— Mama im Juni, Swetka im Juli, Witia im August — mein Mann hatte den ganzen Sommer in unserer Villa bereits verplant.

by zuzustory1303
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— Ich habe schon alles für den Sommer geplant.

— Mama im Juni, Swetka mit den Kindern im Juli, Witia im August.

— Gut ausgedacht, oder?

Marina antwortete nicht sofort.

Sie schälte die Karotte zu Ende, legte das Messer auf das Brett und richtete sich erst dann auf. In der Küche saß neben ihnen noch Swetka — Olegs Schwester, seine Schwägerin. Sie trank Tee, scrollte durch ihr Handy und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie ihr Bruder den Sommer anderer Leute verteilte.

— Hast du das ganz allein entschieden? — fragte Marina.

— Was gibt es da groß zu überlegen?

— Die Datscha steht leer, sollen die Leute sich erholen.

— Der Sommer ist kurz.

— Ja.

— Ich habe es Mama schon gesagt.

— Sie hat sich gefreut.

— Sie zieht am ersten Juni ein und bleibt bis Ende des Monats.

— Die Luft dort, der Garten… das wird ihr guttun.

Marina trocknete ihre Hände mit einem Handtuch ab.

Sie hängte es ordentlich auf, Ecke auf Ecke.

— Hast du mich gefragt?

— Was gibt es da zu fragen? — Oleg war ehrlich verwundert.

— Du warst doch nie dagegen.

Sie war nie dagegen.

Und genau das war der Trick.

Zwölf Jahre lang hatte sie nie widersprochen.

Die Datscha existierte nicht einfach so.

Sie gehörte Marinas Eltern. Das Grundstück sechzig Kilometer außerhalb der Stadt hatte ihr Vater ihr vor acht Jahren überschrieben, damit später niemand darum streiten konnte.

Das Haus hatte sie gemeinsam mit ihren Eltern fertig gebaut, noch als Studentin.  Oleg kam erst später dazu, als die Veranda, der Brunnen und das Gewächshaus schon da waren.

In zwölf Jahren Ehe hatte er dort zwei Nägel eingeschlagen und einmal einen Grill mitgebracht.

Dafür kam jeden Sommer seine Familie — zum Essen, Sonnenbaden und Befehle geben.

— Gut — sagte Marina.

— Und wer kocht für sie?

— Du bist doch zu Hause.

— Für dich ist das doch kein Problem.

Swetka hob den Blick vom Handy.

— Marina, jetzt mal ernst.

— Wir sind doch Familie.

— Das ist kein Hotel.

— „Familie“ — wiederholte Marina leise.

Sie legte das Messer in die Schublade.

Schloss sie ganz ruhig.

Sie hatte sechsundfünfzig Urlaubstage.

Gesammelt über drei Jahre: Sie arbeitete als Buchhalterin in zwei Firmen, nahm selten frei und sparte alles auf.

Sechsundfünfzig Tage, die die Familie längst als gemeinsames Eigentum betrachtete: Wenn sie im Sommer nicht arbeitet, dann kümmert sie sich eben um die Datscha.

Letztes Jahr hatte sie nachgerechnet.   Vom 1. Juni bis Ende August waren elf Menschen über das Grundstück gegangen.

Die Schwiegermutter wohnte die ganze Zeit dort.

Swetkas Kinder brachen Johannisbeerzweige ab.

Witia, ihr Schwager, kam mit Freunden zum Grillen und hinterließ einen Berg voller Geschirr.  Diesen Sommer hatte Marina — wie sie gezählt hatte — ungefähr vierzig Mittagessen gekocht und war kein einziges Mal ans Meer gefahren.

Seit sechs Jahren war sie nicht mehr am Meer gewesen.

— Dieses Jahr geht es nicht — sagte sie.

— Wie bitte, geht es nicht? — Oleg runzelte die Stirn.

— Was soll das heißen?

— Ich schaffe es nicht, drei Monate lang für alle zu kochen.

— Ich habe auch Urlaub.

— Aber du bist doch auf der Datscha.

— Welcher Urlaub?

— Mein Urlaub.

Swetka schnaubte.

— Aha. Jetzt geht es los.

— Was geht los, Sweta?

— Nichts.

— Früher hast du alles normal genommen, und jetzt…

— Und jetzt was?

Swetka fand keine Antwort.

Sie zuckte mit den Schultern und vertiefte sich wieder ins Handy.

Marina wischte den Tisch ab, drehte das Wasser ab und ging aus der Küche.  Hinter ihr sagte Oleg leise zu seiner Schwester, weil er dachte, seine Frau hört es nicht:

— Beachte sie nicht.

— Das legt sich wieder.

— Wohin soll sie denn gehen?

Marina hörte es.

Und sie merkte es sich.

Noch am selben Abend rief die Schwiegermutter an.

Oleg stellte wie immer den Lautsprecher an, weil er fand, in einer Familie gäbe es keine Geheimnisse.

— Oleg, sag ihr, sie soll den Dill nicht am Zaun pflanzen.

— Letztes Jahr stand er im Schatten.

— Marina kennt sich nicht aus, erklär ihr das.

— Mama, ich sage es ihr.

— Und die Tomaten soll sie diesmal gleich anbinden.

— Sie läuft herum wie eine Königin, als würde alles von allein wachsen.

Marina stand in der Tür. Die Schwiegermutter sah sie nicht, aber sprach, als müsste Marina zuhören.

— Und dieses Jahr soll sie nicht wieder alle Erdbeeren zu Marmelade machen — fuhr Sinaida Petrowna fort.

— Die Kinder kommen, sie sollen sie frisch essen.

— Sonst stehen die Gläser nur herum.

Die Erdbeeren hatte Marina gepflanzt.

Allein gejätet.

Allein gegossen.

Acht Beete, jedes Wochenende, auf den Knien.

— Sinaida Petrowna — sagte Marina ins Telefon.

— Guten Abend.

Stille.

— Ach, du bist da.

— Ja, ich spreche über den Dill.

— Dieses Jahr werde ich mich nicht um die Datscha kümmern.

— Wenn ihr Dill wollt, pflanzt ihn selbst.

— Wie selbst?

— Ich bin nicht mehr in dem Alter.

— Mein Rücken macht nicht mit.

— Meiner auch nicht.

— Oleg! — Die Stimme der Schwiegermutter wurde scharf.

— Hörst du, wie sie mit mir spricht?

Oleg winkte Marina ab, als solle sie sich nicht einmischen.

Marina trat zurück.

Aber sie ging nicht.

— Mama, sie ist einfach müde.

— Im Sommer vergeht ihr das schon.

— Bist du ein Mann oder was?

— Deine Frau beleidigt deine Mutter und du schweigst?

— Bei uns zu Hause gab es so etwas nicht.

„Bei uns zu Hause.“

Das Haus war Marinas.

Sie hörte es.

Und sie merkte es sich.

— Ich komme am ersten — entschied die Schwiegermutter.

— Alles muss vorbereitet sein.

— Bett, Einkäufe.

— Ich bin alt, ich kann nicht mehr ständig einkaufen gehen.

— Bis dahin sind es noch zwei Wochen — sagte Oleg.

— Umso besser.

— Dann habt ihr Zeit.

Sie legte zuerst auf.

Die Schwiegermutter legte immer zuerst auf.

Der Streit war nicht vorbei.

Er war nur verschoben worden — wie eine Rechnung, die irgendwann bezahlt werden musste.

Eine ganze Woche lief Oleg beleidigt herum.

Er sprach wenig, seufzte viel.  Abends sagte er Dinge über „Familie muss zusammenhalten“ und „normale Menschen werfen keine Verwandten raus“.

— Niemand wirft jemanden raus — sagte Marina.

— Was machst du dann?

— Ich sage nur, dass die Datscha dieses Jahr anders funktionieren wird.

— Wie anders?

— Du wirst sehen.

Er lachte und ging zum Fernseher.

Marina diskutierte nicht.

Sie sammelte Beweise.

Zuerst öffnete sie ihr Online-Banking.

Sie sah sich die Überweisungen der letzten drei Jahre an.

Und fand, was sie suchte: Jeden Mai überwies sie Geld für Kohle, Erde, die Pumpe, neue Kabel.

Alles von ihrer Karte.

Die Beschreibungen waren immer genau: „Pumpe Datscha“, „Erde 6 m³“, „Elektriker“.

Oleg hatte drei Jahre lang keinen einzigen Rubel beigesteuert.  Dafür hatte er im Herbst eine Angel für zweiundfünfzigtausend gekauft.

Die Quittung war ebenfalls in der Bankhistorie.

Die Implantate, für die Marina seit zwei Jahren sparte, mussten weiter warten.

Sie machte Screenshots.

Erstellte einen Ordner auf dem Handy.

Sie nannte ihn: „Datscha“.

Lena ging beim dritten Anruf ran.

— Na, die Verschollene meldet sich.

— Was ist passiert?

— Es ist etwas passiert.

— Hast du noch den freien Platz im Juli?

— Den nach Gelendschik.

Am anderen Ende war es still.

— Wiederhole das.

— Urlaub.

— Juli.

— Du hast doch gesagt, du hast den zweiten Platz nicht gekauft.

— Marina, meinst du das ernst?

— Ja.

— Diesmal wirklich?

— Ja.

— Nimm zwei Plätze.

— Zehn Tage.

— Morgen überweise ich meinen Anteil.

— Und Oleg?

— Und die Datscha?

— Und die Schwiegermutter?

— Die Datscha bleibt dieses Jahr geschlossen.

Lena schwieg.

— Geschlossen? — wiederholte sie.

— Hörst du dich selbst?

— Zwölf Jahre hast du für diese ganze Bande gekocht.

— Einmal war ich im Juli bei dir, erinnerst du dich?

— Deine Schwiegermutter fragte, wer ich bin und warum ich ihre Erdbeeren esse.

— Ihre — Marina.

— Erdbeeren, die du gepflanzt hast.

— Ich erinnere mich.

— Und du hast geschwiegen.

— Ich habe geschwiegen.

— Und jetzt nicht mehr.

— Zum Glück.

— Ich buche.

— Zehn Tage, vierter Juli Abflug.

— Überweise.

— Mache ich.

— Und noch etwas: Bist du bereit für das Gespräch zu Hause?

— Die fressen dich auf.

— Sollen sie es versuchen.

Marina überwies das Geld noch am selben Abend.

Der Plan stand fest.

Am Samstag verkündete Oleg, dass seine Mutter am Montag kommen würde.

— Sie schaut sich nebenbei die Beete an.

— Ich arbeite am Montag.

— Lass ihr die Schlüssel.

— Sie kann klingeln.

— Sie hat keine Schlüssel?

— Wie bitte?

— Ich habe ihr welche gegeben.

— Wann?

Oleg wurde unsicher.

— Na… im Frühling.

— Ersatzschlüssel.

Marina legte die Kelle ab.

— Ersatzschlüssel von meinem Haus?

— Die, die im Flur hingen?

— Ja.

Marina ging in den Flur.

Sie waren weg.

— Wo sind die anderen Schlüssel?

— Bei Mama.

— Du hast die Schlüssel von meinem Haus genommen und deiner Mutter gegeben?

— Ohne mich zu fragen.

Am Montag kam die Schwiegermutter.

Sie öffnete die Tür mit ihrem Schlüssel, machte es sich auf der Veranda bequem und begann am Abend bereits Anweisungen zu geben.

Marina kam um acht nach Hause.

Auf dem Tisch lag ein Zettel:

„Huhn kaufen, Suppe kochen, die Kinder kommen. Man muss wissen, wer zuerst kommt.“

Marina nahm den Zettel.

Sie zerriss ihn nicht.

Sie legte ihn in den Ordner mit den Screenshots.

Am Dienstag kam sie früher von der Arbeit und ging zum Schlüsseldienst.

— Das Schloss muss gewechselt werden.

— Jemand hat Schlüssel.

— Ich möchte, dass nur der Besitzer reinkommt.

Der Mann lächelte.

— Klassiker.

Am Samstag wurde das Schloss ausgetauscht.

Drei Schlüssel.

Einer für sie.

Einer für Oleg.

Einer als Reserve.

Die Schwiegermutter bemerkte es zuerst.

Sie rief wütend an.

— Du hast die Schlüssel geändert?!

— Meine Schlüssel von meinem Haus.

— Das ist übertrieben!

— Das ist mein Haus.

Am Abend versammelte sich die ganze Familie.

— Erklär das — sagte Oleg.

— Das Haus gehört mir — sagte Marina.

— Mein Vater hat es mir vor der Ehe geschenkt.

— Es gehört nicht uns gemeinsam.

— Es gehört mir.

Sie zeigte den Handybildschirm.

— Überweisungen.

— Pumpe, Erde, Elektriker.

— 165.000.

— Oleg hat nichts bezahlt.

— Ich halte die Datscha am Leben.

Stille.

— Im Juli bin ich nicht da.

— Ich fahre mit Lena.

— Die Datscha bleibt geschlossen.

Die Schwiegermutter ging beleidigt.

Swetka ging hinterher.

Oleg blieb.

— Du fährst wirklich?

— Ja.

— Und ich?

— Denk darüber nach.

Und sie fuhr.

Im Juli war sie am Meer.

Zum ersten Mal seit Jahren schlief sie ruhig.

Sie kochte für niemanden.

Am fünften Tag rief Oleg an.

— Mama ist beleidigt.

— Die Datscha ist geschlossen.

— Die Situation hat sich geändert.

— Ich… habe die Beete gegossen.

— Allein.

— Gut gemacht.

— War das alles?

— Das ist der Anfang.

— Im August kannst du kommen.

— Für ein Wochenende.

— Mit Einkäufen.

Abgemacht.

Im August kam Witia unangekündigt.

Das Tor war geschlossen.

Das neue Schloss.

Sein Schlüssel passte nicht.

— Was soll das?!

— Die Datscha ist geschlossen.

— Das ist mein Haus!

— Nicht mehr.

Er fuhr wütend weg.

Marina bekam ihr Leben zurück.

Monate vergingen.

Im Herbst rief die Familie vorsichtiger an.

Die Schwiegermutter kam sogar für ein Wochenende — als Gast.

Sie kommentierte den Dill nicht mehr.

Sie aßen Marmelade.

Oleg begann zu helfen.

Er kaufte eine Pumpe.

Diesmal mit seinem eigenen Geld.

Marina sah die Überweisung:

„Pumpe Datscha“.

Sie schaute lange darauf.

Für ihre Implantate hatte sie endlich genug gespart.

Sie machte einen Termin.

Oleg bot an, die Hälfte zu bezahlen.

Sie stimmte zu.

Nicht, weil sie das Geld brauchte.

Sondern weil er es zum ersten Mal von selbst angeboten hatte.  Im Herbst machte sie die Datscha winterfest.

Allein.

Der eine Schlüssel lag in ihrer Tasche.

Sie stieg ins Auto und fuhr zurück in die Stadt.

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