf gelegt.
Auf dem Beifahrersitz gestikulierte Nina Wassiljewna heftig und hielt offenbar weiterhin ihre endlose Rede darüber, wie schlecht ihr Sohn und sie es mit Ksenia getroffen hätten.
— Jetzt ist es wirklich nur noch mein Zuhause, — sagte Ksenia leise und zog die Vorhänge zu.
Sie ging zurück ins Schlafzimmer und trat vor den Kleiderschrank, den ihre Schwiegermutter am Morgen so eifrig poliert hatte.
Auf dem Glas waren noch immer trübe Wasserflecken zu sehen.
Ksenia nahm ein sauberes Tuch und wischte die Spur mit einer einzigen entschlossenen Bewegung weg.
Sie wusste, dass schwierige Gespräche bevorstanden.
Eine Scheidung.
Die Aufteilung des Eigentums.
Vorwürfe.
Anrufe gemeinsamer Freunde.
Versuche, sie wieder miteinander zu versöhnen.
Aber jetzt, in dieser Stille, fühlte sie sich zum ersten Mal vollkommen frei.
Sie legte sich auf das Bett – dasselbe Bett, über dem wenige Stunden zuvor noch der Schatten ihrer Schwiegermutter gestanden hatte – und schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie keine Angst mehr, nachts das Drehen eines Schlüssels im Schloss zu hören. Sie schlief ein mit dem sicheren Wissen, dass es in ihrer Welt von nun an nur noch eine einzige Herrin gab.
Und diese Herrin würde niemals wieder die Schlüssel zu ihrem Leben in fremde Hände geben.