— Du willst also zu einer anderen gehen? Gut. Aber reparier vorher den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Er quietscht jetzt schon seit drei Monaten — sagte Polina ganz ruhig.

by zuzustory1303
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— Du willst also zu einer anderen gehen? Gut. Aber reparier vorher den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Er quietscht jetzt schon seit drei Monaten — sagte Polina ganz ruhig.

Ihr Mann Viktor hatte mit einer heftigen Reaktion gerechnet.

Mit Tränen. Mit Vorwürfen. Vielleicht sogar mit einem verzweifelten Versuch, ihn aufzuhalten.

Doch nichts davon kam.

Polina stand einfach in der Küche, hielt ihre Kaffeetasse in der Hand und sah ihn an, als hätte er gerade angekündigt, am nächsten Tag zum Supermarkt zu gehen.

— Was? — fragte Viktor verwirrt.

— Du hast mich verstanden.

Er hatte gerade seine Jacke vom Stuhl genommen.

Seit Wochen bereitete er seinen Auszug vor. Er hatte Polina immer wieder erzählt, dass er sich in ihrer Ehe nicht mehr wohlfühle. Dass sie sich auseinandergelebt hätten. Und an diesem Abend hatte er endlich ausgesprochen, was er bisher nur angedeutet hatte.

— Ich habe mich in jemand anderen verliebt.

Polina nickte langsam.

— Das dachte ich mir.

Viktor blinzelte.

— Du… bist nicht überrascht?

— Nein.

— Und du willst mich nicht aufhalten?

Polina stellte ihre Tasse ab.

— Warum sollte ich?

Er wusste darauf keine Antwort.

— Wir sind seit zwölf Jahren verheiratet, Polina.

— Das weiß ich.

— Ich dachte, du würdest wenigstens versuchen, unsere Ehe zu retten.

Sie sah ihn lange an.

— Viktor, eine Ehe kann man nicht allein retten.

Er schwieg.

Dann nahm sie einen kleinen Zettel vom Kühlschrank und reichte ihn ihm.

Darauf stand eine Liste.

„Kleiderschrank quietscht. Wasserhahn im Bad tropft. Lampe im Flur flackert.“

Viktor sah sie fassungslos an.

— Was soll das?

— Dinge, die du seit Monaten reparieren wolltest.

— Polina, ich rede gerade davon, dass ich dich verlasse!

— Ich weiß.

Ihre Ruhe machte ihn beinahe wütend.

— Und das ist alles, was du dazu zu sagen hast?

Polina atmete tief durch.

— Nein. Ich könnte dir sagen, dass du mich verletzt hast. Dass ich dir zwölf Jahre meines Lebens geschenkt habe. Dass ich mir gewünscht hätte, du wärst ehrlich zu mir gewesen, bevor du dich in eine andere Frau verliebt hast.

Sie machte eine kurze Pause.

— Aber ich werde dich nicht anbetteln zu bleiben.

Viktor senkte den Blick.

Zum ersten Mal wirkte er unsicher.

— Sie versteht mich besser als du.

Polina lächelte traurig.

— Vielleicht. Dann solltest du zu ihr gehen.

Er nahm seine Tasche.

Doch bevor er zur Tür ging, hörte er Polinas Stimme.

— Viktor?

Er drehte sich um.

— Ja?

— Den Kleiderschrank bitte trotzdem.

Er starrte sie einige Sekunden an.

Dann musste er trotz allem lachen.

— Du meinst das ernst?

— Vollkommen.

Am nächsten Morgen wachte Polina früh auf.

Sie erwartete, dass die Wohnung leer sein würde.

Doch aus dem Schlafzimmer kam ein leises Geräusch.

Sie ging hinüber.

Viktor kniete vor dem Kleiderschrank und hielt einen Schraubenzieher in der Hand.

— Du bist noch hier?

— Nur wegen des Schranks — murmelte er.

Polina lehnte sich an den Türrahmen.

— Natürlich.

Er arbeitete eine Weile schweigend.

Dann sagte er:

— Weißt du, was gestern Abend passiert ist?

— Was?

— Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, warum du so ruhig geblieben bist.

Polina sagte nichts.

— Und mir ist klar geworden, dass ich schon seit Monaten weglaufe.

Er legte den Schraubenzieher zur Seite.

— Nicht vor dir. Vor mir selbst.

Polina sah ihn an.

— Viktor…

— Ich weiß nicht, ob ich unsere Ehe noch retten kann. Aber ich weiß, dass ich nicht einfach gehen und so tun kann, als wären zwölf Jahre nichts wert.

Polina schwieg lange.

— Dann reparier nicht nur den Schrank — sagte sie schließlich. — Wenn du wirklich bleiben willst, musst du anfangen, das zu reparieren, was zwischen uns kaputtgegangen ist.

Viktor nickte.

— Das werde ich.

Polina ging zurück in die Küche.

Ein paar Minuten später hörte sie aus dem Schlafzimmer ein vertrautes Geräusch.

Der Kleiderschrank quietschte nicht mehr.

Zum ersten Mal seit Monaten war es still.

Und Polina wusste, dass manche Dinge nicht mit großen Versprechen beginnen.

Manchmal beginnen sie mit einem Schraubenzieher, einem ehrlichen Gespräch und der Entscheidung, nicht länger vor der Wahrheit davonzulaufen.

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