— Ist das hier ein Geburtstag oder eine Trauerfeier? — spottete meine Stiefschwester bissig.

by zuzustory1303
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— Dieser Farbton des Papiers nennt sich „Altrosa“. Er passt perfekt zu den Servietten — sagte Vera und strich vorsichtig über die gefaltete Einladung.

— Drei Tage habe ich gebraucht, um diese Ornamente mit einem Bastelmesser auszuschneiden. Ihre Großmutter, die ihr gegenübersaß, rückte ihre Brille zurecht und lächelte.

— Es ist wunderschön, mein Mädchen.

— Du hast wirklich goldene Hände. Man sieht sofort, dass aus dir einmal eine großartige Architektin wird.

Dann seufzte sie.

— Schade nur, dass deine Mutter diese Schönheit nicht zu schätzen weiß.

— Mama hat keine Zeit. Sie ist damit beschäftigt, Vorhänge für das Wohnzimmer auszusuchen — antwortete Vera sanft und ohne jeden Vorwurf, während sie die Karten weiter in die Umschläge steckte.

Die Großmutter nickte langsam.

— Ich verstehe alles.

— Sie hat jetzt ein neues Leben und glaubt, sie müsse dem gesellschaftlichen Status ihres Mannes gerecht werden.

— Status … — murmelte die alte Frau und schüttelte den Kopf.

Dann kramte sie in der Tasche ihrer Strickweste und zog einen dicken Umschlag hervor.

— Hier. Nimm ihn.

Vera sah sie überrascht an.

— Das ist für deine Feier.

— Achtzehn wird man schließlich nur einmal.

— Mach deinen Geburtstag genau so, wie du ihn dir wünschst.

Vera erstarrte.

Sie wusste genau, wie klein die Rente ihrer Großmutter war.

— Oma, ich kann das nicht annehmen. Das ist viel zu viel.

— Ich verdiene doch zusätzlich etwas mit meinen Modellen. Das Geld für die Miete des kleinen Saals reicht mir.

— Nimm es und widersprich mir nicht! — unterbrach die alte Frau sie streng.

— Ich habe extra dafür gespart.

Dann wurde ihre Stimme leiser.

— Dein Stiefvater, dieser Fabrik- und Schiffseigentümer, wird dir keinen einzigen Cent geben. Das sehe ich doch.

— Und du verdienst deinen eigenen Tag. Vera nahm den Umschlag vorsichtig entgegen.

Eine warme Welle breitete sich in ihrer Brust aus.

Plötzlich glaubte sie wieder daran, dass alles gut werden würde.

Andrej hatte versprochen, sich um die Beleuchtung zu kümmern, und Sweta wollte die Musik organisieren.

Es sollte ihr Abend werden.

Ruhig, gemütlich und mit Menschen, die ihr wirklich etwas bedeuteten.

In diesem Moment betrat ihre Mutter das Zimmer. Ihre hohen Absätze klapperten laut über den Boden.

In den Händen hielt sie einen Stapel glänzender Zeitschriften.

— Vera, bring den Müll raus. Nina hat nachher Pizzakartons liegen lassen — sagte sie beiläufig, ohne ihre Tochter überhaupt anzusehen.

— Und räum diese ganzen Schnipsel vom Tisch. Heute Abend bekommen wir Gäste.

— Mama, das sind die Einladungen zu meinem Geburtstag — sagte Vera leise.

— Ich wollte dir eine davon zeigen.

— Später. Alles später.

Die Mutter schob bereits die Zeitschriften auf dem Tisch hin und her.

— Nina hat darum gebeten, dass das Badezimmer in einer Stunde frei ist. Sie muss sich fertig machen.

Nicht einmal der Umschlag in Veras Händen fiel ihr auf.

Vera nickte nur.

Sie war es gewohnt, vieles hinzunehmen.

Das Wichtigste war, dass sie einen Plan hatte und Menschen, die sie liebten.

Sorgfältig legte sie die Einladungen aufeinander.

Ihre Hoffnung auf eine schöne Feier war so stabil wie das Fundament des Gebäudes, das sie gerade für ihr Studienprojekt entwarf.

Das Telefon vibrierte ununterbrochen.

Vera saß über ihren Zeichnungen und nahm den Anruf zunächst nicht an. Doch als das Klingeln einfach nicht aufhörte, legte sie schließlich den Bleistift beiseite.

Sweta rief an.

— Hast du das gesehen?

— Ver, nur nicht ohnmächtig werden! — Die Stimme ihrer Freundin bebte vor Empörung.

— Geh sofort in den gemeinsamen Kurschat.

— Sofort! Vera öffnete den Messenger.

Im Gruppenchat war eine auffällige Grafik aufgetaucht.

Eine Einladung.

Die gleiche Schriftart.

Der gleiche Farbton „Altrosa“.

Dieselbe Adresse des Cafés „Loft“.

Nur der Name war ein anderer.

Nina.

Und statt des kleinen Saals war die große Halle angegeben.

— Aber ihr Geburtstag ist doch am fünfzehnten! — Vera umklammerte ihr Handy.

— Warum steht da der Dreizehnte?

— Das ist mein Datum!

Sweta sprach hastig weiter.

— Sie schreibt gerade allen persönlich.

— Sie behauptet, du hättest ihre Idee gestohlen. Bei dir wäre es langweilig, während bei ihr ein bekannter Blogger kommt und es sogar eine Cocktailbar gibt.

— Ver, die Hälfte unseres Kurses hat schon geschrieben, dass sie zu ihr gehen.

— Dort ist schließlich alles kostenlos.

Vera spürte, wie etwas Heißes und Brennendes in ihr aufstieg.

Sie sprang vom Tisch auf und stieß dabei die Bleistifte zu Boden.

Das war nicht einfach nur verletzend.

Das war Diebstahl.

Dreister, skrupelloser Diebstahl von etwas, das ihr gehörte.

Sie ging auf den Flur.

Die Tür zum Zimmer ihrer Stiefschwester stand einen Spalt offen.

Nina lag auf dem Bett, ließ die Beine in der Luft baumeln und tippte auf ihrem Smartphone.

— Willst du mir vielleicht etwas erklären? — fragte Vera und betrat das Zimmer, ohne anzuklopfen.

Nina drehte langsam den Kopf.

Ein selbstzufriedenes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.

— Oh, die Geburtstagsprinzessin ist da.

— Was soll ich dir erklären?

— Du hast meine Einladung kopiert.

Nina zuckte mit den Schultern.

— Papa hat mir Geld gegeben und ich habe beschlossen, die Party vorzuverlegen.

— Der fünfzehnte ist Montag. Das ist unpraktisch.

— Der dreizehnte ist Samstag.

Sie grinste.

— Perfekt.

Vera starrte sie an.

— Du hast mein Design gestohlen.

— Du hast meine Freunde eingeladen.

— Du hast denselben Veranstaltungsort reserviert.

Ihre Stimme zitterte, aber nicht vor Tränen.

Vor Wut.

— Hast du das absichtlich gemacht?

Nina setzte sich auf.

— Bild dir bloß nicht ein, dass du so wichtig bist.

— Ich kann wenigstens schöne Dinge organisieren. Du kannst das nicht.

— Niemand interessiert sich für deine kleinen „Pappfeiern“.

Sie lachte verächtlich.

— Ich bewahre die Leute nur vor Langeweile.

Dann grinste sie noch breiter.

— Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich überhaupt dort auftauchen lasse.

— Vielleicht bleibt etwas Essen übrig. Ich kann dir etwas in dein kleines Kämmerchen schicken.

Vera trat einen Schritt auf sie zu.

— Du wirst das sofort absagen.

Ihre Geduld war endgültig vorbei.

— Oder was? — Nina lachte laut.

— Willst du zu deiner Großmutter laufen?

— Papa interessiert sich nicht dafür. Er hat die Rechnung bezahlt.

— Mama steht auf meiner Seite.

Dann sah sie Vera direkt an.

— Du bist niemand.

Vera überbrückte blitzschnell die Entfernung zwischen ihnen.

Sie packte ihre Stiefschwester an der Schulter und zog sie mit einer heftigen Bewegung vom Bett hoch.

Nina schrie auf. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die sonst so ruhige Vera so viel Kraft hatte. — Ich habe gesagt, dass du alles absagst! Sonst werde ich dir eine Feier bereiten, die du dein ganzes Leben lang nicht vergessen wirst! — schrie Vera ihr ins Gesicht.

— Nimm deine Hände von mir, du Psychopathin! — Nina versuchte, sich loszureißen und kratzte Vera mit ihrem langen Fingernagel.

— Papa!

— Sie schlägt mich!

Der Stiefvater stürmte ins Zimmer, dicht gefolgt von Veras Mutter.

— Was ist hier los?! — brüllte der Mann, dessen Gesicht sich vor Wut rot färbte.

Nina schaltete sofort in den Opfermodus.

— Sie hat mich angegriffen!

— Ich habe doch nur meine Freunde eingeladen und sie ist eifersüchtig!

— Vera!

Die Mutter eilte zu Nina und untersuchte sofort ihre Schulter.

— Wie kannst du es wagen, sie anzufassen?

— Hast du in diesem Technikumsunterricht völlig den Verstand verloren?

Vera trat zurück.

Sie sah diese Menschen an und begriff, dass es in diesem Haus nicht einmal ein winziges bisschen Gerechtigkeit gab.

Weiterzuschreien war sinnlos.

Sich zu rechtfertigen wäre nur noch eine Demütigung.

— Gut — sagte Vera schließlich mit eiskalter Stimme.

Ihre Wut war plötzlich verschwunden.

— Dann feier.

— Hol deine ganze Meute zusammen.

Sie sah Nina fest an.

— Aber vergiss eines nicht: Gestohlenes Glück bleibt einem irgendwann im Hals stecken.

— Du bist die Diebin!

Vera drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne auf die hysterischen Schreie ihrer Stiefschwester oder die Vorwürfe ihrer Mutter zu reagieren.

Sie rief Andrej an.

— Wir sagen nichts ab — erklärte sie entschlossen.

— Wer mich wirklich sehen will, soll kommen.

— Alle anderen brauche ich nicht.

Am dreizehnten war das Café „Loft“ voller Leben.

Rechts, hinter den schweren Eichentüren des kleinen Saals, erklang sanfter Jazz.

Auf den Tischen standen Sträuße mit Wiesenblumen, die Vera selbst im Gartenhaus ihrer Großmutter gepflückt hatte.

Es duftete nach selbst gebackenem Gebäck und dem Wachs der Kerzen.

Links, hinter der Glaswand des großen Saals, dröhnten die Bässe.

Stroboskoplichter blitzten auf, und lautes, angetrunkenes Gelächter drang bis in den Flur.

In Veras Saal waren nicht viele Gäste.

Andrej war gekommen, Sweta, fünf weitere Kommilitonen und natürlich ihre Großmutter.

Doch die Stimmung war wunderbar.

Leicht.

Warm.

Ehrlich. Andrej hatte ihr ein ungewöhnliches Geschenk mitgebracht: eine geschmiedete Rose, die er selbst in seiner Werkstatt angefertigt hatte.

Plötzlich flog die Tür auf.

Nina stand im Eingang.

Sie trug ein mit Pailletten besetztes Kleid und hielt ein Glas in der Hand.

Hinter ihr drängten sich einige fremde Jungen und Mädchen.

— Na, was ist los, ihr Verlierer?! — rief Nina, um die Jazzmusik zu übertönen.

— Ist das hier eine Trauerfeier?

— Kommt zu uns! Dort ist die richtige Party!

— Der Blogger Max ist da!

Sie ging mitten in den Saal, nahm sich ohne zu fragen ein Gebäckstück vom Tablett, biss hinein und verzog das Gesicht.

— Igitt. Kohl.

— Wie provinziell.

Dann wandte sie sich an Andrej.

— Was machst du überhaupt hier?

— Komm mit. Ich stelle dich den richtigen Leuten vor.

Sie deutete auf Vera.

— Vergiss diese graue Maus.

Andrej erhob sich langsam.

Er war groß und breitschultrig. Die Arbeit mit Metall hatte ihm einen kräftigen Körper verliehen.

— Raus hier — sagte er ruhig.

Nina kicherte.

— Oh, wie furchteinflößend!

Sie versuchte, ihn am Arm zu packen.

— Komm schon. Tu nicht so unnahbar.

In diesem Moment erhob sich die Großmutter.

Sie stützte sich auf einen Stock, stand aber so aufrecht da wie ein General bei einer Parade.

— Nina — sagte sie leise.

Doch ihre Stimme genügte, damit es im ganzen Saal still wurde.

— Dein Geburtstag ist am fünfzehnten.

— Heute ist Veras Tag.

Sie machte eine kurze Pause.

— Du bist hier eine Fremde.

— Und diese Feier gehört nicht dir.

Nina wurde vor Wut rot.

— Und wer seid ihr, dass ihr mich hinauswerfen wollt?

— Ich habe für den ganzen Club bezahlt!

— Mein Vater könnte euch alle kaufen, mitsamt euren Lumpen!

Sie holte aus, um die Vase vom Tisch zu stoßen.

Doch Vera packte ihre Hand.

Fest.

So fest, dass Nina zusammenzuckte.

— Raus — sagte Vera leise.

— Du brichst mir die Hand! — kreischte Nina.

— Das werde ich, wenn du nicht gehst.

Vera sah ihr direkt in die Augen.

Diesmal war keine Angst in ihrem Blick.

Vera schob ihre Stiefschwester in Richtung Ausgang. Nina verlor auf ihren hohen Absätzen das Gleichgewicht, ruderte lächerlich mit den Armen und wäre beinahe gestürzt. Dabei verschüttete sie ihr Getränk über ihr eigenes Kleid.

Doch das Gelächter kam nicht aus Veras Saal.

Es kam von den Leuten hinter Nina.

In der Tür stand derselbe „eingeladene Blogger“ Max und hielt sein Handy mit ausgestrecktem Arm hoch.

Er filmte alles.

Die Kamera war direkt auf den nassen Fleck auf Ninas Kleid und auf ihr vor Wut verzerrtes Gesicht gerichtet.

— Das ist live, Süße — grinste der Junge mit den gefärbten Haaren.

— Das wird richtig guter Content.

— „Reiche Zicke ruiniert den Geburtstag ihrer Schwester“.

— Meine Follower lieben deine Dreistigkeit.

— Ein kompletter Zirkus.

Nina erstarrte.

Sie wusste genau, was öffentlicher Hass im Internet bedeutete.

— Du … du hast das gefilmt? — flüsterte sie.

— Schalt es aus!

— Wir hatten doch eine Werbevereinbarung!

Max zuckte gleichgültig mit den Schultern.

— Das ist Werbung.

— Nur eben negative Werbung.

— Du hast dich selbst ins Aus geschossen.

— Die Leute lieben Ehrlichkeit. Keine Angeberei.

Dann richtete er die Kamera auf Vera und ihre Freunde.

— Leute, alles Gute zum Geburtstag!

— Hier ist es wirklich großartig. Die Atmosphäre ist fantastisch.

— Ich würde ehrlich gesagt lieber hier bleiben als bei dem Zirkus nebenan.

Nina rannte aus dem Saal und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Ihre Begleiter sahen sich verlegen an und begannen ebenfalls zu verschwinden.

Niemand wollte später in einem Video als Freund der Skandalnudel erkannt werden.

Veras Feier ging bis tief in die Nacht.

Sie aßen den Kuchen, den ihre Großmutter gebacken hatte, tanzten zu ihren Lieblingsliedern und lachten viel.

Andrej hielt Veras Hand und ließ sie den ganzen Abend nicht los.

Am nächsten Tag verbreitete sich das Video in den lokalen Gruppen der sozialen Netzwerke.

Die Kommentare über Nina waren gnadenlos.

Die Menschen kritisierten ihre Gier, ihre Arroganz und ihren schlechten Umgang mit anderen.

Der Stiefvater versuchte sogar, Geld anzubieten, damit das Video gelöscht wurde.

Doch das Internet vergisst nichts.

Lange Zeit musste er sich gegenüber seinen Geschäftspartnern für das Verhalten seiner Tochter rechtfertigen, die den Familiennamen blamiert hatte.

Vera betrachtete den Bildschirm ihres Handys und las die warmen Nachrichten völlig fremder Menschen.

Sie lobten ihre Dekoration, ihre Kreativität und vor allem ihre Selbstbeherrschung.

Da begriff sie etwas Wichtiges:

Wahre Stärke kann man nicht kaufen.

Man kann sie nur in sich selbst aufbauen. Nina schloss sich in ihrem Zimmer ein und verließ es zwei Tage lang nicht.

Vera dagegen packte ihre Sachen.

Sie hatte eine Entscheidung getroffen. Sie würde zu ihrer Großmutter ziehen.

Jetzt wusste sie ganz sicher, dass sie es allein schaffen konnte.

Mit Andrej.

Mit ihrem Studium.

Mit ihrem eigenen Leben.

Das war der Beginn ihrer ganz persönlichen Architektur des Schicksals.

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