„Katia, warum hast du Essen nur für dich bestellt?“, fragte er mit leiser Stimme. Er stand mit der Einkaufstüte in der Hand da und sah aus, als hätte ihm gerade jemand eine schallende Ohrfeige verpasst.

by zuzustory1303
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 Ich komme in die Wohnung. Man riecht den Geruch eines Mannes, der den ganzen Tag herumgelegen hat. Wisst ihr, es gibt so einen Geruch — kein Schweiß, kein Schmutz, sondern genau das: Couch, Konsole, Chips, Cola und Füße in Wollsocken.

Eine Mischung.

Aus dem Wohnzimmer tönt es: „Piu-piu“, „Just do it“, „Fuck“ — Kostja flucht auf Englisch, wenn sie ihn bei „Call of Duty“ abknallen.

Er hat sich vor etwa fünf Jahren in dieses Spiel reingezogen und kommt seitdem nicht mehr davon los.

Ohne die Schuhe auszuziehen, werfe ich einen Blick in die Küche.

Ein Berg von Geschirr.

Von gestern.

Dazu das Frühstück von heute.

Und dem Geruch nach zu urteilen, auch etwas vom Mittagessen — Kostja hat sich anscheinend Pelmeni gebraten. Die Pfanne steht auf dem Herd, darin erstarrtes Fett und drei Pelmeni.

Auf dem Tisch liegt ein Schneidebrett, darauf Brotkrümel und ein mit Butter beschmiertes Messer.

Auf dem Stuhl hängen seine Jeans.

Sie hängen da einfach.

Morgens hatte ich sie in den Wäschekorb im Badezimmer gelegt. Er hat sie herausgezogen, angezogen, ausgezogen und über den Stuhl gehängt.

Wozu?

Ich weiß es nicht.

Ich stehe im Flur.

In meiner Daunenjacke.

Mit einer Plastiktüte von „Pjatjorotschka“ — auf dem Weg bin ich im Laden gewesen, habe Milch, Quark, Zucchini und Hähnchenbrust gekauft, um schnell etwas fürs Abendessen zu machen.

Kostja sagt, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden:

— Oh, du bist da.

Sag mal, was gibt’s zu essen?

Und wo sind meine schwarzen Socken? Morgens konnte ich sie nirgendwo finden.

Nicht mal den Kopf hat er gedreht.

Ich stehe.

Ich schweige.

In meinem Inneren springt etwas um.

Wisst ihr, so wie ein Schalter.

Als ob irgendwo im Brustkorb jemand einen kleinen Hebel umgelegt hätte. Alles, was ich sagen wollte, zum Beispiel: „Ich ziehe mich kurz aus und mache etwas zu essen“, war verschwunden.

Einfach verschwunden.

Ich ziehe meine Schuhe aus.

Schweigend.

Gehe ins Schlafzimmer.

Auf dem Weg lasse ich die Tüte von „Pjatjorotschka“ direkt im Flur auf dem Boden stehen.

Soll sie da stehen bleiben.

Ich ziehe mich um.

Ich ziehe meine Hauskleidung an, aber nicht die, in der ich sonst das Abendessen koche.

Eine andere, die ich mir vor einem Monat gekauft und fast nie getragen habe — ein zweiteiliger Pyjama-Set von „Incanto“, milchfarben, mit seidenen Paspeln.

Hübsch.

Ich nehme ein Buch vom Nachttisch — Yanagiharas „Ein wenig Leben“. Ich hatte im Januar damit angefangen und wurde einfach nicht fertig, weil mir die ruhigen Abende fehlten.

Ich öffne „Yandex.Eda“.

Ich bestelle mir Sushi-Rollen.

„Philadelphia“, „Dragon“, Miso-Suppe und Oolong-Tee.

Für eine Person.

Tausend achthundertzwanzig Rubel.

Ich bezahle mit Tinkoff-Karte.

Lieferzeit: fünfundzwanzig bis vierzig Minuten.

Ich lege mich hin.

Ich lese.

Eine Stunde später klingelt es an der Tür.

Kostja ruft aus dem Wohnzimmer:

— Katja, der Kurier!

Ich schweige.

— Katja!

Ich schweige.

Fluchend reißt er sich von der Konsole los und geht zur Tür.

Ich höre, wie er aufschließt.

Der Kurier sagt:

— Lieferung für Jekaterina.

— Was für eine Lieferung?

— Sushi-Rollen.

— Was für Rollen?

— Bitte schön.

Bitte unterschreiben.

Sie müssen nichts bezahlen, ist alles online bezahlt.

Die Tür fällt ins Schloss.

Stille.

Langsam, etwa fünfzehn Sekunden lang.

Kostja kommt mit der „Yobidoyobi“-Tüte in den Händen ins Schlafzimmer.

Er sieht mich an.

Ich lese in meinem Buch.

Null Emotionen.

— Katja.

Was soll das?

— Rollen.

— Ich sehe, dass das Rollen sind.

Hast du nur für dich bestellt?

— Ja.

— Und für mich?

Ich hebe den Blick.

— Und was ist mit dir?

— Wie jetzt?

Du hast nur eine Portion bestellt?

— Eine.

Er steht da.

Mit der Tüte in den Händen.

Mit dem Gesichtsausdruck, als hätte ich ihm gerade eröffnet, dass ich nach Argentinien auswandere.

— Katja, meinst du das ernst?

— Kostja.

Wenn du Hunger hast, bestell dir was. Oder koch dir die Pelmeni, die auf deiner Pfanne festgebacken sind.

— Katja, ich erkenne dich überhaupt nicht wieder.

— Gib mir mein Essen zurück.

Er legt die Tüte aufs Bett.

Geht wortlos hinaus.

Ich höre, wie er im Flur steht und auf die Einkaufstüte von „Pjatjorotschka“ schaut.

Dann nimmt er sie.

Trägt sie in die Küche.

Fünf Minuten lang herrscht Stille.

Dann knallt die Kühlschranktür.

Noch einmal.

Dann geht er zurück ins Wohnzimmer und schaltet — ich glaub es einfach nicht — wieder die Konsole ein.

Ich esse.

Die Rollen sind in Ordnung.  Nicht überragend, aber gut.

Der Oolong schmeckt.

Ich lege mich hin.

Lese das Kapitel zu Ende.

Schlafe ein.

Morgens, wie gewohnt, klingelt der Wecker um sieben.

Ich stehe auf, dusche und mache mir Kaffee.

Für mich.

Eine Tasse.

Ich brate mir ein Ei.

Ein einziges.

Esse es auf.

Spüle meinen Teller.

Meine Tasse.

Kostjas Teller von gestern steht immer noch im Spülbecken, mit Quarkresten, die wie Zement eingetrocknet sind.

Ich schaue ihn an und fasse ihn nicht an.

Ich gehe.

Auf der Arbeit alles wie immer.

Abends komme ich nach Hause — der Geschirrberg ist gewachsen.

Kostjas Pfanne mit den Pelmeni steht immer noch am selben Ort.

Die Jeans hängen immer noch auf dem Stuhl.

Kostja ist im Wohnzimmer.

Konsole.

— Hallo, Katja.

Bist du gestern sauer gewesen?

— Nein.

— Und was gibt’s zu essen?

— Weiß nicht.

— Wie, du weißt nicht?

— Kostja.

Ich weiß nicht, was du zu Abend essen wirst.

Pause.

— Katja, meinst du das im Ernst?

— Und ob.

Ich gehe ins Schlafzimmer.

Der Krach bricht am Donnerstagabend los.

Nicht sofort, erst gegen zehn.

Eine Stunde lang hat sich die Wut in ihm angestaut.

Dann stürmt er ins Schlafzimmer.

— Katja.

Bist du verrückt geworden?

— Nein.

— Seit einer Woche gehst du mir auf die Nerven.

— Einen Tag lang.

Nicht eine Woche.

— Katja, jetzt hör aber auf.

Habe ich dich gestern etwa blöd gefragt?

Na gut, es tut mir leid.

Tut mir leid!

Zufrieden jetzt?

Ich klappe das Buch zu.

— Kostja.

Setz dich hin.

Er setzt sich an die Bettkante.

Verschränkt die Arme.

Wie ein Kind, das gleich eine Standpauke bekommt.

— Hör mal zu.

Ich arbeite genauso viele Stunden wie du.

Von acht Uhr fünfundzwanzig bis halb sechs.

Mein Gehalt beträgt hundertzwanzig Tausend.

Dein Gehalt beträgt hundertvierzig Tausend.

Der Unterschied sind zwanzig Tausend Rubel.  Das ist eine Lieferung Haushaltsgeräte oder zwei Packungen von deinem Eiweißpulver.

— Na und?

— Na, dass ich nicht einsehe, warum ich nach der Arbeit deine Zucchini anbraten, deine Socken waschen, deine Hemden bügeln, dir Duschgel kaufen und dich beim Zahnarzt anmelden soll, während du Videospiele zockst.

— Ich bin müde!

— Und ich etwa nicht?

Er schweigt.

— Kostja.

Ich frage nicht, wer müder ist.

Ich habe nicht vor, mich mit dir zu vergleichen.

Ich sage nur, dass es so nicht weitergeht.

— Wie „geht nicht weiter“?

— So.

Ich werde nicht mehr für zwei kochen.

Ich werde deine Sachen nicht mehr waschen.

Ich werde nach dir kein Geschirr mehr abspülen.

Ich werde keine Sachen mehr für dich besorgen.

— Katja!

— Was?

— Willst du dich scheiden lassen?

— Nein.

— Worum geht’s hier dann?

— Du bist dreiunddreißig Jahre alt, Kostja.

Du bist ein erwachsener Mann.

Ich bin nicht deine Mutter.

Das ist alles.

Er steht auf.

Sein Gesicht ist ganz rot.

Er sieht in diesem Moment wirklich aus wie ein Vierzehnjähriger.

— Ach, so bist du also drauf?

— So bin ich.

— Acht Jahre lang warst du normal, und jetzt…

— Acht Jahre lang habe ich alles allein durchgezogen.

Jetzt kann ich einfach nicht mehr.

— Dann leb doch alleine!

— Ich bin nicht alleine.

Ich bin mit dir zusammen.

— Was soll das denn bitteschön heißen?!

— Kostja.

Hier geht es nicht darum, ob ich allein bin oder nicht.

Es geht um Fairness.

Entweder fünfzig-fünfzig oder jeder kümmert sich um sich selbst.

Such dir aus.

Er knallt die Tür.

Geht ins Wohnzimmer.

Konsole.

Bis zwei Uhr nachts.

Ich schlafe zu den Klängen von „Piu-piu“ ein.

Freitag.

Samstag.

Sonntag.

Ich lebe.

Ich lebe wirklich.

Ich koche für mich allein.

Morgens Quarkauflauf mit Waldbeeren.

Gedämpfte Zucchini.

Hähnchenbrust mit Bulgur.

Kein riesiger Berg Essen für die ganze Familie, sondern genau eine Portion für mich.

Eine kleine, feine Portion, die ich nicht im Eiltempo verschlinge, sondern im Sitzen, mit Tee und einem Buch.

Ich wasche meine Sachen.

Die Waschmaschine ist nur halb voll.

Früher war sie immer vollgepackt, weil ich meine Klamotten zusammen mit Kostjas Zeug reingeworfen hatte.

Kostjas Sockenstapel liegt in der Flurecke.

Er wächst.

Bis Sonntag ist es kein Häufchen mehr, sondern ein ganzes Gebirge.

Am Sonntagabend gehe ich in die Küche, um etwas Wasser zu holen.

Kostja sitzt am Handy.

Tippt etwas ein.

Ich werfe einen Blick über seine Schulter auf den Bildschirm.

„Bei wie viel Grad wäscht man schwarze Hemden, damit sie nicht einlaufen“.

Ich gehe in die Küche, trinke mein Wasser, und als ich ins Schlafzimmer zurückkehre, fange ich an zu lachen.

Leise, damit er mich nicht hört.

Mit einem Gefühl der Erleichterung.

Nicht aus Schadenfreude.

Nicht nach dem Motto: „Endlich hat er seine Lektion gelernt.“

Eher so: „Gott, er ist wirklich ein ganz normaler Mensch.

Er denkt nach.

Er googelt.

Er ist nicht dumm.

Er musste eben nur acht Jahre lang nie nachdenken.“

Am Montag hat er gewaschen.

Selbst.

Irgendwas ist ihm eingelaufen.  Ich habe ihn im Badezimmer fluchen hören.

Aber er hat gewaschen.

Am Dienstag hat er sich auf „Ozon“ so ein Sortiergerät für Socken gekauft.

Ziemlich albern.

Ein Plastik-Organizer für vierhundert Rubel.

Hat zwar nicht viel geholfen, aber der Wille zählt.

Am Mittwoch — also heute — kam er von der Arbeit und hat wortlos das ganze Geschirr abgewaschen.

Alles.

Inklusive der Pelmeni-Pfanne.

Wir haben immer noch nicht miteinander gredet.

Nicht richtig.

In der Wohnung herrscht eisiges Schweigen.

Wir gehen uns aus dem Weg wie Katzen.

Er sagt: „Guten Morgen.“

Ich antworte: „Guten Morgen.“

Er fragt: „Soll ich dir was vom Markt mitbringen?“

Ich antworte: „Quark, fünf Prozent.“

Er bringt Quark mit.

Ich sage: „Danke.“

Er antwortet: „Gern geschehen.“

Wir werden uns nicht scheiden lassen.

Das weiß ich.

Er weiß es auch.

Wir sind seit unserem dreiundzwanzigsten Lebensjahr zusammen.

Schon acht Jahre, und er ist kein schlechter Mensch.

Er hat es einfach nie gelernt.

Ihm wurde es zu Hause nicht beigebracht.

Sein Vater lag auf dem Sofa, und seine Mutter ist um ihn herumgerannt.

Wenn seine Mutter uns besucht, macht sie als Erstes: Sie geht in die Küche und fängt an zu kochen.

Dann sagt sie zu mir: „Katienka, kochst du KostjentSCHka einen Borschtsch?“

Aber KostjentSCHka ist dreiundzwanzig — nein, dreiunddreißig Jahre alt und kann ihn sich selbst kochen.

Er kann es.

Nur musste er es bis zu diesem Mittwoch eben nie.

Heute ist Mittwoch.

Genau eine Woche ist seit jenem Mittwoch vergangen. Ich liege im Schlafzimmer und lese.

Habe „Ein wenig Leben“ zu Ende gelesen.

Habe eine halbe Stunde lang geweint.

Furchtbares Buch.

Kostja kommt herein.

— Katja.

— Mhm.

— Du, hör mal.

Ich bestelle Pizza.

Für dich mit Champignons?

Ich sehe ihn an.

— Mit Champignons.

Und auf dünnem Teig.

— Ich weiß.

Er geht wieder.

Ich liege da und starre an die Decke.

Ich lächle nicht. Aber ich ziehe auch keine Augenbrauen mehr hoch.

Der Schalter, der letzten Mittwoch umgelegt wurde, steht immer noch auf dieser Position.

Ich werde ihn nicht zurückschieben.

Ich kenne mich.

Aus dem Wohnzimmer ist keine Konsole zu hören.

Sondern YouTube.

Eine Stimme sagt: „Wie man Herrenhemden richtig wäscht — sieben Fehler, die jeder macht.“

Ich schließe die Augen.

Soll er ruhig schauen.

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