Marina warf das Telefon auf die Couch und sah ihren Mann an. Er saß im Sessel, kaute an einem Keks und starrte in den Fernseher, als hätte sie etwas völlig Belangloses gesagt – etwa, dass das Brot alle sei oder dass man im Flur eine Glühbirne auswechseln müsse.
— Nun, Marina, warum fängst du schon wieder an…
— Wieder womit? — Sie stellte sich mit den Händen in die Hüften mitten in den Raum.
— Oleg, sie hat mir gerade eine Nachricht geschickt.
Bitte lies das. Sie hielt ihm das Telefon unter die Nase.
Er nahm es widerstrebend, las es und zuckte mit den Schultern.
— Sie will doch nur helfen.
Marina nahm das Telefon zurück und las die Nachricht noch einmal, obwohl sie sie längst auswendig konnte: „Ich habe Leute gefunden, die sich die Wohnung ansehen wollen.
Morgen um drei.
Bist du zu Hause?“
Kein „Darf ich?“
Kein „Wie geht es dir?“
Nur eine Tatsache.
Ein Urteil.
Die Wohnung gehörte ihr und Oleg.
Es war gemeinsames Eigentum, erworben während der Ehe, wie es in den Dokumenten hieß.
Vor drei Jahren hatten sie eine Hypothek für eine Zweizimmerwohnung im achten Stock eines Neubaus mit Blick auf den Park aufgenommen.
Marina hatte die Ausführung selbst ausgesucht, war allein in die Lagerhäuser gefahren, um Fliesen zu besorgen, und hatte sich mit dem Bauleiter unterhalten, während Oleg „beschäftigt“ war – sprich, bei seiner Mutter saß und ihre Frikadellen aß. Und jetzt beschloss die Schwiegermutter, dass die Wohnung verkauft werden musste.
Warum?
Weil sie es so beschlossen hatte.
Weil Oleg, man stelle sich vor, näher zu ihr ziehen sollte, in ein anderes Viertel, in einen alten fünfstöckigen Block, wo es angeblich ein „gutes Angebot“ gab.
Weil Antonina Wassiljewna es so wollte, also sollte es auch so sein.
Marina sah ihren Mann wieder an.
Er starrte bereits erneut in den Fernseher.
— Oleg.
Ihre Stimme war leise, fast ruhig.
Es war eine bedrohliche Stille, wie vor einem Gewitter, wenn selbst die Vögel aufhören zu singen.
— Verstehst du, dass sie unsere Wohnung verkaufen will?
— Sie möchte doch nur, dass wir näher wohnen…
— Wir wohnen zwanzig Minuten von hier entfernt!
— Marina, sie ist nicht mehr jung, es fällt ihr schwer…
Marina ging in die Küche. Sie stellte sich ans Fenster und blickte auf den Park hinunter, der grün, sommerlich und voller Leben war.
Sie liebte diesen Ausblick.
Genau ihretwegen hatte sie diese Wohnung ausgesucht.
Hier wollte sie leben.
Nein, sagte sie sich.
Nein.
So wird das nicht laufen.
Am nächsten Tag, gegen zwei Uhr, war sie zu Hause.
Oleg war weggegangen, um „etwas zu erledigen“, was höchstwahrscheinlich bedeutete, dass er zu seiner Mutter gefahren war, und Marina blieb allein zurück.
Sie kochte sich Kaffee, öffnete den Laptop und fing an zu arbeiten. Sie leitete einen kleinen Online-Buchhaltungskurs, hatte genug Kunden, und das Geld war ihr eigenes, getrenntes und privates.
Punkt drei Uhr klingelte es an der Tür.
Marina ging in den Flur und sah durch den Spion.
Im Treppenhaus stand die Schwiegermutter in ihrem ewigen grauen Pullover, mit zusammengepressten Lippen, und neben ihr ein fremdes Paar.
Ein Mann und eine Frau, beide Unbekannte, beide mit dem Gesichtsausdruck von Leuten, die ihre Entscheidung im Grunde schon getroffen hatten.
Marina öffnete die Tür.
— Bitte, — sagte Antonina Wassiljewna und machte einen Schritt vorwärts, als wäre es ihre eigene Wohnung. — Kommen Sie rein, nur keine Scheu. Zwei Zimmer, achter Stock, schöner Aussicht…
— Antonina Wassiljewna, — sagte Marina, ohne sich von der Stelle zu rühren. — Guten Tag.
Die Schwiegermutter sah sie mit dem Blick an, den Marina in fünf Ehejahren gut kennengelernt hatte. Es war eine leichte Genervtheit, als sei die Schwiegertochter ein kleines Hindernis, das man einfach umgehen konnte.
— Marina, warum stehst du so da? Lass die Leute rein.
— Ich habe niemanden eingeladen.
— Ich habe sie eingeladen.
— Das ist nicht deine Wohnung.
Plötzlich herrschte Stille.
Die fremde Frau wechselte einen Blick mit dem Mann.
Der Mann räusperte sich.
— Marina, — die Stimme der Schwiegermutter wurde tiefer und schwerer, als hätte sie gerade etwas Massives angehoben, — mach hier keine Szene. Diese Leute sind hergekommen und haben ihre Zeit verschwendet. Benimm dich normal.
Marina sah sie an.
Dann das Paar.
Dann wieder die Schwiegermutter.
— Gut, — sagte sie. — Warten Sie bitte einen Moment.
Sie schloss die Tür.
Sie ging in die Küche.
Nahm ihr Telefon.
Und wählte den Notruf.
Der Bezirksbeamte Dmitri Sergejewitsch, jung und ernst, mit einem Tablet unter dem Arm, kam schneller, als Marina erwartet hatte.
Nach etwa zwanzig Minuten.

Die ganze Zeit über hatte die Schwiegermutter im Treppenhaus gestanden und sich lauthals empört – erst gegenüber dem fremden Paar, dann vor sich hin und schließlich wieder durch die geschlossene Tür zu Marina.
— Mach auf, habe ich gesagt! Das ist lächerlich! Oleg wird sich wegen so etwas von dir scheiden lassen!
Marina saß in der Küche, trank ihren Kaffee und hörte zu.
Sie spürte etwas Seltsames, fast so etwas wie Ruhe.
Als hätte sie endlich das Richtige getan.
Als der Polizist eintraf, öffnete sie die Tür und trat ins Treppenhaus.
— Bitte, — sagte sie, — diese Frau ist ohne meine Erlaubnis gekommen und hat fremde Leute mitgebracht, um die Wohnung zum Verkauf anzubieten. Die Wohnung gehört gemeinsam meinem Mann und mir. Ich habe der Verkaufsabsicht nicht zugestimmt.
Dmitri Sergejewitsch sah Antonina Wassiljewna an.
Sie blickte ihn an wie eine beleidigte Königin.
— Das ist die Wohnung meines Sohnes, — sagte sie. — Ich bin seine Mutter. Ich habe das Recht…
— Die Namen der Eigentümer? — fragte der Polizist ruhig.
— Petrow Oleg Andrejewitsch und Petrowa Marina Sergejewna, — antwortete Marina und zeigte das Foto der Eigentumsurkunde auf ihrem Handy. — Hier sind die Dokumente. Antonina Wassiljewna Petrowa taucht darin nicht auf.
Das fremde Paar zog sich bereits leise in Richtung Aufzug zurück.
Der Mann flüsterte der Frau etwas zu, und sie nickte.
Offenbar wollten sie so schnell wie möglich weg von diesem Treppenhaus.
Die Schwiegermutter bemerkte es.
Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich.
Zuerst war da Wut, dann trat etwas anderes hervor.
Etwas, das Ähnlichkeit mit Ratlosigkeit hatte.
Vielleicht schlug ihr Plan zum ersten Mal in ihrem Leben nicht nur fehl, sondern zerbrach direkt vor ihren Augen, vor Zeugen, und sie wusste nicht, was sie tun sollte.
— Das wirst du bereuen, — sagte sie schließlich ganz leise zu Marina. — Du wirst schon sehen.
Marina sah sie an.
Nicht mit Wut.
Einfach ruhig.
— Möglich, — antwortete sie. — Aber nicht heute.
Am Abend kam Oleg nach Hause.
Er wusste natürlich schon alles, denn seine Mutter hatte ihn angerufen.
Er betrat den Flur, zog seine Jacke aus, und Marina sah ihm an der Miene an, dass das Gespräch schwer werden würde.
— Marina, du hast wegen meiner Mutter die Polizei gerufen.
Sie nickte.
— Ja.
Er schwieg.
Sie betrachtete diesen Mann, mit dem sie fünf Jahre verlebt hatte und den sie, wie sie dachte, in- und auswendig kannte.
Ein Mamachen-Söhnchen.
Im Grunde gutmütig, aber so… weich.
Wie Teig, aus dem Antonina Wassiljewna formte, was immer sie wollte.
— Oleg, — sagte sie. — Wir müssen reden.
Er schwieg wieder.
Aber dieses Mal ging er nicht weg.
Und das war bereits etwas, dachte Marina.
Klein, aber immerhin etwas.
Sie ging in die Küche, um den Wasserkocher anzustellen.
Draußen dunkelte es bereits, und im Park gingen die Straßenlaternen an.
Die Wohnung gehörte ihr.
Zumindest vorerst.
Aber sie spürte, dass das erst der Anfang war.
— Oleg, deine Mutter ist mit fremden Leuten in unser Haus gekommen. Ohne meine Erlaubnis. Verstehst du, was das bedeutet?
Sie saßen in der Küche.
Der Wasserkocher hatte längst gekocht und war wieder abgekühlt, aber niemand rührte die Tassen an.
Oleg starrte auf den Tisch, auf die karierte Tischdecke, die Marina ein Jahr zuvor auf dem Markt gekauft hatte, und schwieg.
— Sie wollte doch nur das Beste, — sagte er schließlich.
Marina atmete langsam aus.
— Für wen das Beste, Oleg?
Er antwortete nicht.
Das war seine typische Methode: schweigen, bis das Gewitter von alleine vorbeizog.
Früher hatte das funktioniert.
Marina hatte sich geärgert, geschrien, war dann müde geworden und hatte geschwiegen, und alles blieb beim Alten.
Aber an diesem Tag gedachte sie nicht, müde zu werden.
— Ich habe einen Termin beim Notar vereinbart, — sagte sie ruhig. — Nächste Woche. Ich möchte genau wissen, welche Rechte wir an dieser Wohnung haben. Was man tun darf, was nicht und was nötig ist, damit nicht ein Miteigentümer ohne die Zustimmung des anderen handeln kann.
Oleg hob den Blick.
— Wozu?
— Weil deine Mutter morgen andere Käufer finden wird. Oder übermorgen. Sie hört nicht auf, Oleg. Du kennst sie doch.
Er kannte sie.
Das sah man daran, dass er den Blick wieder senkte.
Antonina Wassiljewna wohnte drei Straßenbahnhaltestellen entfernt, in einer alten Zweizimmerwohnung, in der alles zugestellt, vollgestopft und vom Geruch alter Sachen sowie Katzenfutter durchdrungen war, obwohl es dort seit etwa zehn Jahren keine Katze mehr gab.
Marina war selten dort gewesen und ging jedes Mal mit dem Gefühl hinaus, als hätte sie eine Parallelwelt besucht, in der die Zeit im Jahr 1997 stehen geblieben war.
Am nächsten Morgen rief die Schwiegermutter selbst an.
Marina sah ihren Namen auf dem Display, zögerte eine Sekunde und hob ab.
— Marina, — die Stimme von Antonina Wassiljewna klang süß, fast zärtlich, was ein sicheres Zeichen dafür war, dass sie etwas im Schilde führte. — Ich wollte mich für gestern entschuldigen. Ich war wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen.
— Gut, — antwortete Marina.
— Na wunderbar. Du verstehst doch, dass ich alles nur für Oleg tue. Nur für ihn. Er ist mein Sohn, und ich will, dass es ihm gut geht.
— Antonina Wassiljewna, Oleg geht es gut. Wir haben eine Wohnung und Arbeit. Es ist alles in Ordnung.
Plötzlich trat Stille ein.
— Marina, — der Ton veränderte sich etwas und wurde trockener, — ich kenne ein sehr gutes Angebot in unserer Gegend. Eine Dreizimmerwohnung im zweiten Stock, zu einem vernünftigen Preis. Wenn ihr eure Wohnung verkauft…
— Nein.
— Nein, was? Du hast mir gar nicht zugehört.
— Ich habe genug gehört. Antonina Wassiljewna, wir verkaufen die Wohnung nicht. Diese Entscheidung treffen Oleg und ich gemeinsam. Nicht Sie.
Am anderen Ende herrschte Stille.
Dann wurde das Gespräch abgebrochen.
Marina legte das Telefon weg und spürte, wie sich in ihrem Inneren etwas zusammenzog.
Es war keine Furcht.
Eher eine Vorahnung.
Sie kannte diese Frau gut genug, um zu wissen, dass sie so schnell nicht aufgeben würde.
Zwei Tage später erfuhr Marina ganz zufällig etwas Interessantes.
Sie war im Bürgerbüro, um eine geschäftliche Angelegenheit zu regeln, und traf in der Warteschlange Wera Nikolajewna aus dem fünften Stock – eine Rentnerin und leidenschaftliche Liebhaberin sämtlicher Neuigkeiten über alle und jeden.
— Ach, Marina! — freute sich die Frau. — Ich habe gehört, ihr verkauft eure Wohnung.
Marina blieb stehen.
— Wer hat Ihnen das gesagt?
— Wie, wer? Vorgestern stand deine Schwiegermutter mit irgendwelchen Leuten vor dem Block, zeigte auf eure Fenster und erzählte, die Aussicht sei schön, die Gegend gut, die U-Bahn nah… Ich habe mich schon gewundert. Dachte mir, ihr hättet euch aber schnell entschieden.
Marina bedankte sich bei der Nachbarin, verließ das Gebäude und blieb auf der Straße stehen.
Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht, heiß und aufdringlich, wie mitten im Sommer.
Sie zog ihr Handy heraus und rief Oleg an.
— Deine Mutter steht vor unserem Haus und zeigt die Wohnung von außen. Das macht sie jetzt schon den dritten Tag.
Stille.
— Ich werde mit ihr reden.
— Oleg. — Sie versuchte ruhig zu sprechen. — Hast du nach diesem Zwischenfall mit ihr gredet?
— Nun… ich habe ihr gesagt, dass sie das nicht tun sollte…
— Hat sie es verstanden?
Die Pause war beredter als jede Antwort.
— Ich fahre zum Notar, — sagte Marina. — Heute. Nicht nächste Woche, sondern heute.
Der Notar Igor Pawlowitsch war ein Mann um die Fünfzig, ruhig und präzise in seinen Worten.
Er hörte sich Marina an, sichtete die Unterlagen und erklärte alles sachlich: Ohne die Zustimmung des anderen Miteigentümers kann eine Wohnung nicht verkauft werden.
Weder Präsentationen noch Verhandlungen mit Käufern haben rechtliche Bindungskraft.
Sollte es dennoch zu einer Transaktion kommen, wäre sie anfechtbar.
— Ich bin also geschützt? — versicherte sich Marina.
— Rechtlich gesehen, ja. Aber, — er machte eine Pause, — sollte der andere Eigentümer irgendwann unter Druck oder Umständen seine Zustimmung geben, steht die Sache anders.
Marina nickte.
Sie verstand, worauf er anspielte.
Oleg.
Er war das schwache Glied.
Am Abend kam sie früher als ihr Mann nach Hause, bereitete das Abendessen zu – ganz einfache Nudeln mit Käse, nichts Besonderes – und deckte den Tisch.
Als Oleg eintrat, sah sie ihm an, dass er bei seiner Mutter gewesen war.
Längst hatte sie gelernt, diesen Gesichtsausdruck zu deuten: ein bisschen schuldbewusst, ein bisschen abwesend, als stünde er mit den Gedanken noch immer in jener alten Wohnung, die nach Katzen roch und in der die Uhren stehen geblieben waren.
Er setzte sich.
Nahm seine Gabel.
— Mama sagt, die Käufer sind sehr ernsthaft, — sagte er, ohne sie anzusehen. — Sie bieten einen guten Preis. Sie will einfach nicht, dass wir die Chance verpassen.
Marina legte die Gabel aus der Hand.
Vorsichtig.
Ohne jeden Ton.
— Oleg. Sieh mich an.
Er hob den Blick.
— Ich werde diese Wohnung nicht verkaufen, — sagte sie leise und sehr deutlich. — Niemals. Zu keinem Preis. Das ist unser Zuhause. Mein Zuhause. Ich habe drei Jahre meines Lebens hineingesteckt. Und wenn du oder deine Mutter noch einmal versuchen solltet, hinter meinem Rücken etwas zu drehen, werde ich mich verteidigen. Auf jede mögliche Weise. Hast du verstanden?
Er sah sie an.
Lange.
Vielleicht länger als in den letzten paar Monaten zusammen.
— Marina, — sagte er schließlich, und in seiner Stimme lag etwas, das sie schon lange nicht mehr gehört hatte. Etwas Lebendiges. — Du… bist wirklich bereit, bis zum Ende zu kämpfen?
— Ja, — antwortete sie einfach.
Draußen rauschte der Park.
Die Laternen brannten früher als sonst.
Irgenwo unten lachten Kinder.
Marina nahm ihre Gabel wieder und aß weiter.
Das Gespräch war damit nicht zu Ende, das wusste sie.
Antonina Wassiljewna würde nicht lockerlassen.
Die Käufer waren nicht verschwunden.
Alles fing erst an.
Aber an diesem Abend hatte sich etwas verändert.
Etwas Kleines, fast Unmerkliches.
Wie ein erster Riss in einer Wand, den bisher alle hatten übersehen wollen.
Antonina Wassiljewna rief drei Tage lang nicht an.
Für ihre Verhältnisse war das ein Rekord.
Normalerweise rief sie Oleg zwei- oder dreimal täglich an, um zu fragen, ob er gegessen hatte, sich über ihren Blutdruck zu beschweren oder etwas Dringendes mitzuteilen, das in Wirklichkeit überhaupt nicht eilig war.
Drei Tage Stille bedeuteten nur eines: Sie bereitete etwas vor.
Marina spürte es.
So wie man den Luftdruckwechsel vor einem Gewitter spürt: Man sieht und hört noch nichts, aber im Inneren weiß man es bereits.
Sie gedachte nicht zu warten.
Am Mittwochmorgen ging Marina zur Bank.
Nicht wegen Geld, sondern für einen Kontoauszug.
Einen vollständigen und detaillierten mit der Historie aller Hypothekenzahlungen der letzten drei Jahre.
Sie wusste, dass den größten Teil der Raten sie selbst bezahlt hatte – von ihrem eigenen Konto, regelmäßig und pünktlich.
Oleg hatte seltener und weniger gezahlt: Manchmal fehlte ihm das Geld, manchmal vergaß er es, und manchmal bat ihn die Mutter um Hilfe, sodass das Geld bei ihr landete.
Marina steckte die Ausdrucke in eine Mappe und legte sie in die Schreibtischschublade.
Nur für alle Fälle.
Einfach, um sie zu haben.
Danach rief sie ihre Freundin Katja an, die sie noch aus Studienzeiten kannte, und bat sie um einen kleinen Gefallen.
Alles ereignete sich am Freitagabend.
Oleg kam seltsam still nach Hause, stellte die Einkaufstasche in der Küche ab und wusch sich lange die Hände.
Marina beobachtete ihn vom Wohnzimmer aus und wusste, dass etwas passiert war.
Etwas, worüber er noch nicht sprach.
— Mama kommt morgen, — sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen. — Mit einem Notar.
Marina trat in den Türrahmen.
— Mit welchem Notar?
— Sie sagt… — er zögerte, — sie hat Dokumente gefunden. Irgendwelche alten Papiere. Sie behauptet, dass die Anzahlung für die Wohnung von ihrem Geld stammte. Und dass sie deshalb etwas… anfechten kann.
Marina schwieg einen Moment.
Dann fragte sie ganz ruhig:
— Stimmt das? Hat sie das Geld für die Anzahlung gegeben?
Oleg drehte sich um.
Sein Gesichtsausdruck erklärte alles ohne Worte.
— Sie hat damals hunderttausend Rubel gegeben. Ich wollte es dir sagen…
— Wann? Wann wolltest du es mir sagen? Vor drei Jahren? Vor einem Jahr? Gestern?
Er schwieg.
Marina ging ins Wohnzimmer zurück, öffnete die Schublade und zog die Mappe mit den Bankauszügen hervor.
Sie blätterte darin und fand die richtige Seite.
Die Anzahlung hatte vierhundertachtzigtausend Rubel betragen.
Hunderttausend waren das Bargeld der Schwiegermutter gewesen, wie sie jetzt verstand.
Die restlichen dreizehnhundertachtzigtausend stammten von ihrem eigenen Konto.
Sie nahm das Handy und schrieb Katja ein einziges Wort:
„Morgen.“
Antonina Wassiljewna erschien am Samstag um halb elf.
Ohne anzurufen und ohne Ankündigung, sie klingelte einfach Sturm.
Neben ihr stand ein Mann um die sechzig in einem zerknitterten Sakko, mit einer Aktentasche unter dem Arm und dem Blick eines Menschen, den man um einen Gefallen gebeten hatte und der nicht Nein sagen konnte.
— Das ist Wiktor Iwanowitsch, — sagte Antonina Wassiljewna beim Betreten des Flurs. — Er ist Notar. Wir sind gekommen, um zu reden.
Marina öffnete die Tür weiter.
— Bitte treten Sie ein, — sagte sie. — Ich habe ebenfalls einen Gast eingeladen.
Die Schwiegermutter wurde etwas langsamer, ließ sich aber nichts anmerken.
Sie gingen ins Wohnzimmer.
Auf der Couch saß bereits Katja, gefasst, in einem eleganten Blazer, den Laptop auf den Knien.
Katja arbeitete in der Rechtsabteilung einer Bank und kannte sich mit Immobilienangelegenheiten besser aus als jeder x-beliebige „Notar im zerknitterten Sakko“.
— Das ist meine Freundin, — sagte Marina. — Katja. Sie hilft uns, die Dokumente zu prüfen.
Wiktor Iwanowitsch warf Katja einen Blick zu.
Katja musterte ihn.
Etwas in ihrem Blick veranlasste ihn, sein Sakko leicht zurechtzurücken.
Antonina Wassiljewna öffnete ihre Mappe.
— Bitte, — sagte sie und zog ein Blatt Papier heraus, — eine Quittung. Ich habe Geld für die Wohnung gegeben. Hunderttausend Rubel. Hier ist meine Unterschrift und das Datum. Das bedeutet, dass ich am Kauf beteiligt war und das Recht habe…
— Darf ich mal? — Katja streckte die Hand aus.
Die Schwiegermutter zögerte, gab ihr das Dokument jedoch.
Katja sah es sich an, ohne ihre Miene zu verziehen.
Dann öffnete sie den Laptop, suchte etwas und drehte den Bildschirm herum.
— Schauen wir mal, — sagte sie ruhig. — Eine Geldübergabequittung verleiht kein Anrecht auf Anteile an einer Immobilie. Das gilt als Darlehen, sofern kein Schenkungsvertrag vorliegt. Hier gibt es keinen Schenkungsvertrag, sehe ich das richtig?
Antonina Wassiljewna öffnete den Mund.
— Aber es war doch offensichtlich…
— Vor Gericht, — unterbrach sie Katja sanft, — ist gar nichts offensichtlich. Ohne Schenkungsvertrag wird das als Darlehen gewertet. Und die Verjährungsfrist für Darlehen beträgt drei Jahre. Die, — sie blickte auf das Datum der Quittung, — sind bereits abgelaufen.
Im Wohnzimmer trat Stille ein.
Wiktor Iwanowitsch räusperte sich vorsichtig und begann plötzlich, mit brennendem Interesse aus dem Fenster zu blicken.
— Außerdem, — fuhr Marina fort und öffnete ihre eigene Mappe, — habe ich in den drei Jahren der Kreditabzahlung zweihundert siebzigtausend Rubel von meinem persönlichen Konto eingezahlt. Hier sind die Kontoauszüge. Das ist weit mehr als die Hälfte aller Einzahlungen. Wenn also jemand von einem Beitrag zu dieser Wohnung sprechen kann, dann bin ich das.
Antonina Wassiljewna blickte auf die Quittung, die Katja ihr zurückgereicht hatte.
Dann auf Marina.
Dann auf Oleg, der während der ganzen Zeit an der Wand stand mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der liebend gern unsichtbar geworden wäre.
— Oleg, — sagte sie, und in ihrer Stimme lag jener vertraute, drängende mütterliche Ton. — Lässt du zu, dass sie so mit ihrer eigenen Mutter redet?
Oleg schwieg länger als sonst.
Marina sah ihn nicht an.
Sie blickte die Schwiegermutter an.
Sie wartete.
— Mama, — sagte er schließlich, — die beiden haben recht.
Drei Wörter.
Leise, kaum hörbar.
Aber sie fielen wie ein Stein ins Wasser der Wohnzimmerstille.
Antonina Wassiljewna erblasste.
Dann lief sie rot an.
Plötzlich sprang sie auf, schnappte sich ihre Handtasche und warf die Quittung zurück in die Mappe.
Die Mappe fiel um, Blätter verstreuten sich auf dem Boden, aber sie machte keine Anstalten, sie aufzuheben.
— Gut, — sagte sie. — Gut. Lebt, wie ihr wollt. Aber ruft mich danach bloß nicht an. Bittet mich um nichts. Weder um Hilfe noch um sonst was.
Sie stürmte in den Flur.
Wiktor Iwanowitsch erhob sich hastig, mummelte so etwas wie „Auf Wiedersehen“ und verschwand noch vor der Schwiegermutter durch die Tür.
Antonina Wassiljewna hielt kurz auf der Schwelle inne.
Sie drehte sich ein letztes Mal um, mit der Miene eines Menschen, der etwas Vernichtendes sagen wollte, dem aber die Worte fehlten.
Dann machte sie eine abrupte Handbewegung, als würde sie etwas durchtrennen, und ging hinaus.
Die Tür schloss sich.
Katja verließ die Wohnung eine halbe Stunde später.
Sie umarmte Marina im Flur, flüsterte „Das hast du großartig gemacht“ und ging.
Marina kehrte ins Wohnzimmer zurück.
Oleg sammelte die verstreuten Blätter vom Boden auf und stapelte sie ordentlich aufeinander.
Fremde, nutzlose Dokumente, die am Ende nichts verändert hatten.
— Sie wird morgen anrufen, — sagte er leise. — Das tut sie immer.
— Bestimmt, — stimmte Marina zu.
— Und dann?
Marina trat ans Fenster.
Draußen rauschte sommerlich der Park.
Der Wind bewegte die Blätter, irgendwo lief Musik, Leute schlenderten mit Eis und Hunden über die Wege.
— Dann wirst du selbst entscheiden, was du ihr sagst, — antwortete sie. — Es ist deine Mutter, Oleg. Nicht meine.
Er hob den Blick zu ihr.
Ein langer, ernster Blick, wie von einem Menschen, der endlich etwas Wichtiges begriffen hatte.
Marina fügte nichts mehr hinzu.
Antonina Wassiljewna rief zwei Tage später an.
Nicht am nächsten Tag, wie Oleg vorhergesagt hatte, sondern nach zwei Tagen.
Offenbar brauchte selbst sie Zeit, um sich zu beruhigen und wieder zu sich zu kommen.
Oleg nahm das Telefon selbst ab.
Marina war in der Küche und hörte Fetzen des Gesprächs: die ruhige Stimme ihres Mannes, kurze Sätze, kein „Ja, Mama, natürlich, Mama“.
Nur eine gefasste, fast fremde Stimme eines Menschen, der einen Entschluss gefasst hatte.
Das Gespräch dauerte etwa zehn Minuten.
Danach kam Oleg in die Küche und setzte sich an den Tisch.
— Sie ist beleidigt, — sagte er.
— Ich weiß.
— Sie sagt, wir haben sie verraten.
Marina stellte ihm eine Tasse Tee hin.
— Oleg, du hast sie nicht verraten. Du hast zum ersten Mal die Wahrheit gesagt.
Er legte beide Hände um die Tasse und starrte hinein.
Schieg eine Weile.
— Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwer ist, — sagte er leise. — Ihr „Nein“ zu sagen.
— Ich weiß, — wiederholte Marina und setzte sich ihm gegenüber. — Aber du hast es geschafft.
Er blickte auf, ein wenig erstaunt, als hätte er diese Worte nicht erwartet.
Dann nickte er fast unmerklich.
Ein Monat verging.
Antonina Wassiljewna ließ sich nicht blicken.
Sie rief Marina nicht an.
Manchmal schrieb sie Oleg kurze, kühle und sachliche Nachrichten.
Er antwortete darauf.
Manchmal fuhr er allein zu ihr, brachte Einkäufe vorbei, blieb eine Stunde und kam wieder nach Hause.
Marina fragte nicht nach Einzelheiten.
Das war seine Sache.
Seine Mutter, ihre Beziehung und die Arbeit, die er selbst erledigen musste.
Eines Abends saßen sie auf dem Balkon.
Unten rauschte der Park, es roch nach Sommer und ein wenig nach dem Grill der Nachbarn.
Plötzlich sagte Oleg:
— Marina, verzeih mir. Für das Ganze.
Sie sah ihn an.
— Wofür genau?
— Dafür, dass ich so lange geschweige habe. Dafür, dass ich zugelassen habe, dass sie…
Er beendete den Satz nicht und winkte ab.
Marina schwieg eine Weile.
In den vergangenen drei Jahren hatte sie sich dieses Gespräch oft ausgemalt und immer gedacht, sie würde sehr viel sagen.
Alles erklären, an den richtigen Platz rücken und all das herauslassen, was sich angestaut hatte.
Aber jetzt antwortete sie einfach:
— Schon gut. Abgemacht.
Oleg lächelte leicht, fast ein wenig schuldbewusst.
Er nahm ihre Hand.
Sie saßen da und schwiegen.
In einem guten Schweigen, einem, das nicht erdrückt, sondern einfach da ist.
Die Wohnung gehörte ihnen.
Der Blick auf den Park gehörte ihnen.
Und dieser Abend ebenfalls.
Manchmal reicht das völlig aus, um von vorn zu beginnen.