„Als ich nach meinem Urlaub in meine Wohnung zurückkehrte, öffnete mir nicht ein vertrautes Gesicht die Tür, sondern ein völlig fremder Mann.“

by zuzustory1303
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 Der Schlüssel glitt sanft ins Schloss, doch Elena kam nicht mehr dazu, ihn umzudrehen. Die Tür öffnete sich von innen.

Auf της Schwelle stand ein fremder Mann in dunkler Jogginghose und Elenas grauem, übergroßen Frottee-Bademantel – demjenigen, der normalerweise an einem Haken im Badezimmer hing. Seine Haare waren noch nass, als wäre er gerade erst aus der Dusche gestiegen.

Hinter ihm war der Flur deutlich zu sehen: Auf της Fußmatte lagen fremde Herrenschuhe und ein Kinder-Klettsneaker. Aus dem hinteren Teil der Wohnung ertönte eine Kinderstimme:

— Papa, wo ist mein Tablet? Der Mann blickte erst Elena an, dann ihren Koffer und schließlich die Einkaufstüte voller Magnete und Teedosen, die ihr schon den ganzen Weg vom Taxi hierher in die Finger geschnitten hatte.  Mit einer trägen, vertrauten Hö Höflichkeit, die Elena das Blut in den Adern gefrieren ließ, fragte er:

— Suchen Sie jemanden?

Die Tüte glitt Elena aus den Händen und schlug auf dem Boden auf. Die Metalldose des Tees schepperte laut, und die Magnete verstreuten sich in alle Richtungen.

Elena merkte erst gar nicht, dass sie mit offenem Mund dastand, unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen.

Nach einer endlosen Nacht im Zug, einem verpassten Anschluss, einem verschlafenen Taxifahrer und einem kaputten Aufzug wollte sie nur noch eines: eine Dusche und Ruhe. Stattdessen stand eine fremde Gestalt auf της Schwelle ihres eigenen Zuhauses, trug ihren Bademantel und fragte sie, wen sie suche.

— Das ist meine Wohnung —, sagte sie leise, aber mit einer Stimme, die ihr so fremd vorkam, dass sie sie selbst kaum wiedererkannte.

Der Mann drehte sich zum Flur um und rief:

— Olga, komm mal kurz! Hier ist eine Frau, die behauptet, die Wohnung gehöre ihr!

In diesem Moment fühlte sich Elena, als hätte man ihr mitten auf die Brust geschlagen. Sie hatte sich nicht im Stockwerk geirrt. Sie hatte sich nicht in der Tür geirrt. Eine Frau. In ihrem Haus. Mit der letzten Kraft, die ihr noch geblieben war, stieß Elena ihren Koffer über die Schwelle und trat ein.

Der Mann wich instinktiv zurück. Im Flur, über Elenas Stuhl, hing ein fremder Hoodie. Neben dem Heizkörper lag ein Spielzeugauto ohne Räder. Auf dem Schuhschrank stand μια offene Tüte mit Orangen, und aus der Küche drang der Geruch von gebratenen Zwiebeln und Frikadellen. Gebratene Zwiebeln. In ihrem Zuhause.

Jemand stand in ihrer Küche, kochte, trocknete Socken, lief in ihrem Bademantel herum, ohne auch nur zu ahnen, wie völlig absurd die Situation war.

Aus dem Zimmer kam eine Frau um die dreißig, in Leggings und einem ausgeleierten T-Shirt. Hinter ihr war Elenas Sofa zu sehen, bedeckt mit einer Kinderdecke mit Dinosauriermotiv und einem offenen Rucksack. Auf dem Couchtisch stand eine fremde Tasse. Auf dem Fensterbrett ein Kinder-Tablet.

— Artjom, was ist denn los? —, fragte die Frau, doch als sie Elena sah, fror das Lächeln auf ihrem Gesicht augenblicklich ein.  Elena suchte bereits nervös nach ihrem Telefon. Marina. Natürlich war es Marina. Nur sie hatte die Schlüssel. Um die Blumen zu gießen, nach dem Rechten zu sehen και die Wohnung zu lüften.

Elena hatte eigentlich schon vom Flughafen aus wegen der Verspätung schreiben wollen, hatte es aber nicht mehr geschafft. Nun zeigte sich, dass auch ihre Freundin es nicht eilig gehabt hatte, ihr irgendetwas zu sagen – weil sie es gar nicht vorhatte.

Beim ersten Anruf ging nur das Freizeichen. Den zweiten Anruf drückte Marina weg. Der kurze, trockene Ton der Abweisung ließ Elena fast den Atem stocken.

— Ach, so ist das also… —, keuchte sie und drückte erneut auf die Anruftaste.  Aus dem Zimmer kam ein Junge von etwa sieben Jahren, mit krümeligem T-Shirt και dem Tablet unter dem Arm. Er sah Elena an, als wäre sie μια seltsame Frau, die zum unpassendsten Zeitpunkt aufgetaucht war, und fragte seine Mutter:

— Mama, wer είναι das?

Elenas ganzer Körper begann zu zittern. Wer ist das? Wer bin ich? In meinem eigenen Haus?!

Die Konfrontation

Der Mann begriff endlich, dass die Situation katastrophal war. Er holte sein Telefon heraus und sprach hastig:

— Bitte warten Sie. Wir haben diese Wohnung für ein paar Tage gemietet. Uns wurde gesagt, es sei alles abgesprochen.

— Wer hat das gesagt?! —, schrie Elena mit einer solchen Wut, dass sie vor ihrer eigenen Stimme erschrak. — Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie in meinem Haus wohnen dürfen?! Wer?! Der Junge zog sich verängstigt zurück und versteckte sich hinter seiner Mutter, die sich sofort schützend vor ihn stellte.

— Eine Bekannte hat uns die Nummer gegeben. Sie sagte, die Eigentümerin sei verreist und alles sei in Ordnung. Wir haben im Voraus bezahlt, wir wussten wirklich von nichts…

— Natürlich wussten Sie von nichts! —, unterbrach ihn Elena. — Und ich musste es offensichtlich als Letzte von uns allen erfahren!

Sie rief Marina noch einmal an. Sie ging nicht ran. Da sagte der Mann:

— Lassen Sie mich sie anrufen.

— Rufen Sie sie an —, sagte Elena. — Sofort. Und stellen Sie auf Lautsprecher.

Der Mann wählte, und Marina hob fast augenblicklich ab.

— Marina, die Eigentümerin ist da —, sagte der Mann ohne jede Hö Höflichkeit. — Die echte. Sie steht hier, mitten in der Wohnung. Was heißt „früher“? Sie ist schon hier. Nein, kein Scherz. Kommst du her oder was ist los?

Elena konnte Marinas Stimme kaum hören, aber sie verstand den Kern.

Die Frau am anderen Ende της Leitung fragte nicht, ob alles in Ordnung sei. Sie stieß keinen Schrei des Entsetzens aus. Sie war nicht einmal überrascht. Sie rechtfertigte sich lediglich genervt, dass Elena früher als erwartet zurückgekehrt war.

— In zehn Minuten ist sie hier —, sagte der Mann und steckte das Telefon in die Tasche. — Es tut mir leid.

— Sparen Sie sich Ihr Mitleid —, sagte Elena barsch. — Das ist nicht das, was ich jetzt brauche.

Elena ging weiter hinein. Sie wollte sich nicht umsehen, sie wollte sich nicht unnötig quälen, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Sie musste alles sehen.

Auf dem Küchentisch standen zwei Tassen, in einer war der Löffel stecken geblieben. Ihre gute Pfanne stand auf dem Herd. Auf dem Wäscheständer hingen Kinderrocke und Unterwäsche.

Neben dem Kühlschrank stand der Hocker, auf dem Marina immer saß, um Kaffee zu trinken, wenn sie zum Reden vorbeikam. Jetzt lag μια Kinderjacke darauf. Elena öffnete den Kühlschrank: Fremde Milchpackungen, Würstchen, Joghurt, eine Tupperdose mit Nudeln. Ihr eigenes Glas Oliven war in die Ecke geschoben worden, als würde es stören.

Im Badezimmer öffnete sie den Schrank, und ihr Gesicht verzog sich. Ihr teures Shampoo war verschwunden. An seiner Stelle stand μια billige, knallige Flasche mit Wassermelonen-Duft.

Auf dem Regal lag μια fremde Haarklammer. Ihr Schwamm war beiseite geschoben worden. An der Aufhängung hing ein Kinderhandtuch mit Spiderman. Auf dem Spiegel klebten Zahnpastaflecken.

— Wir dachten, das sei alles legal und sauber —, sagte die Frau leise hinter Elenas Rücken. — Wir wussten es wirklich nicht.

Elena drehte sich so abrupt um, dass die Frau einen Schritt zurückwich.

— Sie tragen meinen Bademantel. Sie benutzen meinen Kühlschrank, mein Badezimmer… Was genau versuchen Sie mir jetzt zu erklären?

Der Zusammenstoß

Nach wenigen Minuten waren Schritte im Treppenhaus zu hören. Marina stürzte atemlos herein, der Mantel ungeknöpft, die Haare zerzaust. In ihrem Gesicht mischte sich der Schrecken nicht mit Reue, sondern mit wütender Frustration. Noch bevor sie stehen blieb, warf sie den Satz in den Raum:

— Lena, warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, dass du früher kommst?!  Elena machte einen Schritt auf sie zu.

— Wie bitte?! Ist das dein Ernst?!

— Ich dachte doch, du kommst erst morgen! Ich hätte alles weggeräumt…

— Du hast meine Wohnung vermietet! —, unterbrach Elena sie mit aller Kraft ihrer Stimme.

Marina blinzelte, warf einen Blick auf Artjom und seine Frau und senkte dann die Stimme, als könnte sie noch immer so tun, als handele es sich um ein privates Gespräch.

— Lena, beruhige dich…

— Mich beruhigen? Du verlangst από mich, dass ich mich beruhige?! Du hast fremde Menschen in meine Wohnung gelassen, und ich soll ruhig sein? Ich drehe durch vor Wut, du solltest meine Freundin sein!!!

Marina hob die Hände und versuchte, die Wogen zu glätten.

— Hör zu. Ich war in einer finanziellen Sackgasse. In einem echten schwarzen Loch. Du warst zwei Monate weg, die Wohnung stand leer. Ich dachte, was ist schon dabei? Gute Leute, über Bekannte, für kurze Zeit. Ich habe hier keine Partys gefeiert. Alles war unter Kontrolle.

— Unter wessen Kontrolle?! —, schrie Elena. — Unter deiner? Wer bist du überhaupt, dass du mein Haus unter deine Kontrolle stellst?! In meinem Badezimmer ist fremde Zahnpasta, auf meinem Wäscheständer fremde Unterwäsche, ein Typ läuft in meinem Bademantel herum, und du sagst mir, ich soll nicht schreien?!

Marina sah, dass sie mit Sanftmut nicht weiterkam, und ging ihrerseits zum Angriff über, so wie sie es immer tat, wenn sie in die Enge getrieben wurde.

— Und was ist schon dabei? Du tust ja, als hätte ich dich ausgeraubt! Die Wohnung war doch eh leer! Ich hätte alles sauber gemacht, gewaschen, die Blumen habe ich gegossen. Du hättest nicht das Geringste gemerkt!

— Genau das hättest du nicht sagen dürfen —, antwortete Elena leise, und vor dieser Stille blieb Marina für einen Moment stumm. — Du hast unsere Freundschaft verkauft, Marina.

Der Auszug

— Packen Sie Ihre Sachen. Alle. Und beeilen Sie sich —, drehte sich Elena zu den Mietern um.  Olga weinte leise vor Demütigung. Artjom packte wütend die Rucksäcke, während er gleichzeitig sein Geld von Marina zurückforderte.

— Lös das Problem jetzt, du bist μια erwachsene Frau, das Geld konntest du ja auch prima nehmen! —, schrie Artjom Marina an.

Gegen sieben Uhr abends war die Wohnung endlich leer. Artjom drehte sich ein letztes Mal mit den Koffern um und sah Elena an:

— Es tut mir leid. Wir sind wirklich in einen fremden Raum eingedrungen, aber wir wussten es nicht…

— Nein, Sie haben keinen Einbruch begangen —, sagte Elena. — Ihnen wurde die Tür geöffnet.  Marina blieb als Letzte. Sie sammelte ein paar Gläser und Servietten ein, stand dann im Flur und fragte leise:

— Und was passiert jetzt?

Elena sah sie lange an. Ihre zerzausten Haare, das verschmierte Make-up. Mit genau diesen Händen hatte sie hier immer wieder die Betten für Fremde bezogen.

— Jetzt? —, sagte Elena. — Jetzt gibst du mir jeden einzelnen Schlüssel. Alle Kopien. Und du wirst hier nie wieder einen Fuß hineinsetzen.

Marina legte die Schlüssel auf den Schuhschrank und ging wortlos.

In der Wohnung kehrte endlich Schweigen ein. Elena rief sofort einen Schlüsseldienst, um die Schlösser auszutauschen.  Als das neue Schloss mit einem schweren, trockenen Klicken einschnappte, überprüfte Elena es einige Male und schloss die Tür ab.

Ihr Koffer lehnte noch immer an der Wand. Sie setzte sich direkt auf den Boden ihres Zimmers, lehnte den Rücken an den Koffer und brach zum ersten Mal an diesem Tag in Tränen aus. Ein Weinen voller Erschöpfung und Wut, für das sie sich selbst schämte.

Aber nachdem sie sich die Tränen abgewischt hatte, stand sie auf, öffnete ihren Koffer und begann schweigend, ihre eigenen Sachen wieder an ihren Platz zu räumen. Dies war ihr Zuhause, und das von niemand anderem.

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