Der Parkplatz unter dem Fenster war bereits den dritten Tag leer. Jeden Morgen blickte Galina dorthin, während der Wasserkessel auf dem Herd pfiff. Nicht, weil sie auf jemanden wartete. Es war einfach eine Gewohnheit aus elf Jahren, die sich in ihren Körper gefressen hatte wie der Geruch von Borschtsch in die Küchentapeten.
Oleg hatte den silbernen Logan an jenem Sonntag mitgenommen. Zusammen mit den Winterreifen, dem Ersatzschlüssel aus dem Handschuhfach und seinem Lieblings-Lendenkissen, das er immer auf den Fahrersitz legte.
Das Kissen war orthopädisch, beige, mit einem kleinen Kaffeefleck in der Ecke. Galina hatte es vor zwei Jahren selbst in einem Sanitätshaus in der Komsomolskaja-Straße gekauft.
„Ich nehme das Auto“, hatte er gesagt, während er mit zwei Sporttaschen im Flur stand.
„Nimm es.“
„Und ruf nachher nicht an, dass du keine Möglichkeit hast, zur Datscha zu kommen.“
„Ich werde nicht anrufen.“
Er hatte gezögert. Er wartete auf etwas. Vielleicht auf Tränen. Vielleicht auf Schreie. Doch sie hielt ihre Tasse Kamillentee in den Händen und starrte irgendwo auf sein Schlüsselbein. Nicht in seine Augen. Sie hatte aufgehört, ihm in die Augen zu schauen, seit sie im Februar einen Kassenbeleg aus dem Restaurant „Veranda“ für zwei Personen in seiner Jackentasche gefunden hatte. Sie war noch nie in der „Veranda“ gewesen.
Die Geschichte ihrer Ehe hätte auf ein einzelnes Blatt Schulheftpapier gepasst, wenn man klein schrieb. Sie lernten sich über Bekannte kennen, er arbeitete in einer Autowerkstatt, sie in der Buchhaltung einer Baufirma.
Die Hochzeit war bescheiden, im Café „Berjoska“, für vierundzwanzig Gäste. Galina war damals siebenundzwanzig, Oleg dreißig. Die Flitterwochen verbrachten sie in der Datscha seiner Mutter in der Region Kaluga: Moskitos, Schaschlik und ein Fluss hinter dem Zaun.
Die ersten Jahre verliefen gleichmäßig. Nicht unbedingt glücklich, aber eben gleichmäßig: keine großen Höhen, keine Abstürze. Oleg reparierte Autos, sie zählte das Geld anderer Leute. Abends schauten sie Serien. An den Wochenenden fuhren sie zu „Aschan“.
Kinder stellten sich nicht ein, und mit der Zeit hörten sie auf, darüber zu sprechen, so wie man einen Riss an der Decke irgendwann nicht mehr wahrnimmt.
Galina hatte im dritten Ehejahr angefangen, Geld beiseitezulegen. Nicht aus Gier. Und nicht, weil sie plante zu gehen. Einmal sagte ihre Mutter am Telefon, so nebenbei, zwischen einem Gespräch über Setzlinge und Blutdruck:
„Gal, hast du wenigstens etwas Eigenes?“
„In welchem Sinne?“

„Ganz direkt. Ein geheimes Polster.“
„Nenn es, wie du willst.“
„Mama, bei uns ist alles in Ordnung.“
„Bei uns war auch alles in Ordnung. Bis dein Vater ging.“
Ihre Mutter sprach ruhig. So spricht man über Dinge, die längst überstanden und getrocknet sind wie Wäsche auf dem Balkon. Ihr Vater war gegangen, als Galina vierzehn war.
Er hatte die Garage, den Moskitsch und das Sparbuch mitgenommen. Ihre Mutter blieb mit zwei Töchtern in einer Zweizimmerwohnung zurück, mit undichtem Dach und leerem Kühlschrank.
Nach diesem Gespräch eröffnete Galina ein separates Bankkonto. Sie verknüpfte keine Karte damit. Sie installierte die App auf ihrem Diensthandy, das Oleg nie in die Hand nahm. Sie legte beiseite, was sie konnte.
Dreitausend im Monat. Manchmal fünftausend, wenn sie bei den Quartalsabschlüssen etwas dazuverdiente. Oleg brachte sein Gehalt bar nach Hause, und sie erhielt ebenfalls einen Teil ihres Gehalts in bar. Niemand kontrollierte etwas. Er interessierte sich überhaupt nicht für Zahlen, es sei denn, es ging um Autoteile.
Acht Jahre. Mit Zinsen hatten sich 470.000 Rubel angesammelt. Keine Million. Aber für eine Frau, deren Mann sie in einer Mietwohnung und mit einem leeren Parkplatz zurückließ, war es Geld, das nach Freiheit roch.
Es roch nach der Möglichkeit, die Schwiegermutter nicht um Geld bis zum Zahltag bitten zu müssen. Nach der Möglichkeit, die Miete zwei Monate im Voraus zu zahlen. Nach der Möglichkeit, sich endlich die Winterstiefel zu kaufen, die sie den dritten Winter in Folge hatte flicken lassen.
Doch das war später. Anfangs war da nur der Sonntag, Oleg im Flur mit den Taschen und eine Stille, die in ihren Ohren dröhnte wie ein leerer Kochtopf.
Er ging zu Schanna. Galina erfuhr den Namen zufällig, einen Monat nach seinem Auszug. Olegs ehemalige Kollegin Tamara rief an, eine Frau mit tiefer Stimme und der Angewohnheit, Dinge unverblümt auszusprechen:
„Gal, weißt du überhaupt, zu wem er abgehauen ist? Schanna Wiktorowna. Von der Autowäsche an der Proletarskaja. Sechsundzwanzig Jahre alt. Künstliche Wimpern, aufgespritzte Lippen. Ein Klassiker, Gal.“
Galina hörte zu und schälte Kartoffeln. Das Messer glitt in gleichmäßigen Bahnen über die Schale. Sie zählte die Streifen. Sieben. Acht. Neun.
„Hörst du mich?“
„Ich höre dich, Tamar.“
„Und? Was sagst du?“
„Ich schäle Kartoffeln.“
Tamara schwieg und schnaubte dann: „Du bist aus hartem Holz geschnitzt, Galka.“
Galina war nicht aus hartem Holz. Sie hatte sich diesen Moment in elf Jahren so oft vorgestellt, dass ihr Körper wusste, was zu tun war. Einfach weitermachen.
Kartoffeln schälen, den Boden wischen, zur Arbeit gehen, fremde Rechnungen buchen, nach Hause kommen, den Kessel aufsetzen. Doch drinnen, hinter den Rippen, hatte sich etwas verschoben. Wie Möbel nach dem Umstellen: Der Raum ist derselbe, aber man stößt sich bei jedem Schritt an den Ecken.
In der ersten Woche ohne Oleg schlief Galina schlecht. Nicht aus Trauer. Wegen der Stille. Elf Jahre lang hatte er neben ihr geschnarcht, und das war Hintergrundgeräusch gewesen, wie das Brummen des Kühlschranks. Jetzt brummte der Kühlschrank allein. Sie schaltete das Radio in der Küche leise ein, nur ganz leise, und schlief unter dem Gemurmel der Nachtsendungen ein.
Als der Frühling kam, fing Galina an, Fahrstunden zu nehmen. Sie kaufte sich einen gebrauchten weißen „Kalina“. Als sie das erste Mal alleine zur Datscha ihrer Mutter fuhr, den weißen Wagen vor dem Haus parkte und ausstieg, dufteten ihre Hände nach dem Lenkrad.
„Weiß“, sagte ihre Mutter und betrachtete das Auto. „Und fährt gut?“
„Gut.“
„Wie viel hat es gekostet?“
„Dreihundertzwanzigtausend.“
Sie standen schweigend da. Zwischen ihnen der weiße Kalina, der nach einem Tannenbaum-Duftbaum roch.
„Gibt es Piroggen?“, fragte Galina.
„Was denkst du denn?“ Sie gingen ins Haus. Ihre Mutter voran, Galina hinterher. Aus der Küche roch es nach Kohl und etwas Süßem, vielleicht Marmelade.
Galina trat über die Schwelle und dachte: Das ist er, der Geruch eines Zuhauses. Nicht der Geruch der Wohnung, in der sie elf Jahre lang mit einem Mann gelebt hatte, der ihr kein einziges Mal Tee ans Bett gebracht hatte, wenn sie krank war. Sondern ein echtes Zuhause.
Im Juli reichte Galina die Scheidung ein. Oleg unterschrieb, ohne große Worte. Es gab kein Vermögen aufzuteilen: Die Wohnung war gemietet, die Möbel vom schwedischen Möbelhaus waren nach elf Jahren ohnehin reif für den Sperrmüll. Das Auto hatte er im November mitgenommen. Von ihrem geheimen Konto wusste er nichts.
Im Gerichtssaal saßen sie auf einer Bank, aber mit zwei Plätzen Abstand.
„Haben Sie vermögensrechtliche Ansprüche?“, fragte die Richterin.
„Nein“, sagten beide gleichzeitig.
Das war das letzte Mal, dass sie etwas gleichzeitig sagten.
Nach der Verhandlung trat Galina auf die Straße. Juli, Hitze, der Asphalt schmolz. Sie fand ihren Kalina auf dem Parkplatz. Sie setzte sich ans Steuer und schaltete die Klimaanlage ein. Sie legte die Hände auf das Lenkrad.
Vertraut. Als wäre es schon immer so gewesen. Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von ihrer Mutter: „Und?“ Galina tippte ihre Antwort: „Alles erledigt. Wir sind geschieden.“
Ihre Mutter antwortete nach einer Minute: „Die Piroggen werden kalt.“
„Ich komme.“
Galina startete den Motor. Sie setzte den Blinker. Sie blickte in den Spiegel. Im Spiegel war ihr Gesicht. Achtunddreißig Jahre, die dunklen Ringe unter den Augen etwas heller als im Winter, das Haar offen.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ihre Haare offen getragen hatte.
Sie fuhr auf die Landstraße. Das Radio spielte Musik. Hinter ihr lagen die Stadt, das Gericht, elf Jahre und der silberne Logan. Vor ihr lagen hundertzwanzig Kilometer bis zu ihrer Mutter, der weiße Kalina, dessen Kilometerstand nun jeden Tag wuchs, und Piroggen mit Kohl.
Das war genug.