— Was suchen Sie in meinem Haus? — wunderte sich Anya. — In Ihrem Haus? Ich habe es erst vor ein paar Tagen gekauft!

by zuzustory1303
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— „Igor, ich brauche Geld! Dringend!”, rief er aufgeregt und lief unruhig um Anya herum.

— „Alle brauchen Geld. Und was willst du von mir? Wenn du welches brauchst, dann verdiene es dir selbst.”

Igor verzog das Gesicht und zeigte deutlich seinen Unmut. Oft hatte er seine Schwester um finanzielle Hilfe gebeten, doch in letzter Zeit ging es auch ihm schlecht.

Sein Gehalt war seit Langem nicht mehr gestiegen, die Miete war teurer geworden, ebenso die Nebenkosten… und von Lebensmitteln war kaum noch die Rede.

Anya konnte sich selbst kaum noch etwas leisten, lebte von Monat zu Monat, und nun stand ihr Bruder wieder vor ihr.

— „Ich brauche es dringend, verstehst du?!”

— „Igor, ich brauche es auch. Und trotzdem komme ich nicht zu dir. Die Diskussion ist beendet. Ich habe kein Geld übrig.” Igor nickte, doch in seinem Blick lag etwas Seltsames. Anya konnte es nicht genau einordnen.

Verachtung? Hass?

Nein. Etwas anderes — etwas Unangenehmes. Als würde gleich etwas Schlimmes passieren. Sie spürte, dass ihr Bruder ihr Probleme bereiten würde, aber sie konnte ihn nicht ihr ganzes Leben lang tragen. Er war ein erwachsener Mann.

Ihre Familie war chaotisch, die Eltern konnten keinem von beiden helfen — sie kämpften selbst ums Überleben.

Anya hatte oft versucht, ihn auf den richtigen Weg zu bringen, aber ohne Erfolg. Schließlich entschied sie, dass sie endlich für sich selbst leben musste.

Als sie daran dachte, das Haus ihrer Großmutter zu verkaufen und sich eine kleine Wohnung in der Stadt zu kaufen, beschloss sie, am Wochenende dorthin zu fahren.

Am nächsten Tag tauchte Igor wieder auf. Er entschuldigte sich, sagte, er habe überreagiert und habe Probleme im Job. Es wirkte seltsam, aber Anya schenkte dem keine große Beachtung.

Bald zog er sogar vorübergehend bei ihr ein.

Das Wochenende verging, ohne dass Anya zum Haus fuhr.

Noch eine Woche später blieb ihr Leben unverändert: Arbeit, Müdigkeit, Sparen.

Igor saß ruhig zu Hause, ging kaum hinaus, spielte ständig am Handy und lächelte dabei seltsam.

An einem Samstag fuhr Anya endlich zum Haus der Großmutter. Der Weg war lang, doch als sie ankam, fühlte sich etwas anders an.

Die Fenster waren sauber. Jemand hatte sie geputzt.  Der Schlüssel drehte sich zu leicht im Schloss — als wäre es kürzlich geölt worden.

Drinnen roch es nach frischem Kaffee.

In der Küche: eine halbvolle Tasse, eine offene Zeitung, eine Brille auf dem Tisch.

Der Ofen war sauber.

Jemand wohnte hier.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie griff nach einem Nudelholz vom Regal.

Von oben ertönte ein Knarren.

Schritte.

Ein Mann kam ruhig die Treppe hinunter.

— „Wer sind Sie?”, fragte er gelassen.

— „Wie wer bin ich?! Das ist mein Haus! Was machen Sie hier?!”

— „Ihr Haus?” Er hob die Augenbrauen. „Ich habe es vor ein paar Tagen gekauft.”

Anya erstarrte.

— „Unmöglich… ich habe es nie verkauft!”

Der Mann zog einen Ordner hervor.

— „Sie haben eine Generalvollmacht unterschrieben.”

Anya begann zu zittern.

— „Ich habe nichts unterschrieben…”

Da verstand sie. Igor.

Sein seltsames Verhalten, sein Einzug, seine Ruhe…. Alles war geplant gewesen.

— „Das ist Betrug”, sagte sie.

— „Und ich bin auch ein Opfer”, antwortete er ruhig. „Aber ich habe bezahlt.”

Anya ging zur Polizei.

Schon bald kam die Wahrheit ans Licht: Igor und seine Freundin hatten die Vollmacht gefälscht und sich Zugang zu den Dokumenten verschafft.  Sie hatten das Haus verkauft und das Geld genommen. Als sie am Flughafen versuchten zu fliehen, brach Igor zusammen und gestand alles.

Olga versuchte, ihm die Schuld zu geben, aber es war zu spät.

Sie wurden verhaftet.

Igor erhielt vier Jahre Haft wegen Betrugs, Olga wurde als Komplizin verurteilt.

Anya empfand keine Rache. Nur Leere.

Sie verkaufte das verbliebene Haus und kaufte sich ein kleines Apartment in einer anderen Stadt.

Dort begann ein neues Leben.

Sie schrieb sich für einen Kurs in Landschaftsdesign ein, fand neue Freunde und lernte langsam wieder zu atmen, ohne Angst.

Die Vergangenheit blieb zurück.  Und Anya verstand etwas Einfaches: Der wichtigste Schritt zur Freiheit ist manchmal, niemanden mehr zuzulassen, der dich benutzt.

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